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Hettner an Keller - 01.02.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Hermann Hettner an Gottfried Keller - 01.02.1856


Dresden 1 Febr. 1856.

Sie werden mir arg zürnen, mein lieber Freund, daß ich so lange Zeit Ihren freundlichen Brief unbeantwortet ließ. Arbeiten u Zerstreuungen der mannichfachsten Art haben die Schuld dieser Zögerung; mein Leben ist hier so überhetzt und trubelvoll, daß ich mich oft in allem Ernst nach der ländlichen Einsamkeit kleiner Universitätsstädte zurücksehnen kann.

Es freut mich, daß es Ihnen in Ihrer Heimath wieder gefällt. Namentlich freut mich Ihre Rückkehr auch für Ihre gute Mutter, die ich aus der Geschichte des grünen Heinrich verehren und lieben gelernt habe. Und Zürich bietet jetzt so viele Anregung u Mannichfaltigkeit des Verkehrs, daß Sie auch in dieser Beziehung Berlin schwerlich sehr vermissen werden. Ich denke mir, daß Sie jetzt schon recht tüchtig im Sinnen und Denken, Dichten u Ausführen stecken.

Die Leute von Seldwyla sind mir noch nicht zugekommen. Ich sehe ihnen mit Spannung entgegen. In der öffentlichen Besprechung will ich gutzumachen suchen, was ich in der Anzeige des Romans etwa gesündigt habe.

Sie nehmen so freundschaftlich Theil an meinem Geschick, daß ich Ihnen vor Allen melden muß, wie meine gute Frau jetzt in Gesundheit und Gemüthstimmung wieder zu ihrer früheren Frische u Unbefangenheit zurückgekehrt ist. Die Schüchternheit ihrer Natur hatte sich anfangs hier allzusehr durch das anspruchsvolle Blaustrumpfwesen der hiesigen Damenwelt schrecken lassen; allmälig hat sie sich überzeugt, daß nicht Alles Gold ist, was glänzt und daß hinter der gleißenden Aussenseite viel Hohlheit steckt. Damit ist Ruhe u Glück wieder in unseren Mauern heimisch worden; und ich segne diese glückliche Wendung um so inniger, je ernstere Sorgen mir dieser stille Trübsinn machte. Fräulein Hilgenfeld, deren Bruder ich nochmals Ihrer einflußreichen Obhut empfehle, weilt noch in unserem Hause. Am Weihnachtsabend las ich ihr u meiner Frau einen großen Theil des ersten Bandes Ihrer Gedichte vor. Wir überzeugten uns aufs Neue, wie sinnig und lieblich diese Gedichte sind und wie feinfühlig und edel das Gemüth, das sich in diesen Gedichten ausspricht.

Ist Ihnen denn mein Buch endlich zugekommen? Ihnen und Vischer und Köchly? Bestiavia hat sich in der That als ächte Bestia gezeigt in der Saumseligkeit, mit welcher er die Versendung betrieben hat. Noch habe ich meine Freiexemplare nicht; ich fürchte die Absicht, mich um die Uebersetzung ins Englische zu prellen. Sagen Sie mir Ihr Urtheil offen. Wollen Sie etwas für die Oeffentlichkeit thun, so bin ich Ihnen um so dankbarer verpflichtet. Da die Züricher Jahrbücher noch zu stocken scheinen, so wäre mir eine andere große Schweizer Zeitschrift ebenso erwünscht, oder irgendein deutsches Blatt. Machen Sie es ganz nach Ihrem Belieben. Ich hetze und dränge nicht.

Auerbach ist wieder mit einem nichtsnutzigen Drama, das eine ganz elende Spielergeschichte ist, niedergekommen u holt sich soeben wieder bei den verschiedenen Directionen u Intendanzen etzliche Körbe. Wem nicht zu rathen ist, ist nicht zu helfen. Gutzkow bringt in den nächsten vierzehn Tagen sein neues Stück „Ella Rose“ zur Aufführung; Dawison meint, daß es einige dankbare Effecte habe[n]. Auch hat Dawison durch sein meisterhaftes Spiel sehr den Königsleutnant zu Ehren gebracht; was Auerbach um viele Nächte Schlafes beraubte. Mosenthal hat hier den „Goldschmied von Ulm“ am Neujahrstage aufführen lassen! Ich habe das Stück nicht gesehen; die Bayer-Bürk nannte es poesielos, pries es aber als ein gutes Scenarium für einen geschickten Regisseur; die Menge ist entzückt, denn es ist ein Spectakelstück mit Opernmusik. Uebrigens hat mir Mosenthals Persönlichkeit gefallen; er sieht wie ein philiströser Kanzleibeamter aus, erscheint aber als bescheiden und ehrlich. Auch habe ich inzwischen Gustav Freytag kennen gelernt. Er hat auf mich einen viel günstigeren Eindruck gemacht als ich erwartete, obgleich allerdings ein Stück Waldemar und Finck in ihm unverkennbar ist.

Nun erzählen Sie aber auch mir, was Sie inzwischen gesehen, erlebt und gearbeitet haben. Mit Bedauern höre ich, daß Vischer von seiner Frau getrennt lebt. Mir sind diese Fälle besonders auch deshalb so leid, weil die Gegner so leicht Angriffswaffen zur Bekämpfung des neuen Prinzips erhalten; was wird der Verfasser des Eritis sicut Deus jubiliren! Wissen Sie etwas Näheres über die Veranlassung?

Auch schreiben Sie über die Verhältnisse des Polytechnikums. Moleschott ist sehr entzückt von Zürich. Sie werden ihn sicher liebgewinnen; er ist eine kreuzbrave Seele.

Mein kleiner Georg treibt seine Schauspielerstückchen lustig fort. Auch scheint sich Felix’s Augenleiden allmälich zu bessern. Elisabeth ist ein stilles gutes Kind. Am Weihnachtsabend waren allesammt sehr lustig und glücklich.

Meine Frau grüßt herzlichst. Baldigster Antwort entgegensehend verbleibe ich in treuster Liebe

herzlichst der Ihrige

Hettner

Bergstr. Nr 1.

  
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