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Keller an Heyse - 01.06.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Paul Heyse - 01.06.1882


Zürich 1 Juni 1882

Aus Vergnügen über deine guten Nachrichten, lieber Freund, will ich Dir in der That sofort antworten; denn weil ich nichts von Dir gehört noch gelesen, hatte ich einige Besorgniß, es möchte nicht ganz gut stehen. Ich war sogar auf dem Punkte, mich mit einer Anfrage an dein Haus in Münchheim zu wenden resp. eine kleine Correspondenz mit dem Fräulein anzuspinnen, wo Vater und Mutter seien u. s. w. Diesem Fräulein lass’ ich mich nichts desto minder nun neuerdings empfehlen, eh es nach Leipzig reis’t um dort das Tantchen zu spielen.

Da Du jetzt wieder zwischen die neun Schwestern gestellt bist, wie der Mengsische Apollo in der Villa Albani, so hast Du Recht, wenn Du thust, was Dir wohlgefällt und das neue Dreiaktige frisch beim Zipfel nimmst. Mach Du nur drauf los, damit das Oel da ist, wenn der Bräutigam endlich kommt, den Du meinst. Er spukt übrigens ja schon überall herum, so viel ich in den Journalen sehen kann, und hat es eigentlich schon lang gethan.

Euer Palladio-Vergnügen in Vicenza betreffend habe ich gleich in Burkhardts Cicerone nachgesehen, was es dort alles gibt. Ich hoffe halbwegs, den höchst würdigen Säulen, Pilastern u Bogenstellungen in etlichen Diätverletzungen zu begegnen, die Du dir in schönen Reimen vorläufig erlaubt haben wirst.

Ich danke Dir auch schönstens für dein fleißiges Lob des Dietegen, das mir auch sine grano salis hoffentlich nichts schaden wird. Laistner hat übrigens Recht wegen des Namens. Er sollte Dietdegen geschrieben werden u gehört in die Familie der Diethelm, Diepold, Dietwald, Dietrich etc. Der Name figurirt seit Jahrhunderten im Namensverzeichnisse der Züricher Kalender, wo ich dergleichen zu suchen pflege; auch „Herdegen“ ist ein alter Zürchername.

Das Romänchen habe ich einstweilen weglegen müssen, da es wegen zu großer Aktualität jetzt noch seine Schwierigkeiten hat und leicht als eine Art Pamphlet angesehen werden oder wirken könnte. Dafür bin ich auf die Idee gekommen, einen Trauerspiel- und zwei Comödienstoffe, die ich seit 3 Decennien heimlich herumtrage, in Gottes Namen als Novellen einzpöckeln, eh’ auch dies unmöglich wird. Der allgemeine Theaterpessimismus macht ja ohnehin einem alten Kerl nicht räthlich, mit solchen Jugendvelleitäten noch herauszurücken. Besagte Stoffe sind durch die Länge der Zeit ganz ausgetragen und ich kann fast Szene für Szene anfangen zu erzählen und als Neues ein freies Beschreibungsgaudium haben. Sollte eine dramatische Ader darin vermerkt werden und ich bei Kräften bleiben, so kann ich das Abenteuer ja immerhin später wagen und mein eigener Birchpfeifer sein. Aber laß mich nun diese gefährlichen Selbstentdeckungen nicht mit ironischer Schmachanthuung entgelten, sondern behandle dieselben mitleidsvoll als Skelett im Hause deines Freundes und Verehrers.

Indessen bin ich jetzt mitten in meinem lyrischen Fegefeuer sitzend, nach dem Du fragst, oder vielmehr herumgehend und viel Cigarren consumirend. Manchmal passiren 5–6 Stück in einem Tage, manchmal habe ich 2 Tage an einem einzigen, bis es entweder etwas ziemlich Anderes geworden ist oder kassirt wird. Dazwischen entsteht hie und da im Gedränge etwas Neues, kurz, Theodor Storm, der behauptet, es gebe, Goethe inbegriffen, höchstens 6 oder 7 wirklich gute lyrische Gedichte in der deutschen Literatur, würde sich entsetzen, wenn er diese posteriorkritische Reproduzirerei ansähe, von allen Göttern der momentanen Eingebung und Empfindung verlassen, was die Leutchen so nennen. Und doch gibt es gewiß auch im Lyrischen, sobald einmal vom psychischen Vorgang die Rede ist, etwas Perennirendes oder vielmehr Zeitloses. Womit ich übrigens meine Flickerei nicht beschönigen will; sie ist eben eine gebotene Sache. Ob auf Weihnachten gedruckt werden kann, ist sehr zweifelhaft, auch nicht nöthig; wozu mit dem Heidenzeug immer hinter dem Christkindchen herlaufen, dem armen Wurm? Es ist eine komische Sache, daß gerade Es der allgemeine deutsche Colporteur sein soll!

Beim Niederschreiben dieses Gedichtsels beachte ich zum ersten Mal die neue Rechtschreibung, wie sie im Anschlusse an das in Deutschland Vorbereitete in der Schweiz bereits in Schule und Amtsstuben officiel eingeführt wird. Ich merke aber nicht, daß Ihr draußen Miene macht, mit dem h u. s. w aufzuräumen, und weiß nicht, woran es liegt, daß die Autoren u großen Zeitschriften nichts thun; denn ich bin überzeugt, daß die jetzigen Bücher in wenigen Jahren dem jüngeren Geschlechte gerade so zopfig und unbeholfen vorkommen werden, wie uns die alten Drucke mit den unendlichen Ypsilons und Buchstabenverdoppelungen den „nahmentlich, nähmlich, ohnverschähmt etc“. Unangenehmer ist mir der Antiqua-Druck, da ich überzeugt bin, daß wir für den Anfang auf einen Schlag eine Menge Leser der älteren, schlichteren Klasse verlieren werden. Wie steht es nun bei Euch? Wartet Ihr auf die Initiative der Verleger, oder diese auf die Eurige? Jedenfalls glaube ich, sollte man das Nötige, soweit man gehen will, selbst besorgen und nicht den Herren Setzern überlassen. Bei metrischen Publicationen aber sollte gewiß jetzt allgemein vorgegangen werden.

Nun grüße ich recht angelegentlich die Frau Doktor Heyse und deren Wirt, den gelahrten und berühmten Paulus und Ehren vollen Freund
Deines alten
Gottfr. K.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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