Title:

Keller an Assing - 01.01.1958

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 01.01.1958


Zürich d 1 Januar 1858

Verehrtes Fräulein Assing

Ich sehe mich in Folge der Neujahrsnacht dahin reduzirt, Briefe zu schreiben; das schlechte Compliment wird faktisch sich dadurch aufheben, daß ich mit Ihnen anfange, indem ich zugleich um Nachsicht bitte. Allererst bringe ich Ihrem Herren Onkel und Ihnen meine aufrichtigsten Wünsche um Glück und Segen für das angetretene Jahr dar und mir selbst desgleichen, obgleich ich heute früh schon einen kleinen Gewitterschauer hatte, denn es ist eine alte abergläubische und heidnische Sitte bei mir, daß ich alle Neujahrsmorgen mit einer vehementen Heulerei beginnen muß und ich weiß nicht ob dies je aufhören wird. Donc je vais me sauver dans cette lettre und werde meine schlechte Laune jetzt sogleich an Ihnen auslassen!

Und zwar in Betreff der großen Gisel v. Arnim, deren Dramen ich auf Ihre Veranlassung dieser Tage gelesen habe. Ich habe Sie, liebes Fräulein, in Verdacht, daß Sie mir den großen Bären, dessen Sternbild Sie im Siegel führen, haben anbinden wollen; denn ich kann das Berliner Urtheil, von dem Sie mich unterrichteten, schlechterdings nicht verstehen. Dramen sind dies allerdings so wenig, als es überhaupt keine zu rechtfertigenden Produkte sind, allein wenn einmal ein gewisser Vorrath von Geist und Schönheit in einem Ding steckt, so hat es denn doch damit seine eigene Bewandtniß, und die Berliner, welche gestern für den Narziß geschwärmt haben, besitzen kein Patent für diese Flut von Schimpfwörtern über die arme Gisel.

Ich habe zuerst das Herz der Lais in Angriff genommen, weil es trotz seiner Größe das kleinste Opus war. Ich fand mich verblüfft darüber, daß die französische Manie der Hetären Poesie von einer soliden und sogar jungen deutschen Dame aufgenommen und fortgepflanzt wird. Doch was bei den Franzosen gedankenloser Leichtsinn ist, dürft bei dem deutschen Fräulein die pure Unwissenheit und Unschuld sein, immerhin verbunden mit einer gewissen Frechheit. Denn ahnen sollte man wenigstens, besonders wenn man so wohlbeschlagen in gewissen Wendungen ist, daß das Hetärenthum nichts anderes ist, als die allerprosaischste und philiströs niederträchtigste Sache der Welt, die nüchternste Gemeinheit des Gemüthes, und daß die Dames aux camélias und die großen Herzen der Lais die einfältigsten Fiktionen sind, die je die Welt geäfft haben. Wenn solche Bestien einer Leidenschaft fähig oder aus Uebermuth etwa genereus werden, so hat das nicht mehr zu bedeuten, als wenn ein Dieb mit gestohlenem Geld den anständigen Mann spielt. Der Unsinn zeigt sich in dieser Lais sehr bequem; denn wenn dies Geschöpf sein Leben zu opfern im Stand ist, warum hat es den Nero nicht längst getödtet und so tausende errettet? Aber abgesehen auch von der Gewissenlosigkeit, ein solches Stück zu schreiben (denn was soll aus den jungen unerfahrenen Mädchens werden, wenn die erwachsenen Weiber dergleichen Dinge predigen) steckt dies Dramchen so voll famoser Schönheiten, daß man nicht mit einer Nadel dazwischen stechen kann.

In den beiden größeren Pieçen sah ich mit Bedauern, daß der Arnim-Brentano’sche Hausjargon noch ungeschwächt fortwuchert, was auf die Länge langweilig wird, und wenn die Gisela heirathet, so ist kein Ende abzusehen. Aber neben den vielen Geschmacklosigkeiten ist doch auch in diesen Stücken ein solcher Fonds von feinem und originellem Geist, daß nach meiner Meinung mit bloßer Wegwerfung dagegen nicht aufzukommen ist, vielmehr die Person, die dergleichen hervorbringt, alle „Considération“ in Anspruch nehmen darf.

Die ästhetische Cour z. B. bei der Vittoria ist freilich ein modernes Theekränzchen, aber doch in ihrer Art ein Meisterstück, das Mährchen, das die Vittoria erzählt, eine wahre Perle der Poesie. Ich habe das Buch auch andern Leuten, die sonst Urtheil haben, gezeigt und manche Züge daraus hervorgehoben, und auch diese fanden das Mitgetheilte nur lobenswerth.

Da ich nun auch von anderer Seite her aus Berlin einen Brief erhielt, worin über diese undramatischen Dramen förmlich gewüthet wird, so muß ich annehmen daß die Luft in diesem Gegensatz eine Rolle spielt.

Schon seh’ ich den Süden gegen den Norden sich erheben, die vergessenen Fahnen des ästhetischen Urtheils auf’s neue sich entfalten und der unerhörteste Krieg wird beginnen, der je um ein Nichts geführt wurde. Wenn Sie dann, auf weißem Zelter in den feindlichen Schlachtreihen einher fliegen werden, so wird mein Herz in den furchtbarsten Conflikt kommen, aber ich werde mich meiner Fahne opfern und die gefangene Gisel aus dem nordischen Heere heraus holen und zu Leipzig deponiren. Dies ist die erste Rezension die ich an einem Neujahrstag geschrieben habe und scheint mir auf ein fleißiges Jahr zu deuten, so daß Sie sich nur bald an Ihr zweites Buch machen können, denn meine Novellen sollen Ihnen nicht mehr lange zum Vorwand dienen.

Nun bin ich doch in den 2. Januar gekommen. Unsere Straßen sind heute ganz mit geputzten Kindern bedeckt, welche von Mägden u Bedienten herumgeführt werden. Auf Neujahr geben nämlich die gelehrten, künstlerischen, militärischen, wohlthätigen und andere Gesellschaften sogenannte Neujahrsstücke heraus, welche Biographien verdienter Mitbürger, lokalgeschichtliche Monographien u. d. gl. enthalten nebst Portraits und Kupfern aller Art, je nach dem Gebiet der Gesellschaft, zur Belehrung und Ergötzung der Jugend. Diese Hefte läßt man am 2 Januar durch die festlich geputzten Kinder auf den Gesellschaftslokalen abholen, wo einige wohlwollende freundliche Herren sitzen und aus langen neuen Thonpfeifen Tobak rauchen, der auf einem silbernen Teller liegt. Die Kinder überbringen in ein Papier gewickelt ein Geldgeschenk für die Gesellschaftskasse, (die sämmtlichen Päckchen tragen sie in einem niedlichen Körbchen) und erhalten dafür das Neujahrsstück, werden mit Thee, Muskateller und Confekt bewirthet und dürfen die etwaigen Sammlungen u Raritäten der Gesellschaft besichtigen. So gehts von Haus zu Haus und die geöffneten Heiligthümer der alten Stadt sind von einer jubelnden Kinderwelt angefüllt. Seit ein par Jahrhunderten besteht der Brauch, da einige Gesellschaften eben so alt sind, wie die Musikgesellschaft, die Gesellschaft der Stadtbibliothek u die Feuerwerkergesellschaft, welche letztere in ihren Neujahrsstücken stets martialische Kriegsgegenstände abhandelt zum Vergnügen der Knaben, auch bekommen diese den alten Waffensaal zu sehen mit der ehrwürdigen Kriegsbeute aus den früheren Jahrhunderten, während auf dem Musiksaale die kleinen Mädchen kokett ein Morgenkonzert anhören und ihre Mütter nachahmen. Wer keine eigenen Kinder hat, beglückt fremde Kinder, die keine oder unvermögliche Eltern haben, mit der Sendung. Einzig die derbe Schützengesellschaft (400 Jahre alt) ist so unlitterarisch geblieben, daß sie statt Schrift und Bild ein Pack Kuchen verabreicht und überdies im Geruche steht, die Jungens mit kleinen Räuschen zu versehen, indem sie dieselben aus ihren alten Ehrenpokalen trinken läßt.

Ich wiederhole angelegentlich meine Neujahrswünsche und empfehle mich Ihnen und Herrn Varnhagen v. Ense auch für 1858 auf’s angelegentlichste

Ihr dankbar ergebenster
Gottfr. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum