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Melos an Keller - 02.02.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 02.02.1882


Düsseldorf IV.
Herderstraße 31.
den 2. Febr. 1882.

Theuerster und gewiß auch nachsichtigster aller Freunde und Altersgenossen!

Seit dem Jahre 1866, in dem mein liebes Mütterchen zur ewigen Heimath einging, bin ich im Besitz eines Bücher- u. Spiegelschrankes von alterthümlicher Construction u. Vergoldung. Diesen Schrank schenkte mein seliger Vater der Mutter im Jahr 1805, wo beide sich in das sanfte Joch der Ehe begaben. So lange ich denken kann habe ich diesen Schrank wie ein kleines Heiligthum betrachtet, u. meine allerfrühesten Erinnerungen sind mit demselben verflochten. Der alte Freund erzählt mir oft liebe, oft auch traurige Geschichten, die niemand hört wie ich, und die auch nie aufgezeichnet werden. Seitdem aber der Schrank in meinem Besitz ist, steht er immer in dem Zimmer welches ich bewohne, u. birgt meine kleine Bibliothek, die mir dadurch besonders werthvoll ist, daß die Bücher fast lauter liebe Widmungen enthalten, u. mir zum größten Theil – nach u. nach – von unserm Ferdinand geschenkt wurden. Zu gleicher Zeit ist mir dieser Bücherschrank aber auch Bildergallerie, da ich keinen Palast besitze, in dem ich mir speciell eine solche einrichten könnte. Die auszustellenden Bilder sind überhaupt nur Portraits, von denen auch stets nur eines am Rücken unserer Classiker lehnt. Ich vermeide somit allen Neid u. alle Eifersucht u. kann mich so auch wochenlang ungestört in die Züge eines lieben Freundes vertiefen. Indessen habe ich dies Jahr zuerst erfahren, daß dies Verfahren ein gewagtes Experiment oder auch ein gänzliches Verfahren ist. Es ereignete sich nämlich, daß am 14. Dez. v. J. Gottfried Keller mein Ausstellungslokal bezog. Bis zum 21. Dez. blickte er mich immer freundlich lächelnd an. In der zweiten Woche konnte er eine kleine Verstimmung nicht bergen, da er nicht einmal zu Weihnachten einen freundschaftlichen Gruß empfangen habe. „Aber, liebster Freund“, redete ich ihn an – „wie können Sie nur so ungerecht sein! Wissen Sie denn nicht, daß unser Dienstmädchen von ihrem Tanzvergnügen nicht heimkehrte u. wir sie entlassen mußten, wodurch uns eine Kette von Kehr- Feuer- u. Küchendivertissements zu Theil wurde, die nichts von Feder, Dinte u. Papier wissen wollten? Es ergriff mich ein stilles Sehnen, nicht nach Ihnen, bester Freund – sondern nach Ihrer trefflichen Schwester, die ich mit Besen, Staubtuch u. Kochlöffel in die Herderstraße hätte zaubern mögen.“ Sie nahmen mir das aber sehr übel; denn als in der dritten Woche vom 28. Dez. bis 4. Jan. auch noch kein Neujahrsgruß abgegangen war, machten Sie entschieden ein sehr finsteres Gesicht. Als ich Ihnen nun in der vierten Woche erklärte, daß ich jeden freien Abend Ihr „Sinngedicht“ zur Hand nähme, um es Schwester Ida vorzulesen, daß wir uns in langen Besprechungen seiner Vorzüge ergötzten, aber als strenge Kritiker (ein Amt welches ich meinem Schwesterlein gern allein überlasse) auch das nicht verschweigen könnten, was zu tadeln wäre, so runzelten Sie wohl die hohe, freie Stirn, ließen aber doch ein freundliches, vielleicht auch etwas sarkastisches, mitleidiges Lächeln Ihre Lippen umspielen, als wenn Sie hätten sagen wollen: Ihr armen Sterblichen! Trotz Eures Tadels, ist auch dies Sinngedicht seiner Unsterblichkeit gewiß! Wir zankten uns ein wenig, weil ich sehr naseweis erwiederte, daß ich das schon allein wüßte u. doch auch ein Wörtlein in dieser Angelegenheit sprechen könnte, sintemalen ich, oder meinetwegen auch die h. Elisabeth, dazu beigetragen hätte, daß in der dritten Woche des Erscheinens das Sinngedicht die zweite Auflage erlebt hätte. Wir ereiferten uns gegenseitig nicht wenig. Ihre Augen schossen Blitze, daß sich die meinigen schließen mußten u. so machte ich kurzen Prozeß und packte Sie ein. Das war ein ausgezeichnetes Mittel, denn Sie haben sich musterhaft sanft u. liebevoll betragen, so lange Sie v. 18- 28. Jan. in Soest weilten, welches alte, romantische Nest, mit seinen vielen Erinnerungen an Ferdinand, Ihnen ganz besonders gefallen mußte. Seitdem ich aber die arme Gisberte Freiligrath verlassen habe, die jetzt sehr einsam ist, weil sie im Nov. v. J. ihre Schwester Lina begraben mußte, fangen Sie wieder an ganz rebellisch zu werden. Ich glaube Sie sind der Ausstellung müde u. verlangen nach Ruhe. Dasselbe Verlangen hege ich aber auch; denn ich will Ihnen nur gestehen, daß ich die schrecklichsten Gewissensbisse habe, Ihnen noch keinen Gruß aus Düsseldorf, noch keinen warmen, innigen Dank für all die treuen Wünsche zu unserer Uebersiedelung, für all die Beweise alter Freundschaft zugerufen zu haben. Ihr lieber Brief v. 24. Okt. traf uns schon im tiefsten Einpacken u. in arger Verwüstung der sonst so trauten Räume. Wir freuten uns aber innigst Ihres Reisesegens, und ich nahm mir vor Ihnen baldmöglichst von unserm Ergehen Bericht zu erstatten. Indessen ging die Uebersiedelung doch fast über unsere Kräfte, obwohl die guten Eichmann’s uns hülfreich zur Seite standen u. Percy sich durch Fleiß u. Geschicklichkeit Kisten zu öffnen u. auszupacken etc. etc. besonders auszeichnete. Es dauerte manche Woche, ehe wir uns nur einigermaßen heimisch fühlten, u. ehe Schreiner u. Tapezierer das Haus geräumt hatten. Nun ist’s aber auch gemüthlich, trotzdem noch manches fehlt u. ausgeschmückt werden könnte. Die Hauptsache ist, daß unser Percy sich unter der mütterlichen Pflege u. in seinen behaglichen Zimmern mehr u. mehr erholt u. täglich blühender u. frischer aussieht. Ida ist natürlich sehr glücklich, u. freut sich das Opfer des Umzugs gebracht zu haben. Auch die Tante söhnt sich beim Anblick des Neffen mehr u. mehr mit Düsseldorf aus, obwohl sie oft ein stilles Heimweh nach dem Neckar u. den dortigen Freunden nicht unterdrücken kann. Wir leben hier noch sehr still und zurückgezogen u. werden es wohl auch fernerhin thun. Das Haus, welches wir allein bewohnen, liegt von der Stadt u. auch vom Rheine sehr entfernt. Felder u. Wiesen umgeben uns – u. der Grafenberg sendet Waldesluft zu uns herüber. An dem kleinen Hause befindet sich auch ein kleiner Garten, der aber noch der Einrichtung bedarf, eine Veranda u. ein Balkon. So können wir uns der frischen Luft erfreuen, ohne das Haus u. sein Bereich zu verlassen. Kommen Sie nur hübsch diesen Sommer u. sehen Sie selbst wo wir geblieben sind; denn vor der Hand reflektiren Sie doch noch nicht auf eine Himmelfahrt, sintemal es auch sehr fraglich mit meiner Sternenschleppe aussehen würde. O, Sie Spötter! Uebrigens bin ich eine Feindin aller Schleppen, namentlich wenn sie Sterne im Gefolge haben sollten, die mir doch zu gefährlich sein würden. Kommen Sie nur, damit ich Ihnen selbst für all Ihre schönen Dichtungen danken u. Ihnen erzählen kann, was mir am besten gefallen hat. Wenn man den Schluß Ihres Sinngedichtes auch erhoffte, so war doch die Wendung ganz unvergleichlich u. bewies mir wieder wie richtig Walesrode’s Behauptung ist: „daß kein wahrer Dichter existire, der nicht auch gesunden Humor hätte“. Sie müssen sich auch unsern 6 Fußlangen Percy ansehen, um dessen Pathenschaft Sie so schmählich gekommen sind. Da er aber nicht abgeneigt zu sein scheint auch einmal eine „bessre Hälfte“ heimzuführen, so können wir immer noch hoffen zusammen Gevatter zu stehen, was uns allerdings viel Kosten verursachen wird, weshalb wir schon anfangen möchten zu sparen. Wenn Sie alle drei Wochen eine neue Auflage erleben, so sind Ihre Ausgaben allerdings gesichert; mit den meinigen sieht es dagegen sehr unsicher aus.

Und nun nehmen Sie auch noch einen besondern Dank für Ihr liebes Bild, welches mir viel Freude gemacht hat u. mit welchem ich schon ganz vertraut geworden bin wie Sie sehen. Die Aehnlichkeit mit einem Kaminfeger habe ich aber, trotz meines Studiums noch nicht entdecken können. Noch mehr werde ich mich aber freuen, wenn Sie mir auch einen Abzug des Münchner Stiches erobern wollen.

Besser als Ihre Photo ist dem Maler Buchner die Photographie des Hasenclever’schen Bildes von Ferdinand gelungen. Die Radirung darnach werden Sie aus dem „Dichterleben“ kennen; da aber die Photo. so viel treuer u. besser ist, so erlaubt sich Schwester Ida sie Ihnen als kleines Andenken zu überreichen. Ida glaubt, daß Sie selbst mit im Atelier von Hasenclever waren, als Ferdinand zu diesem Bilde saß. Ist es nicht so? Es wurde im Jahre 1851 gemalt.

Aus Ihren lieben Briefen geht hervor, daß Sie dem Erscheinen des „Dichterlebens“ mit Interesse gefolgt sind. Nun möchte Schwester Ida gern wissen, ob Sie sich das Buch selbst angeschafft haben, da sie den Verleger beauftragte, Ihnen – nach der Vollendung des Werkes – ein Exemplar zuzusenden.

Und nun Gott befohlen, mein theurer Freund! Zürnen Sie mir nicht wegen meines langen Schweigens, zürnen Sie mir aber auch nicht wegen meiner langen u. langstieligen Plauderei. Schwester Ida u. Percy senden Ihnen die herzlichsten Grüße u. besten Wünsche denen ich mich natürlich in erster Reihe anschließe.

Immer von ganzem Herzen
Ihre
älteste und treuste
Freundin
Maria Melos.

  
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