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L. Duncker an Keller - 02.09.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Lina Duncker an Gottfried Keller - 02.09.1856


Berlin den 2ten Sept. 1856.

Lieber Herr Keller!

Mein Mann ist sehr stolz darauf Ihnen sagen zu können, dß er Ihnen noch nie einen Geschäftsbrief geschrieben habe, ob der Stolz begründet ist, scheint mir noch zweifelhaft, Herr Vieweg schrieb Ihnen viele Geschäftsbriefe und Sie ließen ihn Jahr und Tag auf Manuskript warten, sich beklagend daß man Sie dränge und belästige, Herr Duncker quält Sie nicht, treibt Sie nicht, schreibt Ihnen nicht, und Sie lassen ihn ebenfalls warten, auch zuletzt ungeduldig werden, was soll man nun, wie soll man es mit Ihnen machen? Nachdem die Herren im Geschäft kopfschüttelnd nach dieser Frage auseinandergingen, dachte ich Sie noch einmal an die versprochenen Novellen zu erinnern, und mein ergrautes Oberhaupt trug mir demnach auf, Ihnen dies mal noch in Güte und Freundschaft nächstens aber wirklich mit den groben Fäusten des Geschäftsstyls zu Leibe zu gehen. „Schreibe ihm“ sagte er, „daß er bekanntlich schon 250 Thaler für die Novellen erhalten diese aber nach Kontrakt beinahe an den Verleger zurückzuzahlen habe, da seit Nov. 1855, ein monatlicher Abzug von 25 Thaler vom Autor bewilligt sei, wenn solcher nicht bis 1 Nov 1855 Manuskript geliefert habe.“ – Da besagter Autor obige Bedingung, zu eigenem Nutz und Frommen, wahrscheinlich selbst diktirt, so wird er dieselbe auch nicht vergessen, sondern am 1ten September in sein Hauptbuch eingetragen haben dß er von Herr Duncker für versprochene Novellen 1, an baarem Gelde 250 Thaler erhalten habe, und die für selbiges Manuskript noch zugesagten weitern 250 Thalern durch zehnmonatlichen Aufschub der Novellensendung ebenfalls bereits erhalten; zu notiren würden jeden ferneren Monat wo hier kein Manuskript einläuft, sein, dß Sie Herrn Duncker 25 Thaler schulden. – Sie scheinen mir auf diese Weise recht gute Geschäfte zu machen! Ich denke nachdem ich Ihnen den Stand der Dinge einmal recht klar gemacht werden Sie in sich gehen, – der “bösen Line“ zur Weiterbeförderung an die Buchhandlung Ihre Gegenrechnung aufstellen, Ihre Novellen einschicken und einen Brief, der die Dreistigkeit des meinigen neutralisirt. Und eigentlich sollte ich Ihnen recht gerührt und dankbar schreiben, da Sie mir zuletzt die liebenswürdige Offerte machten, mir Ihre Novellen zu dediciren. Ich lasse mich nicht gerne anführen und auslachen, und sage Ihnen also, dß ich dem Frieden nicht traue, dß ich glaube, Sie wollen sehen wie meine Eitelkeit bei einer solchen scherzhaften Anfrage ans Tageslicht kommt; ich will Ihnen aber gestehen, dß für eine Verlegersfrau dergleiche Gunstbezeugungen so sehr nach Unfreiwilligkeit aussehen, dß ich sie deshalb dankbar zurückweisen würde, wenn ich mir überhaupt aus den Meinungen der Leute etwas machte. Was mich betrifft, so wäre ein ernstlich gemeinter Vorschlag für eine Widmung, der erste der mir in meinem Leben gemacht wird, und ich habe eine kindische Freude darüber gehabt, das ist eventualiter die beste Antwort. – Meiner Schwester gehörte Ihr Brief zur Hälfte mit, da so viel von ihr und für sie darin stand ich habe denselben also an sie geschickt, und soll Ihnen sagen: „wenn Herr Keller für Lockenpapilloten arbeiten will, so kann ich seine Werke nicht annehmen, denn meine armen Locken habe ich in vieler Herren Länder verfliegen und verflattern lassen, die Stoppeln meines Herbstes sind für sich alleine schon so kapriciös, dß Kellersche Novellen keinen Umschwung hineinbringen würden. Ich fürchte, mir selbst ohne Locken wird er nichts widmen wollen, denn in den sieben Simsonschen lag alle Kraft. Die andere Macht liegt versteckt, und wiegt die vergangenen Ringeln für die meisten nicht auf.“ So meine liebe große, von Italien-Sehnsucht noch nicht wieder ruhig gewordene Schwester. Sie werden sich erinnern dß Sie ihr die weiteren Novellen wid‹m›en wollten, darauf bezieht sie die Lockenklage.

Nun von einem lieben kleinen süßen Gegenstand, von meiner drei Wochen alten Tochter. Sie macht Mutter Vater und Geschwister glücklich, das Haus Tag und Nacht lebendig, sie sitzt vor der Thür in kleinem Garten im Sonnenschein, als Schild des Hauses worauf geschrieben steht, hier hat man sich lieb und ist glücklich. Dieser Freude über ein neugebornes Leben kommt nichts im Leben gleich, so wie nichts dem Schmerz einen lieben Menschen verlieren zu müssen, sei es durch den Tod, sei es durch andere Grausamkeiten. Die Kleine ist noch nicht getauft, ich werde Ihnen später schreiben wie sie heißt. Die großen Kinder lassen auf dem Hof einen Drachen fliegen, der aber nicht fliegen will.

3 Sept. – Von sonstigen Ereignissen und Personen wäre wohl noch viel zu sagen, ich fühle mich nur noch nicht kräftig genug wie sonst zu schwatzen und zu schreiben, sondern bin noch recht zahm, matt und träge, freue mich aber die Hoffnung zu haben bald genesen, thätig und wieder von allen Bevormundungen und weisen Frauen befreit zu sein. Der Herbst mit seiner kräftigen Luft, wird mich wohl wieder frisch und etwas roth machen, ich sehe jämmerlich aus, und habe Mitleid mit mir selber. Frese ist in Bremen an der Weserzeitung angestellt, und klagt sehr über den Materialismus der Bremer, er tröstet sich mit Arbeit, und mit dem Gedanken nicht lange dort zu bleiben. Schlimmsten Falls will er heirathen, was ihm in den Weg kom‹m›t. Ebenfalls der Spinnenfresser Fabriz, der sich augenblicklich in Pommern auf die Weide begeben hat, d. h. aufs Land, um sich den alten Junggesellen abzustreifen und als freiender Jüngling heimzukehren. Seine Phantasie scheint etwas auf Abwege zu gerathen, da er sich in der letzten Zeit, nur mit dem nordischen Achill dem jungen Fritjof verglich, und seine Angebetete eine blasse Jüdin als Ingborg an sein Herz träumt. – Daß Tégners Ingborg goldblond ist, und auch sonst nichts Orientalisches an sich hat, kümmert ihn nicht halb so viel in seinem Vergleich, als dß beide Damen viel Geld und Land besitzen. Dr. Vehse ist mit seiner Tochter bereits nach der Schweiz abgereist, ich glaube nach Savoyen zu, er hat vom Gefängniß aus gleich die Stadt verlassen, und ich sah nur den Tag vorher seine Tochter, ihn nicht mehr. – Was Sie von Frau Dr. Köchly schreiben, hat mich erfreut und amüsirt, dß Frau Anna von gemeinschaftlichen Schulerinnerungen und Backfischjahren nichts hat erzählen wollen, hat seine guten Gründe, wir sind nie zusammen in der Schule gewesen, und haben uns nur vielleicht zwei Monate in Dresden kennen gelernt, als wir Beide erwachsen waren. Die sehr hübsche Fräulein Saling imponirte mir damals so sehr durch Eleganz und schöne schwarze Locken, dß ich mich nie recht an sie herantraute, deswegen hätte ich sie jetzt hier so gerne wiedergesehen, um ihr näher zu kommen, da ich durch ihre hiesigen und Dresdner Verehrer genug von ihr hörte um sie gern kennen zu lernen.

Christiane Erdmann soll schon seit einiger Zeit mit ihrer Dame und ihrem Jüngling in Zürich sein, ist dem so, so hat sie sicher alles versucht, Sie zu finden und mit Ihnen anzubinden, und bei ihrer Beredsamkeit und Unerschrockenheit, hat sie es gewiß zum Verkehr gebracht, und erzählt mir nächstens von Ihnen. Aber recht bald erzählen Sie selbst, wie es Ihnen geht, und ernstlich schicken Sie sogleich die Novellen, sie können sonst Weihnachten nicht mehr erscheinen. Franz grüßt, er ist sehr beschäftigt und theilweise sehr sorgenvoll, denn unter uns gesagt, hat die Telegraphie noch nichts als Arbeit und Sorge gebracht und Geld gekostet.

Ich muß schließen, und bin
mit bestem Gruß Ihre
Lina Duncker

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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