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Keller an Hettner - 02.11.1855

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 02.11.1855


Berlin d. 2t. Nov. 55.

Lieber Hettner.

Ich kann es nicht länger anstehen lassen und muß Ihnen diesen unangenehmen Brief einstweilen schreiben. Ich habe Sie abermals angeführt, aber gewiß ganz gegen meine Berechnung, und will es versuchen, Ihnen wenigstens erklärlich zu machen, wie es gekommen ist, damit Sie mich einigermaßen entschuldigen mögen. Ich hatte von Vieweg für das Buch, das erst Scheube verlegen sollte, 400 Thaler zu erwarten in 2 Zahlungen. Doch wie der Kontrakt abgeschlossen werden sollte und er merkte daß ich sehr pressant war und von ihm abhing, zwickte er mir schnell noch 50 Thaler herunter, so daß es nur noch 350 waren. Nun mußte ich aber hievon dem Scheube 300 zurückgeben, worüber er 2 Wechsel auf mich gezogen und in den großen Handel geworfen hatte, auf den 15t. August und 15t. Juli. Inzwischen, als das Buch gedruckt wurde, stellte es sich heraus, daß mein Manuskript die kontraktliche Stärke nicht hatte, indem in dem Kontrakt stand: 25 Duodezbogen, was 37½ Bogen ausmacht zu 16 Seiten; ich hatte natürlich nur solche im Auge, hatte das Wort Duodezbogen, welches 24 Seiten bedeutet, in meinem Leben nie gehört, es war der Roman zum Maßstab genommen, in welchem die Bogen auch von 1–16 Seiten bezeichnet sind, wie es auch in dem neuen Buche der Fall ist, aber item, es werden 24 Seiten auf den Bogen gesetzt, und da ich das Ding arglos unterzeichnet hatte, so mußte ich mir abermals einen verhältnißmäßigen Abzug gefallen lassen, so daß ich am Ende statt der 400 Thaler, welche ich ursprünglich in Aussicht hatte, 290 erhielt, mit welchen ich dem Scheube seine 300 zurückgeben mußte, was eine große Schwierigkeit war, da mich Vieweg malitiöser Weise auf die zweite Zahlung noch lange warten ließ. So hatte ich nur die Wahl, entweder in’s Wechselgefängniß zu spazieren oder Ihnen mein Wort nicht zu halten und habe im Vertrauen auf eine ausgleichende Zukunft das letztere vorgezogen. Es kann mir indessen nicht lange mehr so gehen und wenn ich nur erst etwas Luft bekomme, wird sich die Sache schon wenden; denn es ist mir jetzt alles klar und durchsichtig und ich weiß genau was ich thun will; ich hätte mich auch diese letzten Monate unfehlbar nachgeholt, wenn mir der Teufel, nach 5jähriger guter Ruhe, nicht eine ungefüge Leidenschaft auf den Hals geschickt hätte, die ich ganz allein seit 3/4 Jahren auf meiner Stube verarbeiten muß und die mich alten Esel neben dem übrigen Aerger, Zorn und mit den Schulden um die Wette zwickt und quält. Ich sage Ihnen, das größte Uebel und die wunderlichste Composition, die einem Menschen passiren kann, ist, hochfahrend, bettelarm und verliebt zu gleicher Zeit zu sein und zwar in eine elegante Personage. Doch behalten Sie um’s Himmelswillen diese Dinge für sich.

Vieweg scheint jetzt zu den übrigen Brutalitäten auch noch die unangenehme Weise anzunehmen, daß er die Bücher verschleppt und sich ein Vergnügen daraus macht, dem Intresse des Schriftstellers an einem beförderten Erscheinen seines Buches keine Rechnung zu tragen. Eh’ er das Manuskript hat, wird man geängstigt und tribulirt mit Briefen und Correkturbogen; sobald aber der Schluß abgeliefert ist, steht alles still und er läßt die Sache gemüthlich liegen. Dies ist eine so nakte und unverschämte Fabrikbehandlung, daß es kaum zu ertragen ist, und beinahe wären jene Verleger vorzuziehen, welche kein Geld haben, aber dafür wenigstens phrasenreich dankbar und aufmerksam sind, wenn sie etwas Gutes zu verlegen bekommen. Vom ersten Band Ihrer Literaturgeschichte ist auch noch nichts zu sehen. Hoffentlich sind Sie mit den lieben Ihrigen gesund und so grüße ich Sie bis zu meiner gänzlichen Rehabilitation in Ihrem Hause, an der ich eifrig arbeite, bestens

Ihr Gottfr. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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