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Keller an Assing - Feb. 1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - Feb. 1857


Zürich im Februar 1857!

Verehrtes Fräulein Assing!

Da Herr Baron Schultz aus Lievland über Berlin geht und so gut sein will, mir einen Brief zu besorgen, so muß ich endlich in meinen verstockten Busen greifen und sehen wie ich mich gegen Ihre Güte bestmöglichst aus der Sache ziehe, aus dem Schein der Undankbarkeit und Grobheit; denn ich habe gethan, als ob weder die Kossacksche Kritik, noch die treffliche und liebenswürdige Kaminfegergeschichte der Rosa Maria, noch endlich Ihr freundlicher Brief vom August v. J. mit seiner edlen Pietät und Dankbarkeit gegen Länder und Dinge, die man auf Reisen sieht, als ob dies alles mich gar nicht gerührt hätte! Und doch hat mir Alles große Freude gemacht, obgleich ich wußte, daß z. B. Ihre Reisedankbarkeit betreffend, dies unter rechten Leuten nichts Ungewöhnliches, sondern ganz in der Ordnung ist. Ich spiele hier auf den ruchlosen Herman Grimm an, der ungeschickter und unbedachter Weise mein höchst gelegenes Land Europas mit einer Kellerwohnung vergleicht. Diese Herren wollen es in ihrem jetzigen Wirken so sehr dem jungen Goethe nachthun in zierlichen und kecken Versuchen aller Art; allein die gute Ackerkrumme für gute Früchte, die Pietät für allerlei Dinge, so man sieht, und die Fähigkeit, die Welt anders zu sehen, als durch Berliner Guckkastenlöcher, scheint verdächtiger Weise zu fehlen. Hier muß ich mich selbst ein bischen rühmen, zur Erholung von obiger Kapuzinade: als ich kaum in Berlin mich ein wenig umgesehen hatte, sah ich sogleich, woran ich mich zu halten habe, und ging spreeaufwärts spazieren oder suchte die stillen Seeen in den Fichtenwäldern auf mit ihrer stillen Sonne, und wenn meine Landsleute über die schauerliche Gegend klagten, so hielt ich dieser treulich die Stange, und habe sie auch jetzt noch nicht vergessen, wo mir die schönsten Buchenwälder und Bergzüge, rauschende Ströme und die lustige Sihl zu Gebote stehen, die jetzt kleinlaut genug unter dem Eise wegschleicht. Aber auch der Zürichsee war diesen Monath gänzlich zugefroren und bildete nur Eine große Silberplatte in der blitzenden Sonne und weithin sah man die dunklen winzigen Menschenthierchen drüber weggleiten. Ueber der Tiefe draußen ist das Eis wie Glas so klar und man sieht darunter die grünen Seegewächse aus der schwarzen Tiefe aufsteigen. Es sind aber leider mehrere Menschen verunglückt, als es noch nicht fest genug war.

Es thut mir wahrhaftig leid, daß ich Ihnen einen solchen blinden Schreck verursacht habe, wegen meines Attentates auf Heine. Wie Sie bemerkt haben werden, ist dasselbe unterblieben, aber nicht wegen Ihrer Ermahnungen (denn bei aller Ehrerbietung müssen wir uns unsre Unabhängigkeit wahren!) sondern weil mich plötzlich ein Widerwillen gegen solche polemische Produkte befiel. Indessen wäre der todte Heine ganz gut gefahren dabei, wie ich glaube, und es wäre mehr eine plastische poetische Charakteristik seines Wesens geworden (z. B. am Schluß ein Pariser Todtentanz à la Holbein auf dem Kirchhof Mont-mârtre nebst eindringlichen Ermahnungen an die Lebenden, daß jetzt des Guten genug sei und wir uns endlich konsequent und aufrichtig vom Witz, Unwitz und Willkürthum der letzten Romantik lossagen, und wieder zur ehrlichen und naiven Auffassung halten müßten. A. Meißner’s Buch, so sehr es mich unterhalten hat, ist mir im Ganzen eine widerliche Erscheinung gewesen, da es mir hauptsächlich geschrieben scheint, um seinen Autor zu produziren, und zwar mit den wohlfeilen Mitteln unmittelbarer Fortsetzung Heine’schen Wesens. So z. B. das Durchhecheln komischer Gestalten, u s. f. Die Schilderung der Freunde Börnes unter Anderm ist sehr gewandt und pikant, und doch werthlos, weil eine nackte Nachahmung der Manier des Meisters. Auch fürchte ich, der gute Meißner wollte sich mit diesem Buche als „gefährlich“ auskünden, gewissermaßen als der Nachfolger und Erbe Heinrich Heines, was jedenfalls nur entgegengesetzt wirken würde.

Ich las jüngst eine Beschreibung des Berliner jüngsten Künstlerfestes, in der Nationalzeitung, und daß Humboldt, Ihr Herr Onkel u. s. f. das Fest mit Ihrer Gegenwart beehrt hätten; da dachte ich, Sie seien gewiß auch dabei gewesen und wünschte Ihnen viel Vergnügen gehabt zu haben. Auch von der „musenhaften Fräulein Ney“ las ich, die ich bei Gott ganz vergessen hatte! Ich wünsche Ihr, daß sie ein weiblicher Pygmalion werden möge, eine Pygmalia, die sich einen recht hübschen Mann aus dem Marmor heraus meißelt. Während des Kriegslärmens wurde ich öfters gefragt, ob ich denn gar keine Nachrichten aus Berlin habe, der ich doch so viele Jahre dort mich umgetrieben, und ich erwiederte alsdann mit bedauerlicher Miene: Ach! die guten Leutchen dürfen eben nichts schreiben, was ihnen gefährlich werden könnte! während ich wohl wußte, daß ich allein selbst schuld sei an dem Ausbleiben aller Briefe, indem ich seit 3/4 Jahr an Niemand geschrieben; denn meine Lieblingskunst ist, mich in eine künstliche Vergessenheit zu bringen, um mich nachher darüber zu ärgern. Der Kriegsspektakel war übrigens sehr schön und feierlich hier zu Lande und es war uns dummen Kerlen sehr ernst damit. Indessen hat er uns um Vieles vorwärts gebracht in unsern innern Verhältnissen und wenn Sie seiner Majestät begegnen, so danken Sie doch allerhöchstderselben dafür in meinem Namen! Ich bin aber ein par Monate lang ganz aus allem Arbeiten herausgekommen, denn ich habe Leitartikel geschrieben, in die Scheibe geschossen, in den Kafehäusern gekannegießert und lauter solches Teufelszeug getrieben. Meine Schwester strickte Strümpfe für die Soldaten, kam damit zu spät und jammerte sehr. „Da ist leicht zu helfen, sagte ich, ich zieh’ die Strümpfe schon an!“ Allein ich mußte ihr die Baarauslagen für die Wolle ersetzen! Auch ein Schwesterstücklein, wie sie sehen!

Vorigen Herbst war die Liszt-Wittgenstein’sche Familie in Zürich, manche Woche, um bei Wagner zu sein, und da wurden alle Capacitäten Zürichs herbeigezogen, einen Hof zu bilden. Ich wurde versuchsweise auch ein parmal citirt, aber schleunigst wieder freigegeben. Bei den andern Brutussen hingegen machte die Fürstin entschieden Glück und Alle sind ihres Lobes voll, besonders da sie seither an alle Einzelnen, wie Vischer, Moleschott, Köchly etc intressante Briefe schreibt. Auch hat sie allen das große Rietschel’sche Medaillon Liszt’s geschickt, daß sie es bei sich aufhängen sollen.

Grüßen Sie auch Ring von mir recht herzlich, hoffentlich ist er noch immer gleich vergnügt. Ich mußte letzthin lachen, als ihm Einer im Morgenblatt glaub ich aufrüffelte, daß er seine Damen im Romane Milton alle Augenblicke in der Augenfarbe alterniren lassen! Ich habe den Milton noch nicht gelesen, werde es aber bald thun. Auch bitte ich Sie, sonst grüßen zu wollen, wer mich etwa kennt, besonders Herrn u Frau Stahr, die Ihnen gewiß von unserm  Kadettenfest erzählt haben. Ich hoffe daß Sie mit Ihrem verehrten Herrn Oncle recht wohl und munter sind und allerhand Schönes u Gutes befördern und betreiben, und indem ich Ihnen verspreche bald möglichst etwas Gedrucktes von mir sehen zu lassen und dann wieder ein bischen zu plaudern, empfehle ich mich Ihrer

ferneren guten Gewogenheit

 Ihr ergebenster Gotfried Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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