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Keller an Heyse - 03.11.1859

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Paul Heyse - 03.11.1859


Lieber Freund!

Professor Vischer hat mir Ihr neues Novellenbuch freundlich überbracht und mir gleich meinen Namen vorgewiesen, mit welchem Sie Ihr gutes Werk verunziert haben in anmuthiger Laune des Wohlwollens.

Es ist mir schon mehrmals geschehen, daß ich mich ärgerte über Leute, welche diesem oder jenem Begabten nachrühmten, er sei zugleich auch von freundlicher und guter Gemüthsart und frei von aller Abgunst; denn ich fand jederzeit, daß die Leute, die etwas Rechtes können, selbstverständlich auch sonst ordentliche Menschen seien, weil sie den Grund eines reinen Glückes in sich tragen. Und nun wundere ich mich doch selbst über Ihr gutes Herz, wenigstens insofern ich einen Pfeil desselben auf mich gerichtet sehe, ohne mir sagen zu können, mit was ich denselben mir zugezogen. Nun, ich danke Ihnen für den schönen Gruß und werde meinen Dank mit Werkheiligkeit dadurch bethätigen, daß ich beim Verfertigen meiner eigenen Siebensachen recht fleißig an Sie denke, was freilich nur wieder mein eigener Vortheil ist. Die erste Novelle reiht sich prächtig dem Mädchen von Trepi und der Rabbiata an und ist mit der Mühle zugleich von der schönsten neuen Erfindung. Sie haben mit diesem Genre etwas ganz Neues geschaffen, in diesen italiänischen Mädchengestalten einen Typus antik einfacher ehrlicher Leidenschaftlichkeit im brennendsten Farbenglanze, so daß der einfache Organismus verbunden mit dem glühenden Kolorit einen eigenthümlichen Zauber hervorbringt. In der zweiten Novelle haben Sie mir ein Motiv wie eine Schnepfe vor der Nase weggeschossen, nämlich das feine Bummeln zweier Verliebter einen schönen Tag hindurch in einer schönen Landschaft, wodurch das bewußte Ende herbeigeführt wird. Damit soll mein nächstes Novellenbüchlein schließen, und es kommt sogar ein altes Kirchlein darin vor, in welchem eine Weinkelter steht und mit großem Geräusch gekeltert wird, während Sie ebenfalls eine mit Wein gefüllte alte Kirche haben. Ich werde das meinige Gotteshäuschen nun abtragen müssen, wenn ich nicht den Reminiszenzenjägern in die Hände fallen will. Alle vier Novellen sind wieder von der soliden selbstgewachsen‹en› Erfindung, welche die Frucht der peripatetischen Uebungen ist, die der Kopf mit dem Herzen anstellt. Die letzte, das Bild der Mutter, ist sehr stark gepfeffert und wird in manchem Boudoir etwas unsänftlich anstoßen.

Ich bin nun zunächst auf Ihr neues Drama begierig. Ich selbst habe nun Zeit, meine laufenden oder eher schleichenden Arbeiten baldigst abzuschließen, sonst muß man sich wieder neu besinnen, was ich eigentlich sonst schon geschustert habe?

Der Schiller macht uns hier ordentlichen Kummer, weil das Heer der Philister sich in zwei Lager geschieden hat, in einen feindlichen Muckerhaufen und einen hohlen Enthusiastenhaufen, der durch übertriebene und unzweckmäßige Forderungen dem ersten in die Hände arbeitet, so daß wir „Comittirte“ welche das Schifflein der Schillerfeier ehrenthalber durchschleppen müssen, den Tag verwünschen, wo wir es bestiegen. Glücklicher Weise hat das Schifflein eine gute Kajütenschenke, d. h. wir halten die Sitzungen in einem Wirthshause, wo wir einen trüblich karneolfarbigen Weinmost trinken, alle Tage frisch vom Lande herein kommend.

Burckhardt hat uns, wie Sie wissen, böslich verlassen, und schickt nur zuweilen einen Gruß. Ich hätte fast Lust, ihm ein recht muthwilliges u frivoles Buch zu dediciren, um ihm in seinem frommen Basel eine rechte Unannehmlichkeit zu bereiten, mit einer Anrede, in welcher von nichts, als den Wirthshäusern in der Umgebung Zürichs die Rede ist und etwa noch von einigen fingirten Schenkmädchen. Allein er dauerte mich doch zu sehr.

Nun seien Sie mir auch herzlichst gegrüßt. Nächstes Jahr werde ich Sie wohl einmal in München sehen, auch müssen Sie etwa wieder einen Schweizer Abstecher machen!

Ihr dankbar ergebener
Gottfried Keller
Zürich d. 3t. Nov. 1859.

  
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