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Assing an Keller - 03.03.1873

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 03.03.1873


Florenz, den 3. März 1873.

Lieber, geehrter Herr Keller,

Lange habe ich schon nach einem Briefe von Ihnen ausgesehen, und mich herzlich gefreut, als er heute wirklich eintraf. Ich hoffe auch, daß wenn ich recht bitte, Sie mir zugleich noch den angefangenen liegengebliebenen schicken, der vermuthlich eine Antwort auf den meinigen ist. Ich darf um so mehr diese Bitte wagen, da Sie ja nicht erst die Mühe des Schreibens haben, und er schon lebendig da ist. Einstweilen giebt mir der heutige die angenehmste Beschäftigung, und ich muß Ihnen sogleich sagen wie viel Vergnügen er mir macht. Ich finde es auch sehr nett und liebenswürdig von Ihnen daß Sie ein bischen „den Schulmeister machen,“ und erkenne auch hierin Ihre Güte für mich. Ich finde natürlich, daß Sie in allem Tadel vollkommen recht haben, und sollte jemals eine zweite Auflage gemacht werden, so werde ich all die Flüchtigkeiten bestens korrigiren, für die ich keine andere Entschuldigung weiß, als die Hast, mit der ich die Korrekturbogen immer denselben Tag zurücksenden mußte. Ihr Lob nun vollends können Sie denken ist mir angenehm; und ich hoffe daß Sie auch meinem Helden einige Theilnahme schenken. Ich finde ihn noch liebenswürdig selbst in manchen seiner Schwächen, wie in der naiven Bewunderung, die ihm jeder schriftstellerische Erfolg Anderer einflößte. Bettina hatte allerdings schlimme Schattenseiten; man müßte die ganze Litteratur tödten, wenn man sie verbergen wollte. Was kann ich dafür! Grimm nimmt mir gewiß am meisten übel, daß ich einige gegen ihn gerichtete Aussprüche Bettinens in den „Tagebüchern“ meines Onkels habe abdrucken lassen, denn er ist sich doch selbst der Liebste. Übrigens hat er vor Jahren schon, ich glaube aus politischer Feigheit, nach dem Tode meines Onkels in einer Weise geschrieben, die ihm wenig Ehre macht. Die alte Tante Steinheim kann ich mir lebhaft denken, wie sie aus dem Pückler’schen Briefwechsel nichts anderes herausliest, als einen Triumph für Eugenie John-Marlitt, einseitig und ohne Verständniß. Ich gestehe daß ich selbst das Gefühl des Achtzigjährigen rührend finde, fabelhaft, aber nicht lächerlich. Weit schwieriger ist mit der achtzigjährigen Tante Steinheim fertig zu werden! Denken Sie sich daß die gute Frau bei ihrer letzten Anwesenheit in Florenz sich von ein paar lügenhaften und klatschenden Seelen hat einreden lassen, ich würde einen ältlichen Wittwer hier heirathen, woran keine Spur von Wahrheit ist. Darauf nahm sie mich vor wie ein Schulkind, ermahnte mich von der Sache abzustehen, und alle meine Betheurungen, daß ich nicht entfernt daran denke, und ebensowenig der Betreffende, blieben fruchtlos. Und bei ihrem Abscheu vor Heirathen ist sie seitdem ganz erbittert gegen mich, und so verbissen in ihre Voraussetzung, daß als sie neulich nach zwei Jahren mir wieder einmal schrieb, sie von meinen „Heirathsplänen“ redet. Was soll man dagegen anfangen! Der Brief, in dem sie so redet, ist zugleich ein Glückwunschbrief zu meinem Geburtstag – zu meinen zweiundfünfzigsten! (Denn ich habe die Ehre nur zwei Jahre jünger zu sein wie Sie!) Sie sehen, die Tante Steinheim könnte auch zu einem Molière’schen Lustspiel gebraucht werden oder noch besser zu einem Goldoni’schen.

Während ich an Pückler so viel Vergnügen habe, und mit Eifer alles lese, was ich mir von Kritiken verschaffen kann, hat sich mein Verleger Campe, als eine so gemeine Seele erwiesen, daß ich nichts mehr mit ihm zu thun haben mag, und dies ist es wohl, was jener Aufsatz in der „Allgemeinen“, den ich übrigens noch nicht gesehen habe, erwähnt. Da muß ich mich nun nach einem anderen Verleger umsehen, was von hieraus doppelt schwierig ist. Ich habe nun bei Hallberger angefragt, der die früheren Werke von Pückler verlegte. Wenn Sie wüßten, wie lästig mir dergleichen Geschäftssachen sind. Arbeiten ist so angenehm, aber mit Buchhändlern verhandeln, wahrlich nicht.

Wie freue ich mich auf den zweiten Band der „Leute von Seldwyla,“ und über Ihre zweiten Auflagen! Mehr als wenn mir das begegnete! Und wie sehr verdienen Sie das! Und wie recht hatte ich Ihr Talent von jeher so sehr zu lieben!

Der arme Stein! Ich bitte ihn herzlichst wieder zu grüßen. Ja, ja, mit dem Alter muß man Geduld haben. Aber das Alter kann auch anders sein, das fühle ich, und das habe ich gesehen. Lassen Sie uns, wo möglich, uns bestreben, ein anderes „Finale zu spielen.“

Ja, wir haben hier jetzt reizende Frühlingstage; die Bäume und Sträucher haben einen smaragdenen Schimmer, einige Lorbeerarten blühen, die Cypressen haben Früchte, die Luft ist balsamisch, meine Thüren, die von meinem Arbeitszimmer auf die Terrasse führen, sind schon den ganzen Tag geöffnet, der Garten lächelt mich zauberisch an. Noch vor kurzem lag auch auf den umliegenden Bergen der Schnee wie eine Diamantenkrone, aber nun ist er sanft weggeschmolzen.

Leben Sie wohl, und schweigen Sie nicht zu lange, und seien Sie stets meiner herzlichsten Freundschaft und Anhänglichkeit versichert. Möchten Ihnen so viel Freuden im Leben begegnen, als ich sie Ihnen wünsche!

Ludmilla.

  
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