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Gottfried Keller an Berthold Auerbach - 03.06.1856Lieber verehrter Herr, Freund und Auerbach! Die Dankbarkeit ist eine so schwierige Hanthierung, daß ich bis heute daran herummorxe, diesen Brief zu Stande zu bringen! Sie haben des Guten mehr als zu viel an mir gethan, nachdem Sie mich so freundlich in Dresden aufgenommen mir Ihr schönes Buch zugesandt und ehe ich nur für dasselbe gedankt habe, mein eigenes Machwerk auf eine Weise angezeigt, wie ich nie erwarten noch verlangen durfte. Für diese letztere Gunst danke ich Ihnen wohl am besten, wenn ich Ihnen offen gestehe, welch' eine Wirkung sie gemacht und welch' angenehmen Vorschub sie mir in meiner gesellschaftlichen nächsten Umgebung geleistet hat! An allen Ecken wurde mir förmlich gratulirt, Leute, die mir ferner stehen, zogen vor mir den Hut ab, überall wurde ich angehalten und beschnarcht, als ob ich das große Loos gewonnen oder mich kürzlich verlobt hätte, so daß ich bald gerufen hätte: Hole der Teufel den Auerbach! Ich habe scheint's gar nichts getaugt, eh' dieser Eichmeister mich in der Allgemeinen geeicht hat! Den schnöden Schluß von Romeo und Julie würde ich sicherlich jetzt streichen und werde es thun, wenn das Büchlein irgend wieder einmal abgedruckt wird. Dagegen muß ich den Titel der gleichen Erzählung etwas in Schutz nehmen. Erstens ist ja das, was wir selbst schreiben, auch auf Papier gedruckt und gehört von dieser Seite zur papiernen Welt, und zweitens ist ja Shakespeare, obgleich gedruckt, doch nur das Leben selbst und keine unlebendige Reminiszenz. Hätte ich keine Bemerkung über die wirkliche Vorkommenheit der Anektodte und über die Aehnlichkeit mit dem Shakespearischen Stoffe gemacht, so hätte man mich einer gesuchten und dämlichen Wiederholung beschuldigt, während, jene kurze Notiz voraus gesagt, die Geschichte dadurch eine berechtigte Pointe erhielt; denn diejenigen, welche an Romeo und Julie nicht einmal gedacht hätten, und solcher sind viele, da man heut zu Tage ziemlich gedankenlos liest, würden alsdann die Sache für viel zu kraß und abentheuerlich erklärt haben. Nachdem ich nun den Esel vorangeschickt und von mir selber gesprochen habe, sollte ich und möchte ich viel von Ihrem köstlichen Schatzkästlein reden; aber ich fürchte, mir selbst für meine anzufertigende Besprechung des Buches das Bouquet zu nehmen, wenn ich vorher darüber schreibe, da man gewisse Vergnügen nur einmal genießen soll und sie dann um so besser genießt. Ich bin durch meinen ersten Aufenthalt in Zürich und dann durch die "verakkordirte" Arbeit so abgezogen worden, daß ich bis anhin noch <nicht> dran gehen konnte, zumal ich mich etwas zusammennehmen muß dazu. Doch kann ich nicht umhin, wenigstens jetzt zu sagen, wie sehr mich der tüchtige Stoff des Buches einerseits und andrerseits die alte liebevolle und feste Virtuosität des Seelenkundigen gefreut hat, mit der dieser Stoff ausgeführt ist. Und der alten Jugendkraft, in welcher die hochpoetischen Stellen der Erzählungen aufblitzen, steht auch die alte ehren- und vertrauensfeste freisinnige Sprache zur Seite, mit welcher das Ganze dem deutschen Volke geboten wird, als ob keine Jahre der Enttäuschung und des Elendes zwischen dazumal und jetzt lägen und als ob nicht jeder Gelbschnabel glaubte, jetzo in einem näselnden und pessimistischen oder gar blasirt mitleidigen Ton von und zum Volke sprechen zu müssen. Aber Sie gehören zu denen, die wohl wissen, daß man heut zu Tage nur noch vom Volke sagen kann, was sonst von den französischen Königen und was Anast. Grün so hübsch übersetzt hat: Die Rose ist todt, es lebe die Rose! Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und den Herren des gemüthlichen Kafekränzchens, und grüßen Sie mir den ärmsten Hettner, der seine Frau verloren! Das Papier geht zu Ende und ich will mich Ihnen selbst mit der Drohung empfehlen, daß ich bald des Weitern etwas mit Ihnen zu plaudern mir erlauben werde. Bestens grüßend Ihr ergebenster G. Keller |
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