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Heyse an Keller - 04.01.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Paul Heyse an Gottfried Keller - 04.01.1881


München. 4. Jan. 81.

Wir sind längst wieder unter eignem Dach und Fach, liebster Freund. Meine „kleine Gesundheit“ war Anfangs November schon wieder so eingeschrumpft, daß sie gänzlich zu verschwinden drohte. Da sprach meine kluge Frau ein Machtwort und entschloß uns von heut auf übermorgen zu dieser Fahrt. Es galt aber nur, überhaupt einmal zu kosten, wie Paris schmeckt, um auch dieses Gericht auf der großen Weltspeisekarte zu kennen. Nun, es schmeckt freilich nach Mehr, aber ein Erstgeburtsrecht würde ich nicht darum hingeben. Es fehlt ganz und gar dort an jenen feierlich stillen Erinnerungswinkeln, in denen sich wie in Rom, Florenz, Venedig die Seele einnistet wie der Vogel im Busch, an dem warmblütigen, kindischen und erhabenen Volksstil, der einem Menschenfreunde da unten das Herz gewinnt, am Schönen und Unschuldigen der südlicheren Romanen, und eine bis ins Kolossale u. Unabsehliche gesteigerte Eleganz ist kein Ersatz dafür. Aber ich will Dir keinen „Pariser Brief“ schreiben. Wie ich zurück war, fielen die neuen Eindrücke so kühl und platt von mir ab, daß ich die Feder wieder ansetzen konnte, wo ich sie vor 14 Tagen niedergelegt hatte. Da hätte ich nun ‹für› Deinen letzten Brief vor Allem danken sollen, verlor mich aber richtig ins Altgriechische und blieb so rüstig dabei, daß ich am 2ten Weihnachtsfeiertag einem sterbenden Alkibiades die letzte Ehre erweisen konnte. Ob er nun friedlich in der Familiengruft meines Pultes, ove sono i piu, beigesetzt werden wird, oder ob er sein Bett aufnehmen und über die Bretter der k. k. Hofburg wandeln soll, habe ich noch nicht überlegt. Es eilt auch nicht. Auf „Stücke mit nackete Füß“ wartet in Deutschland kein Mensch.

Und jetzt will ich einen langen langen Winterschlaf thun und mir von jenem Buch, das ich Dir in unserer letzten Mitternachtsstunde ankündigte, Einiges träumen lassen. Seltsam! daß Du nicht den Kopf dazu geschüttelt hast, ist dem alten Project so in die Glieder gefahren, daß es sie gereckt u. gestreckt hat und plötzlich zu einer ganz gesunden Gestalt zusammenwuchs. Dabei haben sich alle überflüssigen Extremitäten abgesondert, und ich kann hoffen, das Ganze in Einen starken Band zusammenzudrängen. Hiefür braucht es freilich rüstigere Kräfte, als der alte anbrüchige Sohn meiner lieben Mutter einstweilen einzusetzen hat, und darum will ich probiren, ob ich mich noch einmal durch eine tiefe Ruhe so weit bringen kann, daß es nicht einem Selbstmordsversuch gleicht, wenn ich mich in den Abgrund einer solchen Aufgabe stürze.

Nun erwarte ich mit Ungeduld Deine neuen Rundschau-Gaben, und fahre inzwischen fort, die alten immer wieder durchzunaschen und mir, wenn mein Mund davon überfließt, Haß u. Mißvergnügen meiner theuren Collegen zuzuziehen. Desto wohliger konnte ich vor kurzem meiner Grünen Heinrichs-Wonne Luft machen gegen einen ganz unconcurabeln Keller-Enthusiasten, Ernst Fleischl. Laß Dich aber nicht irren des Germanistenpöbels Geschrei. Diese Leute sind wie die Schlangen, die ein Lebendiges nur genießen und verdauen können, wenn sie es vorher mit ihrem Schleim überzogen haben. Da sie einem Dichtergebilde nichts abgewinnen können, wenn es ihre „Methode“ nicht in Bewegung setzt, so beginnt ihr Interesse erst mit den Varianten. Und auch hier wäre ja Manches für eine tiefere Betrachtung zu holen, wenn das ewige Starren durch ihre Goethebrille die Guten nicht myopisch gemacht hätte.

Was Du über die Laokoonfrage schreibst ist ganz nach meinem Herzen. Ich habe längst erwartet, daß einer der modernen Experimental-Aesthetiker eine Abhandlung schreiben würde über den Einfluß der Photographie auf unsere Kunst u. Literatur, da ich in derselben die Erzeugerin u. Amme unseres heutigen Realismus erblicke. Aber jene Herren haben wichtigere Dinge zu thun und schreiben selbst realistische Romane, in denen sie den Ekel unters Mikroskop bringen. – Freund Petersen hab’ ich jene Stelle Deines Briefes mitgetheilt, als Antwort auf seine Frage, warum ich bei meiner Hexe von der guten alten Gepflogenheit abgewichen, den Leser sich allein etwas malen zu lassen. Übrigens hat er auch übersehen, daß in diesem Falle das Unterschlagen des Portraits eine pure Affectation gewesen wäre. Mein Held wacht ja aus der Ohnmacht auf u. entdeckt Zug für Zug das Gesicht u. die Gestalt, die sich’s an seinem Fußende bequem gemacht hat.

Lebewohl, Geliebter! Und empfange die schönsten und herzlichsten Neujahrswünsche von meiner Frau und dem langen Fräulein. Grüße auch Dr. Bächtold, von dem Du wohl schwerlich je eine Vergewaltigung zu befahren hast. Und schließlich kannst Du jeden Augenblick den „Haftbanden entfahren“ und in die Arme flüchten Deines getreuesten

P. H.

Auch an Prof. Meyer einen freundlichen Gruß, u. an die Meise!

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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