Title:

Keller an Hettner - 04.03.1851

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Hermann Hettner - 04.03.1851


Berlin d. 4t. März 1851.

Lieber Freund!

So sehr mich Ihre freundliche Antwort auf meinen jüngsten Brief erfreut und erquickt, war sie mir doch ein Donnerschlag, als ich daraus ersah, daß Ihnen mein Hr. Verleger voreiliger Weise Aushängebogen meines Romanes zugestellt hat, ohne wenigstens den Abschluß des ersten Bandes abzuwarten. Dieser Umstand ist es vorzüglich, welcher mich antreibt, Sie schon wieder mit einer Epistel zu bestürmen, um dem mangelhaften u gewiß seltsamen Eindruck, welchen das Fragment auf Sie machen muß, vorläufig mit einigen Andeutungen nachzuhelfen, da das Unheil einmal geschehen ist. Doch davon weiter unten.

Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß ich mit sehnlicher Erwartung dem fertigen Theile Ihrer Dramaturgischen Studien. entgegensehe, und das nicht so wohl, um Sie nachher eifrig mit meinem konfusen und empirischen Urtheile bedienen zu können, als daran meine eigenen dramatischen Lebensgeister ein wenig zu wärmen und unterhalten, da sie durch andere Arbeitsrückstände und Konfusion der Geschäfte immer noch schlummern u brach liegen müssen. Die treffliche Geschichte von dem übel berathenen Rocke, welche Sie mir zu Gemüthe führen, läßt mich der Ueberzeugung leben, daß auch Sie nicht blos aus äußerlicher oder innerlicher Freundlichkeit ein so ehrendes Zutrauen in mein Raisonnement, so wie das vorläufige Lob des grünen Henri aussprechen. Doch schließt dies keineswegs aus, daß Sie dennoch meine Kräfte überschätzen könnten, und ich werde daher meine allfälligen Bemerkungen über Ihre Studien zugleich mit einer Selbstkritik begleiten, damit Sie gleich sehen, daß selbige nicht etwa apodiktisch sein sollen.

Ihre Zweifel an der inneren Berechtigung Ihrer Arbeit sind insofern ganz in der Ordnung, als sie beweisen, daß es Ihnen ernst mit der Sache ist und daß Sie eine wahre Pietät für Ihren Gegenstand empfinden. Dies festgestellt, dürfen Sie dann aber auch um so überzeugter sein von der Berechtigung und dem Willkommensein des Buches; denn wo rechtes Streben und lebendiger Geist zusammen wirken, kann es keinen absoluten Irrthum geben. Ich, der ich mich einstweilen noch, bis auf weitere vielleicht eintreffende Enttäuschung, für einen Produzenten und Experimentator halten möchte, muß Ihnen offen gestehen, daß ich bisher noch keine dramaturgische Arbeit, sei es von Rötscher oder von immer wem, gelesen habe, ohne etwas daraus gelernt zu haben, wenn ich auch über den konkreten Fall nicht einig mit dem Philosophen war. Selbst in dem von Schiefheiten wimmelnden dicken Buche des Herrn Gervinus habe ich eine reichliche Ausbeute an Anregungen zum Weiterspinnen gemacht. Um wie viel mehr darf sich also die Klasse der Lernbegierigen und lebensfrohen~, welche ich mit repräsentire, von Ihnen versprechen, der Sie ja unsern anerkannten Bedürfnissen und Grundsätzen, so wie dem Leben der Gegenwart und den Hoffnungen der Zukunft unendlich näher stehen, als alle jene Herren. Doch abgesehen von allen Eventualitäten, sage ich Ihnen mit aufrichtigem Ernste, daß Ihr Buch, nach dem was ich von Ihnen weiß und von Anderen täglich lese, das Beste und Bedeutendste sein wird, was in neuerer Zeit geschrieben wurde, und daß ich mir eine äußerst wohlthuende Wirkung davon verspreche in jedem Fall.

Bei aller inneren Wahrheit reichen für unser jetziges Bedürfniß, für den heutigen Gesichtskreis, unsere alten klassischen Dokumente nicht mehr aus, und ich glaube keine krasse Dummheit zu sagen, wenn ich behaupte, daß die Lessingische Dramaturgie uns mehr in historischer u formeller Hinsicht noch berührt, fast wie sein Kampf mit dem Pastor Götze. Und was ist seither geschrieben worden? Die praktischen, ebenfalls klassischen Erfahrungen und Beobachtungen von Göthe, Schiller u Tiek! aber diese Leute sind längst gestorben und ahnten nicht den riesenschnellen Verfall der alten Welt. Es verhält sich ja ebenso mit den Meisterdichtungen Göthes u Schillers; es ist der wunderliche Fall eingetreten, wo wir jene klassischen Muster auch nicht annähernd erreicht oder glücklich nachgeahmt haben und doch nicht mehr nach ihnen zurück, sondern nach dem unbekannten Neuen streben müssen, das uns so viele Geburtsschmerzen macht. Daß es so lange (? laßt doch der Natur ein wenig Ruhe!) ausbleibt, berechtigt uns zu keinem Pessimismus; sobald der rechte Mann geboren wird, der erste, beste, wird es da sein. Und alsdann werden veränderte Sitten und Völkerverhältnisse viele Kunstregeln und Motive bedingen, welche nicht in dem Lebens- u Denkkreise unserer Klassiker lagen, und ebenso einige ausschließen, welche in demselben seiner Zeit ihr Gedeihen fanden. So sehe ich wenigstens die Sache an und begrüße daher jeden Lichtblick mit Freuden, welcher die gegenwärtige Dämmerung durchblitzt. Was ewig gleich bleiben muß, ist das Streben nach Humanität, in welchem uns jene Sterne, wie diejenigen früherer Zeiten, vorleuchten. Was aber diese Humanität jederzeit umfassen solle: dieses zu bestimmen hängt nicht von dem Talente und dem Streben ab, sondern von der Zeit und der Geschichte.

Was die künftige politische Comödie und ihr wahrscheinliches Hervorgehen aus der jetzigen Lokalposse betrifft, so glaube ich Ihnen schon im vergangenen Jahre etwas darüber gemeldet zu haben. Ich weiß daher nicht, ob ich mich jetzt wiederhole, wenn ich Ihnen meine Ansichten u Vermuthungen unmaßgeblich mittheile. Gerade dies ist ein Gegenstand, ein Gebiet, in welches die Klassiker vor 50 Jahren noch keine Aussichten hatten und ich bin überzeugt, daß wenn wir jetzt einen dreißig- oder vierzigjährigen Göthe hätten, ja selbst nur einen Wieland, so würde dieser aus den vorhandenen Anfängen bald etwas gemacht haben. Denn sowohl die Form, als die Art des Witzes und seines Vortrages sind neu und ursprünglich. Und was das Beste und Herrlichste ist: Das Volk, die Zeit haben sich diese Gattung selbst geschaffen nach ihrem Bedürfnisse, sie ist kein Produkt literarhistorischer Experimente, wie etwa die gelehrte Aufwärmung des Aristophanes und Ähnliches! Gerade deswegen wird vielleicht ihre Bedeutung von den gelehrten Herren ignorirt, bis sie ihnen fertig und gewappnet, wie die junge Pallas, vor den Augen steht.

In der gegenwärtigen Beschaffenheit der Possen ragen vorzüglich zwei wichtige Momente hervor. Das Eine ist die freie Willkür in der Oekonomie und die Allegorisirung politischer und moralischer Begriffe, aber in durchaus unsern Zuständen homogener Weise und nicht wie es z. B. Platen in blinder Nachahmung gethan hat. Dadurch wird der für die politische Comödie durchaus nöthige göttliche Unsinn und unbeschränkte Muthwillen wieder hergestellt. Das andere Moment ist die Verbindung der Musik mit der Dichtung, in den Couplets. Diese hat, wenigstens in ihrer jetzigen Bedeutung, das Wiener Volk mit seinen obskuren Possendichtern erfunden und der Bühne geschenkt und es ist weiter nichts dazu zu thun, als reinere Poesie und ein tüchtiger Inhalt, welches übrigens für das Ganze ebenfalls gilt. Die Weihe der Poesie wird von wahren Dichtern, welche den Willen und das Bedürfniß des Volkes darzustellen im Stande sein werden, gebracht werden und sicher nicht ausbleiben, wenn der tüchtige Inhalt durch die Geschichte verschafft wird. Gegenwärtig reitet man immer auf dem Philister und seiner Misere herum, welches eben kein poetischer Stoff ist, und auf den Erbärmlichkeiten der jetzigen Politik, insofern die Polizei es erlaubt. Dies ist schon lohnender; jedoch wird der rechte Stoff erst dann vorhanden sein, wenn die Völker frei, geordnete würdige Zustände und wahre Staatsmänner und andere Träger der Cultur vorhanden sind. Alsdann werden auch die Conflikte und Differenzen der Völkerschaften würdiger Art sein und einen tüchtigen Inhalt für eine wahre Poesie abgeben. Denn im Theater über einen Lumpenhund zu lachen, ist nichts Erbauliches; erst wenn wirklich große, aber einseitige Staatsmänner, großartige Dummheiten ganzer Völker, edle Philosophen, die sich in irgend ein Paradoxon hinein geritten haben, Gegenstand des dramatischen Spottes werden, wird auch die Posse eine edlere Natur annehmen können und müssen.

Inzwischen ist es immerhin schon ein bedeutendes Schauspiel, die Bevölkerung einer so pfiffigen Weltstadt, wie Berlin, vor der Bühne versammelt und dem muthwilligen Schauspieler, der ihr seine Anspielungen mit wehmüthiger Laune vorsingt, eifrigst lauschen und zujubeln zu sehen. Bemerkenswerth ist auch, daß die Kunst der komischen Darstellung der Dichtung weit vorausgeschritten ist und bereits schon jetzt für eine klassische Komödie beinahe fertig und reif wäre, während in der Tragödie die Darstellung fast eben soweit hinter den Dichtungen, die wir besitzen, zurückgeblieben ist. Vorzüglich beim Vortrage der Couplets, welche die jeweilige Kritik der Tages Misere, des politischen u moralischen Unfuges enthalten, excelliren die Komiker. Sie machen wunderliche und höchst muthwillige Gesten und Sprünge dazu, meistens zwei zusammen; das Werfen der belebten Beine gibt der Satire noch Nachdruck, während das Orchester bei und nach den Refrain’s durch brummige Paukenschläge, durch einen schrillen Pfeifentriller oder einen lächerlichen Strich auf der Baßgeige den Eindruck noch erhöht und das Gelächter vermehrt. Ich habe lebhaft mitgefühlt, wie in solchen Momenten das arme Volk und der an sich selbst verzweifelnde Philister Genugthuung findet für angethane Unbill, ja wie solche leichte Lufthiebe tiefer dringen und nachhaltiger zu wirken vermögen, als manche Kammerrede. Ich führe die Einzelheiten der Darstellung, vorzüglich die Mimik u die Musik, nur deswegen an, damit Sie sehen, wie auch hierin ein wichtiger Lebenskeim für die Zukunft liegt: denn sie bedingen ein inniges Zusammenwirken des Dichters mit den andern Bühnenkünsten und ein Eingehen desselben in die lebendigen Gebräuche. Er wird sich vor unplastischen und unsingbaren Phantasien hüten müssen, während diese lustigen Schnurren ihm neue Ideen und einen kräftigeren Ton angeben werden. Die Natur dieser Komödie bedingt es ferner, daß Vieles in Uebereinkunft mit dem ganzen Personal der Bühne und nach den momentanen Vorkommnissen und Stimmungen der Oeffentlichkeit eingerichtet werden muß, und daraus wird wieder etwas Lebendiges und Wahres entstehen. Denn es ist eine Lüge, was die literarischen Schlafmützen behaupten, daß die Angelegenheiten des Tages keinen poetischen u bleibenden Werth hätten. In Berlin ist es der Dichter Kalisch, welcher das für jetzt Bestmögliche leistet. Seine Sachen werden auf dem Königsstädtischen Theater gegeben; allein wie gesagt, der Inhalt ist halt noch nicht viel werth.

Nun noch einige Worte über den Henri vert. Ich habe bei diesem Unglücklichen das gewagte Manöver gemacht, daß ich meine eigene Jugendgeschichte zum Inhalt des ersten Theiles machte, um dann darauf den weiteren Verlauf des Romanes zu gründen, und zwar so, wie er mir selbst auch hätte passiren können, wenn ich mich nicht zusammengenommen hätte. Es kommt nun Alles darauf an, ob es mir mehr oder weniger gelungen sei, das Gewöhnliche u Jedem Naheliegende darzustellen, ohne gewöhnlich u platt oder langweilig zu sein; und dies ist es, was ich mir vorgeworfen zu sehen befürchte. Ich hatte nicht die Intention, aus eitler Subjektivität diese Jugendgeschichte einzufügen, weil sie die meinige ist, sondern obgleich sie es ist und stellte mir dabei einfach die Aufgabe, mich selbst mir objektiv zu machen und ein Exempel zu statuiren. Deßnahen ließ ich auch Alles weg, was nicht charakteristisch für den Endzweck des Buches ist.

Ich hatte die doppelte Tendenz: einestheils zu zeigen, wie wenig Garantien auch ein aufgeklärter u freier Staat, wie der Zürcher’sche, für die sichere Erziehung des Einzelnen darbiete heutzutage noch, wenn diese Garantien nicht schon in der Familie oder den individuellen Verhältnissen vorhanden sind, und anderntheils den psychischen Prozeß in einem reich angelegten Gemüthe nachzuweisen, welches mit der sentimental-rationellen Religiosität des heutigen aufgeklärten aber schwächlichen Deismus in die Welt geht und an ihre nothwendigen Erscheinungen den willkürlichen u phantastischen Maßstab jener wunderlichen Religiosität legt und darüber zu Grunde geht. Dieß wird der Inhalt des zweiten Theiles sein. Doch ist mir die angewandte Novellistik, zum Theil auf äußeres u inneres Erlebniß gegründet, noch weit bedenklicher, als die Jugendgeschichte und ich habe eine jämmerliche Angst, das Buch aus den Händen zu lassen, da es mir viel verderben kann und ich, nach dem langen Zaudern u Sprechen davon, mich schämen muß, wenn es durchfällt. Meine Hauptstütze ist die Hoffnung, daß das spezifische Geplauder u Geschwätz des Buches für stillere u feinere Leute, welche nicht auf großen Eclat sehen, angenehm und unterhaltend sein möchte. Und dies wäre mir am Ende genug; denn ich hätte wenigstens den Beweis, daß ich schreiben kann, und könnte diese edle Kunst dann später besser anwenden. Allein gerade bei dem ersten Theil ist es mir höchst unangenehm, daß Sie nur die Hälfte davon gelesen haben, indem derselbe zu seiner Ehrenrettung durchaus abgerundet sein muß. Haben Sie die Güte mir nach Ihrer Ankunft in Jena bald Ihre Adresse zu schicken, damit Sie dann das ganze Buch erhalten können.

Meine verehrte Gönnerin, die Frau Professor Hettner, bitte ich bis dahin auch noch für den Heinrich wohlgesinnt zu bleiben; er wird sich bald genug schlecht aufführen und dann Ihrer Gnade vielleicht verlustig werden.

Ihr immer gleicher
Gottfr. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum