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Melos an Keller - 05.02.1878

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 05.02.1878


Cannstatt d. 5. Febr. 1878.

Mein verehrter, theurer Freund und Altersgenosse!

Wenn ich genau wüßte, daß mir jeder verspätete Dank so viel Freude, Genuß u. Besitz einbrächte, so glaube ich fast, daß ich mir das Danken ganz abgewöhnen würde. Aber freilich befleißigen sich nicht alle Freunde solcher Liebenswürdigkeit u. Aufmerksamkeit, wie Sie es thun, weshalb mein ohnehin dankbar gestimmtes Herz das Danken nicht gleich an den Nagel hängen wird. Daß sich mir aber die Verzögerung so günstig erweisen würde, hätte ich weder geahnt noch gehofft, weshalb mir auch die Versuchung nahe tritt künftighin in’s Aufschieben zu gerathen. Sie tragen dann die Verantwortung solcher Unterlassungssünden auf Ihrem Gewissen.

So hören u. staunen Sie denn, daß wir schon vor mehreren Wochen von H. Weibert „Ihren Befehlen gehorsam“ ein Exemplar der Züricher Novellen zugeschickt bekamen, welches wir Beide mit neidischen Augen betrachteten. Die Preisfrage: welche der beiden Schwestern darf sich dieses Exemplar ganz ausschließlich aneignen? blieb unentschieden. Wären wir nicht so wohlerzogene, friedliebende u. uns gegenseitig liebende Schwestern, wir hätten uns unsere grauen Haare im Kampfe um dies Besitzthum ausgerissen. So aber trat von vornherein ein Waffenstillstand ein. Mit Wehmuth u. Resignation blickten wir auf ein Exemplar von Dr. Hoefners nie ermüdender Feder „Dunkle Fenster“ welches er beiden Schwestern zusendete u. mit gebundner Rede widmete. Auch auf den „Briefwechsel zwischen Schiller u. Cotta“, von Dr. Vollmer herausgegeben, fielen unsere Augen, da das Titelblatt die Inschrift trägt: „dem hochverehrten Schwesternpaar etc“. Hier aber war keine Widmung. Der Besitz der „Züricher Novellen“ blieb zweifelhaft. Unzweifelhaft nur war, daß wir uns mit wahrem Hochgenuß in diese Lektüre vertieften.

Wer beschreibt nun unser freudiges Staunen unsere angenehme Ueberraschung, als Ihre Sendung eintraf? Meine Feder vermag solches nicht – ich muß es einer gewandteren überlassen. Dieses Exemplar nahm ich nun sofort u. unbestritten in mein Besitzthum. Einige Schwierigkeiten würde nun wieder die Frage wegen der Photographien hervorgerufen haben, die ich eigentlich beide mir aneignen wollte, wenn – trotz der vorgeblichen Tyrannei, die ich ausüben soll – Ida nicht sofort die Frage gelöst hätte, indem sie erklärte: „Die Cabinetphotographie behalte ich.“ So blieb mir nur der „Schulmeister“, der auch am besten für mich paßt. Fände ich aber einmal einen solchen „Schuhmacher“ so würde ich ihm unbedingt mein Schuhwerk anvertrauen u. könnte einer anregenden Unterhaltung beim Anmessen meiner Stiefeln gewiß sein. Aber ich will nur gleich die Hoffnung eines solchen Fundes aufgeben, da er mir doch nicht gelingen würde.

Nun wäre es aber an der Zeit zu danken. Wie soll ich Ihnen aber danken für all’ Ihre Güte u. Freundlichkeit, für Ihren lieben Brief, für Ihr liebes Bild – u. für Ihre geistigen Schöpfungen, die mir ein so fortwährender Genuß sind? Ich wollte, daß ich Ihnen die Hand drücken u. Ihnen in’s Auge schauen könnte, das wäre besser, als alle Dankesworte. Einer Vorlesung über Ihre Eitelkeit würden Sie aber dabei nicht entgehen. Glauben Sie denn, vermöge Ihrer Unsterblichkeit, allein eine Ausnahme unter den Sterblichen zu machen? Wollen Sie ewig jung bleiben? Wollen Sie noch das Ansehen eines 18jährigen Jünglings tragen, wenn Sie schon ein halbes Jahrhundert den Gang der Welt beobachteten? Ich möchte das Gepräge meines Alterthums gar nicht einbüßen – u. würde es nicht für die Jugend hingeben, deren ich mich noch im Jahre 1846 erfreute. Wenn wir uns jetzt wiedersehen sollten, würden wir uns in den ersten Augenblicken wohl befremdend anschauen. Da aber die alte Freundschaft dieselbe geblieben ist so würde das Befremdende bald schwinden.

In der Schweiz würde mir auch Alles neu u. wunderbar vorkommen, trotzdem ich noch sehr lebhafte Erinnerungen an die landschaftlichen Schönheiten derselben habe. Wäre ich Malerin, ich getraute mir noch einzelne Bilder aus der Erinnerung hinzuwerfen, wozu Sie vielleicht, als Kunst- u. Sachverständiger sehr die Achseln zucken werden. Was nicht mehr ganz frisch im Gedächtniß ist, haben Sie durch Ihre unvergleichlichen Schilderungen wieder schön aufgefrischt. Ich bitte dies nicht als „verdächtige Flattusen“ zu nehmen, deren Bekanntschaft ich noch nie gemacht habe. Was ich namentlich bei Ihnen bewundere, ist das Talent die wirklich historischen Facten so getreu mit den Gebilden Ihrer Phantasie zu verschmelzen, daß Alles wie aus einem Guße ist. Und der Maler verläugnet sich auch nie in Ihren Schilderungen, denn nur ein solcher kann es möglich machen die landschaftliche Umgebung so klar, so naturgetreu u. so poetisch uns vor Augen zu führen. Ob ich ein gut gemaltes Bild ansehe – oder eine Ihrer Beschreibungen lese, gilt mir gleich. Ich muß oft daran denken, wenn meine Blicke auf ein liebes schönes Bild von Zürich fallen, welches mir der theure Ferdinand beim Scheiden von dort, im Frühjahr 1846 schenkte. Es hat immer die Räume meiner verschiedenen Wohnzimmerchen geschmückt – u. ist mir nun jetzt doppelt lieb u. werth geworden. – Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen auch verrathen, daß Ihre „Verehrerin“ auch Malerin ist. Sie gibt in der hiesigen Töchterschule den Unterricht im Zeichnen – u. ist ein hübsches, schlankes, sehr kluges Mädchen. Ueber die 18 Jahre ist sie hinaus, hat aber noch ganz die Frische der Jugend. Sie heißt Susanna, woran Sie sich müssen genügen lassen, denn den Familiennamen verrathe ich nicht. Nächstens wird sie wieder in den Züricher Novellen schwelgen, auf deren zweiten Band sie äußerst gespannt ist. Wird Ihnen nicht ganz unruhig zu Muthe?

Mehr Ruhe scheinen Sie Frau Ludmilla gegenüber gehabt zu haben. Sie hätten doch jedenfalls ein rendez-vous versuchen müssen, ob zur bestimmten oder unbestimmten Zeit blieb sich gleich. So vermuthete Frau Ludmilla, wie sie meiner Schwester schrieb, daß Sie verreist gewesen wären. Sie sind eben ein sehr weiser Mann, wie ich Ihnen noch zum Schluße meiner Epistel bemerken muß. Sonst hätten Sie auch nicht ausfindig gemacht, daß Schwester Ida „einem ähnlichen Drucke geduldig nachzugeben behauptet“. Ich bin aber auch weise und vermuthe, daß es mit „Ihrem Drucke“ dieselbe Bewandniß hat. Grüßen Sie mir nur den Schwester-Tyrannen herzlich, da wir so viel Beziehungen zu einander haben – u. auch hinsichtlich der Prosa uns freundlichst begegnen.

Gott befohlen, mein theurer Freund!
Nochmals den innigsten Dank
von Ihrer
alten Freundin
Maria Melos.

  
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