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Heyse an Keller - 05.06.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Paul Heyse an Gottfried Keller - 05.06.1881


Wenn das Sprichwort Recht hätte, Liebster, und Schweigen wäre wirklich Gold und Alles, was ich in diesen letzten Monaten gegen Dich zusammengeschwiegen, würde Dir bar ausbezahlt, so müsstest Du zur Stund ein kleiner Millionär sein. Ich aber, wenn ich einmal der Gläubiger war, habe mich nie bereichert gefühlt, hätte vielmehr mit Abschlagszahlungen in schlechterem Metall vorlieb genommen, wenn’s nur nicht gerade Blech gewesen wäre. Der Himmel weiß, welcher Teufel mich ritt, daß ich mir fest einbildete, ich müsse Dir etwas recht Sinniges über Dein „Sinngedicht“ sagen, eher könne ich mich nicht vor Dir sehen lassen. Und da ich zuerst abwartete, bis ich mich des Ganzen erfreut haben würde, und hernach wieder am Einzelnen hängen blieb, ist dies dumme Verstummen zu Stande gekommen, das ich heute beim Styx und allen Höllenrichtern für ewige Zeiten abschwöre. Ich hätte durch Nutzen klüger geworden sein können. Denn oft ist mir’s mit Deinen Sachen so ergangen, daß ich dies u. das zu Anfang nicht ganz nach meinem Gusto fand, was mir hernach desto trefflicher schmeckte, da Deine Sachen eben keine Kartoffeln sind von denen der Dichter singt: „sie däu’n sich lieblich und geschwind“. Wenn ich nun aber doch „etwas Vorläufiges“ sagen soll, so ist mir, abgesehen von der gemüthlosen Zerstückelung durch die monatliche Collation, der Zweifel ein wenig im Wege gewesen, ob Alles in einem nothwendigen Zusammenhang stehe, oder die Bilder nur lose in den Rahmen gefügt seien. Ich suchte daher hinter Manchem mehr, als seiner Natur nach dahinter sein konnte, und verdarb mir das frische von der Leber weg-Genießen. Nun sehe ich, daß ich mich selbst zum Besten gehabt habe, und in der Rückschau treten die einzelnen Figuren in ihrer unbekümmerten Selbstgenüglichkeit ganz anders und ganz mit Deinem alten Zauber vor mich hin, und so werde ich sie jetzt zum zweiten Mal genießen, als ob es keinen Rahmen in der Welt gäbe. (Nicht daß ich diesen geringschätzte; er ist nur nicht weit genug, Alles zu fassen, was über seinen Rand schwillt.) Ob ich dann über drei oder vier Anstöße hinüberkomme, die sich mir in die Seele gehakt haben, bin ich selbst neugierig zu erproben. Ob die Abwandlung der Sippschaft Deiner illustre fregona, der Baronin, mir nicht nach wie vor barbarisch erscheinen, das Schweigen der jungen Eheleute während der Meerfahrt, das Reginens trübseliges Ende herbeiführt, nicht allzu gewaltsam vorkommen wird, ob ich das „Kameel“ verdauen lerne, obwohl mein Zartgefühl etwas weiter ist als ein Nadelöhr, ob – aber ich glaube, ich bin schon zu Ende. Petersen, der Musterleser, hat auf seiner Novellistenrundreise auch mich gestreift und mir erzählt, Du wollest das schließliche gute Ende noch etwas breiter austönen lassen, was mir sehr willkommen ist. (Halt! da fällt mir ein, daß Dein trefflicher Don Correa doch vielleicht noch vor dem Verdacht ein wenig mehr geschützt werden könnte, als ob er gar zu brünstig dem schlimmen Weibe in den Schooß gerannt wäre. Wenn sie so ist, wie sie sich später entlarvt, sollt’ es wohl hie u. da zu Anfang durchblicken, von welchem Schlag sie ist. Zwei Zeilen würden genügen. Die Wildin ist desto herzerquicklicher.)

Ich habe in dieser langen Zeit viel Ungemach erlitten, immer wider den Wind laviren und mit dem bischen Sonnenblick vorlieb nehmen müssen, der zwischendurch mein müdes Haupt beschlich. War in Rothenburg an der Tauber acht Tage lang – wovon Du ein Mehreres schriftlich erleben wirst – bei meiner Frau Tochter auf dem Gut, immer mit einem teufelsmäßigen Hinkefuß, aus welchem die Unlust jetzt durch Streichen und Kneten kunstgerecht hinausexorcisirt wird. Der Orlando ist mit Ach und Krach vorgerückt, eine sehr problematische Novelle zu Stande gekommen, die im October-Rundschauheft erscheinen wird, u. das alte Leben so fortgeschleppt worden, mit jenem agrodolcen Nachgeschmack, den Weisheit und Tugend zu verleihen pflegen, wenn man sich ihrer in tormentis bedient. Zu jenem Roman, von dem ich ein Wort in unsrer letzten Viertelstunde fallen ließ, mag ich gar nicht reden um nicht den Stachel der Ohnmacht, daß ich ihn nicht schreiben kann, mir wieder neu ins Fleisch zu wühlen. Ich erwarte mit Kummer das Ende des Juli, wo ich mich von meinem treuen Weibe auf ganze 6 Wochen scheiden soll, um ganz Deutschland zwischen uns zu bringen. Sie soll nach St. Moritz, dessen Luft mich aus all meinen Sinnen ängstigt, ich an die Ostsee, die wie alle Seenähe ihr verderblich wäre. Das Fräulein wird indeß auf der Mitte des Weges ihr junges Leben genießen, in Leipzig u. Dresden. Und dies wäre nun das. Was auf diesem Blatte steht, mag ich gar nicht erst überlesen. Ich bin froh, daß ich überhaupt endlich wieder zu Worte gekommen bin. Laß mich’s nicht entgelten, Geliebtester, und bleibe mir gut. Meine Wybervölkcher grüßen herzlichst, auch die Großmama, deren letzte Liebe Du bist. Lebewohl!

M. 5. VI. 81.

Dein ältester PaulHeyse

  
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