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Keller an Assing - 05.07.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 05.07.1857


Zürich d. 5. Juli 1857.

Verehrtes Fräulein Assing!

Als ich heute früh, am schönsten Sonntagmorgen, mich eben hinter den Webstuhl setzen wollte, auf welchem die Dunkerschen Novellen schon so lange aufgespannt sind, kam der Briefträger mit einer ganzen Buschel Briefe, Päckchen, Kreuzbände, Scheine u. d gl. alle Arten von Postformen zumal, wie sie zuweilen der launische Zufall anhäuft in der Hand unserer Merkure. Ich vermuthete verdrießlich nichts als nichtssagende lit. Aufforderungen, dumme Mittheilungen, Manuskripte unverschämter armer Teufel, welche Empfehlung u Verleger suchen, und nachdem sie von den Auktoritäten ersten Ranges höflich aber rasch abgewiesen, die Runde bei den auftauchenden Nebelsternen zweiten Ranges beginnen, unter erlogenem Vorgeben ungeheurer Verehrung, sich auf deren Eitelkeit und mindere Erfahrung verlassend. Es beschleicht und quält mich oft der Gedanke, daß ich bis jetzt der Welt noch gar nichts Reelles genützt habe, aber ein Blick auf diese, wenn auch meistens unnützen, Postkonvolute gibt mir wenigstens den leichten Trost, daß ich doch schon einen ansehnlichen Portoumsatz verursache und so zu den Staatseinkünften der verschiedensten Staatlichkeiten mein Schärflein beitrage. Ich wollte also schon die ganze Buschel in eine Ecke werfen, um den Morgen nicht so prosaisch anzuduseln, als mein Auge noch glücklicherweise ein wohlbekanntes anmuthiges Siegel attrappirte, das da mehrfach über Brief und Päckchen gestreut war. Zuerst befreite ich die arme todte Gräfin aus ihrer schwarzen Hülle, war mit einem Blick auf den Titel über die Sachlage orientiert, und las dann sogleich Ihren willkommenen gütigen Brief. Nun ist es drei Uhr Nachmittags, ich habe das Leben jener Frau, Ihr Werk, gelesen bis auf den Anhang, und da der Tag einmal zur Neige geht, will ich Ihnen gleich noch meinen Dank aufnotiren. Indessen mögen Sie bei Dunkers sich verantworten, daß ihr Manuskript um einen Tag länger nicht fertig wird.

Ich wünsche Ihnen nun aufrichtig und von Herzen Glück um des schönen und wichtigen Beitrages willen, mit welchem Sie unsere Literatur und die Jahrbücher deutschen Lebens bereichert haben. Ich wußte zwar schon aus Ihrem freundlichen Munde manches Bedeutsame über dies reiche, wie von einem großen melancholischen Dichter erfundene Frauenleben; aber daß es in solchem Grade typisch und poetisch und an die höchsten Ereignisse anknüpfend sei, davon hatte ich freilich keine Ahnung. Wie würdig treten Sie, und mit welch’ glücklichem und inhaltvollem Gegenstand, in die Fußstapfen Ihres verehrungswürdigen und unvergleichlichen Herren Oncle, und wenn Ihrer Schreibart auch jener künstlerisch-männliche kristallene Witz abgeht, der Herren Varnhagens Schrift durchzieht (was Ihnen durchaus nicht als ein Fehlendes angerechnet werden darf, da es nicht anders sein darf) so haben Sie doch in Klarheit, Zweckmäßigkeit und musterhafter Anordnung, in einer meisterlichen Steigerung des Interesses das Beste geleistet. Ihr Buch unterrichtet, bildet, und läßt zugleich eine Stimmung zurück, wie nach dem Genuß eines tiefsinnigen wohlgeschriebenen Romanes. Denn die Hauptgrundzüge dieses Lebens könnten nicht edler und tragischer gedacht sein. Wie erschütternd ist die Lösung u Aufklärung des Lützow’schen Drama’s nachdem im Beginne desselben die ungeschickt kalten, hohlen Liebesbriefe des Freiers Einem gleich die Ahnung erweckten, daß dieser brave frische Kriegsmann doch keine Spur ächter Frauenliebe in sich trage! Daß Elisa keinen Instinkt hiefür hatte, sondern das Eis liebte, ist freilich auch ihre tragische Schuld, wie denn überhaupt ein unverholenes ganzes und ausgestaltetes Liebesleben nirgends ersichtlich wird. Ich verkenne natürlich nicht, daß eine derartige Ausführung der Verfasserin in keiner Weise erlaubt und möglich war, aber bei den tief romantischen übrigen Grundzügen vermehrt gerade dieser Mangel an brennenderer Farbe den dämonischen Eindruck als ob diese sämmtlichen bedeutenden Gestalten, Helden, Feen und Dichter, Eisherzen in der Brust, mit einem Feuer spielen, an dem diese Herzen sich vernichten.

Wie herrlich zutreffend ist es aber, daß dieser gedankenlose Rittersmann, der doch so tapfer u großherzig war, daß er in allen Kämpfen nur Wunden davontrug, erst im nahenden Alter, in Kummer und Reue die aufrichtige schöne Sprache der Sehnsucht nach der Frau lernte, so daß nun seine letzten Briefe eben so schön sind, als die ersten unerträglich waren in ihrer Nichtigkeit.

Und wie wahrhaft tragisch, daß die Gräfin abermals, in der Immerman’schen Geschichte, vernichtet wird, diesmal weil sie es zu vorsichtig, zu vorsehungsartig und gut machen wollte, abermals eine Art höheren Spieles, anstatt wie die anderen Menschenkinder das Glück auf dem geraden Wege menschlicher Dinge zu wagen.

Aber daß die beiden Verbindungen, in welchen die Heldin des Buches mehr oder weniger glücklich war, so lange Zeiträume von 14 und 12 Jahren umfassen, während welcher sie so viel wirkt und erlebt, gibt dem Ganzen einen weiten und breiten epischen Charakter und der Heldin jene scheinbar ewige penelopeische Jugend der Alten.

Dieß sind wahrhaftig keine Phrasen und Verzierungen von mir, sondern meine augenblickliche Stimmung, nachdem ich das Buch gelesen. Wahrhaftig, Fräulein, sie haben einen meisterlichen Trumpf ausgespielt mit diesem fertigen und so durchaus berechtigten Werke, und jeder Scherz darüber, daß Sie nun offen in die Phalanx der Schriftstellerinnen getreten seien etc. wird von vornherein unmöglich, da die Sache auch für den wohlgemeintesten Spaß zu respektabel ist. Aber es ist doch eine farbenreiche und sonnige Zeit, welche vor Ihnen lag! Wie wunderbar zart und sehnsuchterregend spielt die Gestalt jenes untadelichen Friesen’s in unsere Geschichte herein, und wie trefflich ökonomisch verwendeten Sie dieselbe! Und dieser Vietinghoff! Es wimmelt in dem Buche von Romanzen und Balladen. Doch ich schwatze wie ein begeisterter Primaner. Item, Sie sehen, daß Ihre Arbeit wirkt!

Daß Ihre alten Herren, die Varnhagen, Fürst Pückler’s und General Pfuel’s liebenswürdiger sind, als die Jungen, ist keine große Kunst. Wenn man die Welt in der Tasche hat wie solche Größen, und sich dergestalt unbezweifelt in die Mitte gestellt sieht, der kann sich doch gewiß leichter bewegen und hervorkehren, als der erst noch Alles zu thun und zu hoffen hat, abgesehen daß den Jungen durch die Gegenwart der Alten von selbst Zurückhaltung geboten ist. Das wäre doch schön, wenn die grauen Helden sich amüsiren, und die jungen Schlucker wollten es ihnen zuvorthun und ihnen jeden Augenblick dazwischenpfuschen!

Ich danke Ihnen für Ihre Rezensions Abschnitzel, diesmal war mir Alles bekannt. Prutz ist ein dummer Kerl und versteht nichts, denn er rühmt gerade was schlecht und tadelt was gut ist. Paul Heyse war vorgestern bei mir und sagte mir, daß die vom König v. Baiern besoldeten Genies (er P. H. mit eingeschlossen) alle auf die drei gerechten Kammmacher schwören, und danach Punktum! Denn diesen Leuten glaube ich, da sie das rühmen, was mir selbst am besten gefällt!

Unsere Rosen sind eben versammelt und von der Abendsonne bestreift. Sie lassen Sie grüßen; da ich sie nicht zählen kann, so weiß ich nicht genau, wieviel Grüße es sind, etwa gegen 200. Aber bereits steht eine hohe weiße Lilie unter ihnen, welche den armen rothen Teufeln heimleuchtet, dahin, woher sie gekommen sind! Denn: Vorüber ist die Rosenzeit, und Liljen steh’n im Feld, sagt Geibel sehr richtig. Gehen Sie dies Jahr nirgends hin? Sie müssen mit dem Herrn Oncle, dem ich mich angelegentlich empfehlen möchte, doch gewiß noch einmal nach Zürich kommen! Bleiben Sie ferner ein Bischen gewogen

Ihrem dankbaren G. Keller

  
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