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Keller an Hettner - 06.02.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 06.02.1856


Zürich d. 6t. / 2 1856.

Lieber Freund!

Ich habe Ihr Buch seit länger als 14 Tagen und es beinahe zu Ende gelesen; die Exemplare an Köchli und Vischer habe ich sofort abgegeben, aber noch keinen der Herren darüber gesprochen; Vischer werde ich heut Abend sehen und Köchli seinen Einladungen gemäß nächstens einmal besuchen. Da ich wenigstens meine Freixemplare (Leute v. Seldw.) erhalten, so scheinen Sie ja von der bewußten Viehhürde aus noch schlechter behandelt zu werden als ich; man hatte mir geschrieben, es sei bereits ein Exemplar an Sie abgegangen, also war es gelogen. Ich will heute hinschreiben, daß man auch eines für Auerbach in Ihr Paket legen soll, welches ich dann nebst den gehörigen Grüßen abzugeben bitte. Das ist ja ein schreckliches Wandeln auf dieser via bestia. Wenn der Hund mein Buch vor einem Vierteljahr versendet hätte, wie er recht gut gekonnt, so wäre jetzt bereits das Schicksal desselben entschieden und ich um einen Schritt weiter gebracht; aber darin scheint das Gewissen, das der Strolch bei jeder Autorversäumniß anruft, aufzuhören! Im Buchhandel ist noch keine Spur von unsern beiden Sachen. Doch mag sich der Herr Vieweg nur vorsehen; wenn er es zu arg macht, so soll ihm in mir ein so stachliges und verhängnißvolles Unkraut erwachsen, wie es seit langem nicht geschehen, und ich will seiner Firma einen feurigen Strohwisch an den Schwanz hängen, der weithin leuchtet.

Ueber Ihr Buch meine Meinung zu sagen, ist etwas bedenklich, da ich mich fast gänzlich wie ein Lernender zu demselben verhalten muß und den Gegenstand oder die Gegenstände desselben fast gar nicht kenne, vielmehr aufgefordert werde, sie nun kennen zu lernen. Dennoch will ich mich unterfangen und einige oberflächliche Bemerkungen zum Besten geben. Vor Allem muß ich dankbar die einfache durchsichtige Zweckmäßigkeit in der Anordnung und den scheinbar leichten Fluß und anmuthigen Fortgang des Werkes anrühmen, indem Alles an seiner rechten Stelle steht und fast mühelos seine Wirkung thut, ohne mit ostensiblen Parabasen und eigensinnigen doktrinären Satzlabyrinthen dem Leser Gewalt anzuthun. Indem Sie sich nicht mit der gehabten Arbeit breitmachen und nirgends Ihren Rapport zum Leser schwerfällig machen, gelingt es Ihnen doch vollständig, uns für eben diese Arbeit zu intressiren und bestimmen uns, diese möglichst nachzuleben und die vorgeführten Gegenstände unmittelbar kennen zu lernen und dies ist ein großer Gewinn und wird Ihr Verdienst sein: fortan nicht nur die englische Revolutionsgeschichte (à la Dahlmann) sondern auch die entsprechende Cultur- u Literargeschichte in einem klaren und bündigen Werk als lehrreiches Exempel u Demonstrandum gewonnen zu haben. Wie zutreffend und zeitgemäß dies ist, zeigen die einzelnen Capitel, wie das über Toland etc. und wenn ich mir denke, daß nun die französische Abtheilung folgt, so kann ich Ihr schönes Unternehmen nicht anders als ein sehr glückliches bezeichnen und wird sich gewiß als solches ausweisen.

den 21t. Februar.

Da bin ich liederlicher Mensch ganz von dem angefangenen Briefe abgekommen. Unsre beiderseitigen Bücher sind nun seither erschienen und hoffentlich haben Sie das meine nun auch. Was mich an dem Ihrigen erbaut und erfreut hat, werde ich baldigst in einem Aufsätzchen zu beschreiben suchen; wo ich dasselbe unterbringe, weiß ich freilich noch nicht, wahrscheinlich in einem St. Galler literar. Blatte, wenn es überhaupt in der Schweiz geschieht; denn die neue Monatschrift in Zürich wird sich kaum halten und ist in den Händen der doktrinären und zünftigen Professoren-Partei, zu welcher leider auch Vischer sich gestellt hat. Köchly hat sich gleich Anfangs von der Zeitschrift zurückgezogen. Ich will aber noch bei den Herren anfragen, ob sie eine größere Rezension aus unzünftiger Hand aufnehmen wollen. Ich komme nur alle acht Tage mit Vischer zusammen in einem kleinen Wirthshausklübchen er ist ein sehr liebenswürdiger und frischer Mensch als Person, hat sich aber, wie gesagt, ganz zu dem Universitätsvolk geschlagen. Die Verhältnisse des Polytechnikums lassen sich sachlich sehr gut an; es sind zum Beginn über Erwarten zahlreich Schüler eingetroffen; allein der Professoren- und Stellenbesetzungshader grassirt auch da und übt nicht den wohlthätigsten Einfluß. Dies wird wohl eine Weile noch so fort währen, bis die Herren einsehen, daß nichts dabei herauskommt. Die Schuld tragen hauptsächlich einige festgesessene Bursche der Universität, welche seit Jahren gegen den energischen Regierungspräsidenten Escher, der jetzt gesundheitshalber abgetreten ist, murrten, aber nicht laut zu werden wagten, die aber nun, seit er weg ist, auf einmal Alles nachholen wollen und fortwährend krakehlen. Mit Moleschott fings an, allein sie haben sich in Dubs verrechnet und dieser läßt sich ebenso wenig auf der Nase tanzen, als Escher. Wenn es sich um die akademische Freiheit und um das organische Wohl der Institute handelte, wie diese Herren vorgeben, so wäre ich gewiß auf dieser Seite, allein es handelt sich um Ausschließung und Vermeidung unbequemer, frischer und konkurrirender Kräfte und um eine simpelhafte gegenseitige Garantie der Fakultäten. Die Hauptwühler haben nicht einmal ein lebendiges Intresse für unsere Anstalten sondern tragen die Nase stets nach den Hofrathsstellen in Deutschland hingerichtet und geriren sich demgemäß. Um auf Vischer zurückzukommen, so waren dessen Gründe gegen Moleschott, wenn man sich auf seinen doktrinären Standpunkt setzen wollte, noch etwas plausibel. Er gab nämlich vor böse zu sein gerade gegen diesen Materialismus, weil der im Grunde nur die Carrikatur seiner eigenen Identitäts-Philosophie sei und diese kompromittire(!) also die Geschichte von der vornehmen und plebejischen Demokratie. Es klingt aber doch nach etwas; was er sich aber neulich dachte, mag der Teufel wissen; der Erziehungsrath hatte die Fa[l]kult. beauftragt, ein Gutachten zu berathen, ob eine 2te ord. Professur für Philosophie zu errichten sei. In einer Versammlung ich weiß nicht ob des akad. Senates od. der Fakultät bejahte Vischer als Referent die Frage und zwar dahin, daß die Stelle gleich mit einer gewissen Person, einem hiesigen außerordentl. Professor der Philos. zu besetzen sei. Dieser ist ein ganz unbedeutender Mensch und Esel! der aber freilich Niemandem auf der Welt zu nahe tritt und Niemandem Gefahr bringt, also der Besoldung würdig ist! Dagegen verwahrte sich Köchly, da kein Vorschlag, sondern ein allgemeines Gutachten verlangt sei; sogleich heftiger und grober Wortwechsel zwischen Vischer und Köchly. Vischer verbat sich den groben Ton Köchlys und dieser erklärte, er werde keine Sprechübungen bei Vischer nehmen; dieser hält nämlich solche in einem Colleg. Die Sitzung mußte aufgehoben werden und eine folgende nahm ein ähnliches Ende. Hier hat also Vischer sich direkt dazu hergegeben, einen unfähigen Menschen in die Stelle bringen zu helfen. Die Sache verhält sich aber noch komischer. Der bewußte Mensch sollte allerdings durch einen Theil des Erziehungsrathes in die Professur eskamotirt werden (aus Gevatterschaftgründen<<)>> und deshalb erfolgte die Anfrage an die Fakultät; nun war diese diesmal so prompt und entgegenkommend daß sie über das Ziel hinausschoß, den fraglichen armen Sünder gleich vorschlug, damit ja kein unbekanntes Ungeheuer aus dem Reiche komme, und um zugleich ein Vorschlagsrecht für die Zukunft zu erschleichen. Also 2 Fliegen mit einer Klappe. Aber gerade dadurch wurde der ganze Handel aufgedeckt und es frägt sich nun, ob es gelingt. Doch werden Sie sich wundern wie ich zu dieser langweiligen Klatscherei komme? Weil ich einmal am Schreiben bin und Sie vielleicht die Personen u deren Verhalten intressiren. Dem Köchly werfen die Professoren par excellence Servilismus gegen die Behörden vor, weil er sich mit den Schweizern gut stellt und sich mit den einsichtigeren und freieren Geschäftsmännern für die Sache der freien Wissenschaft, und nicht für die Zunft intressirt.

Sonst ist ein schrecklich reges Leben hier. Alle Donnerstag sind akademische Vorlesungen à la Singakad. in Berlin, im größten Saal der Stadt, wohin sich die Weiblein u Männlein vielhundertweise drängen und gegen 2 Stunden unentwegt aushalten. Semper hat einen allerliebsten und tiefsinnigen Vortrag gehalten über das Wesen des Schmuckes. Vischer wird den Beschluß machen mit dem Makbeth. Daneben sind eine Menge besonderer Cyklen der einzelnen Größen, so daß man alle Abend die Dienstmädchen mit den großen Visitenlaternen herumlaufen sieht um den innerlich erleuchteten Damen auch äußerlich heimzuleuchten. Freilich munkelt man auch, daß die spröden und bigotten Züricherinnen in diesen Vorlesungen ein sehr ehrbares und unschuldiges Rendez-vous System entdeckt hätten und daß die Gedanken nicht immer auf den Vortrag konzentrirt seien.

Ich gehe jetzt oft mit Richard Wagner um, welcher jedenfalls ein hochbegabter Mensch ist und sehr liebenswürdig. Auch ist er sicher ein Poet, denn seine Nibelungentrilogie enthält einen Schatz ursprünglicher nationaler Poesie im Text. Wenn Sie Gelegenheit haben, so lesen Sie doch dieselbe, Sie werden es gewiß auch finden. Auch Semper sehe ich, dieser ist ein ebenso gelehrter und theoretisch gebildeter Mann, als er genialer Künstler ist, und persönlich ein wahrer Typus der einfachen und gediegenen Künstlernatur. Er sagte, er habe den letzten Strich am Dresdner Museum noch fertig gemacht, als eben der Generalmarsch geschlagen wurde, und ist nun bekümmert, daß die kleine achteckige Kuppel oben dennoch nicht nach seiner Angabe fertig gemacht wurde. Diese Dresdner Gruppe hier unterscheidet sich überhaupt vortheilhaft von den andern Gruppen. Heinrich Simon riecht nach dem Lewald’schen Judenthum; wenigstens jetzt, da er in Jura und Politik nichts zu thun hat und aus langer Weile ästhetisirt; Schrecklicher Weise kündigte er auf den Sommer Stahr und Lewald an! Diesem Paare ist doch auf dem Erdenrund nicht zu entfliehen! Neulich sah ich, daß Stahr in der Nationalzeitung wiederum Platz genommen hat und über ein Büchlein von Helgoland ein furchtbares Stück Raum gestohlen hat von dieser Zeitung, die Monathe lang keinen Platz für ein Feuilleton hat!

Grüßen Sie doch sehrest den Auerbach von mir und hätte sein Schatzkästlein mit großem Danke erhalten. Ich warte nur noch, ihm zu schreiben, bis ich weiß, ob Vieweg ihm mein Büchlein geschickt hat oder schicken wird, weil ich im Nichtfalle es dann von hier aus thun und dazu schreiben werde. Die eigentlichen Erzählungen in Auerbachs Buch sind alle gut und hübsch, dagegen das andere Mischmasch allerdings sehr trivial und abgedroschen. Ich weiß nicht, was er damit will! Wenn er es hundert Geschichten nennt, so ist das eine schlechte Bezeichnung, denn es sind ja reine Aphorismen; hundert gute Anektodten sind eben nicht auf der Straße gefunden, das kostet Fürze, wie der alte Koch zu Rom sagte. Schreiben Sie mir auch, was Sie aufrichtig an meinem Buche auszusetzen haben; an dem Ihrigen hatte ich anfänglich auch was auszusetzen; nämlich ich war der Ansicht, daß sie die historisch-politischen Einleitungen äußerlich etwas selbständiger hätten halten sollen, d. h. weniger von Makaulay sprechen etc. Allein später fand ich, daß Sie ganz recht und redlich gehandelt haben; Makaulay zu umgehen oder zu umschreiben wäre gleich thöricht gewesen und es handelte sich ja nur um ein klares Resümé.

Ich freue mich sehr, daß Frau Hettner wieder munter geworden ist und sich nicht in’s Bockshorn jagen ließ; es ist aber doch fast schade darum; denn Sie war in ihrer Trauer so liebenswürdig und naiv, daß ich mich gewiß in Sie verliebt hätte, wenn mein Herz nicht schon in Beschlag genommen gewesen wäre. Ich lasse das Elisabethchen feierlichst grüßen, den Felix und den Görgelein; es ist gut, daß Felixens Augen gebessert haben, damit er dem Görgle behülflich sein kann bei dessen Produktionen.

Ich amüsire mich immer vortrefflich über Gutzkows „Wahrnehmungen“ am Fuße seines häuslichen Heerdes, welches immer avis au<x> lecteurs sind. Ich glaube, neulich hat er auch auf Auerbach einen Pfeil abgeschossen, als er sagte: „Freund, deine Harmlosigkeit ist nicht Maske, wie du schlauerweise glaubst, sondern du bist wirklich so harmlos, als du zu sein vorgibst etc. etc.“ Da platzen die „Geister“ auch aufeinander. Der verfluchte Auerbach hat aber auch gar keine Raison, daß er immer wieder Dramen macht; dem hat’s einmal die Birchpfeiffer angethan.

Doch jetzo will ich endlich enden; ich grüße Sie mit den Ihrigen tausendmal und verbleibe

Ihr Gottfried Keller.

Schreiben Sie mir auch ein bischen bald

  
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