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Keller an L. Duncker - 06.03.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Lina Duncker - 06.03.1856


Liebe Frau Dunker!

Da Sie und Ihr lieber Herr Mann so human sind, mittelst eines freundlichen Conversations-Briefes auf den Busch zu klopfen von wegen des Manuskriptes, statt mit einer trockenen Geschäftsepistel, so will ich auch so höflich sein und gleich etwas antworten zur Beruhigung. Ich habe das Buch zurückhalten und in seinem Lebenslauf verhindern müssen, weil Herr Vieweg ein andres Buch, welches er schon im Oktober bequem hätte herausgeben können, erst jetzt versendet hat. Es würde aber nachtheilig für beide Bücher sein, wenn sie gleichzeitig erschienen und einander den Markt verdürben. Auch kann ich nicht zugeben, daß mir durch die Willkühr eines Verlegers die natürliche Folgenreihe meiner Produkte aufgehoben wird, so daß das spätere am Ende früher erscheint, als das früher geschriebene; denn ich bin ein Auktor, bei dem es sich außer dem Honorar auch noch um eine gesetzmäßige ordentliche Entwicklung handelt, wo das letzte Opus immer das beste und ein Fortschritt erkenntlich sein soll. Das Vieweg’sche Buch war schon fertig gedruckt, als ich Berlin verließ; ich glaubte erst, er ließe es aus Bosheit liegen, aber ich höre, daß er es andern auch so machte und daß eine Lotterei in seinem Geschäft herrscht, was die Betreibung betrifft. In dieser Beziehung erwarte ich von Ihrem Firmchen eine wohlthätige Aenderung und daß ich dort zu Glück und Ansehen gelange. Sobald jenes Buch ordentlich besprochen und bekannt ist, will ich Herrn Dunker das seinige senden.

Ich wünsche Ihm indessen viel Glück zu Herrn Bernsteins famoser Erfindung. Ich begreife jetzt, warum die Naturartikel in der Volkszeitung, die ich in Zürich eingeschleppt habe, seit einiger Zeit so selten werden, da solche elektrische Dinge die Athmosphäre schwängern. Ich wünsche auch, daß es nicht damit geht, wie mit jenem Paar neuer Stiefeln, welche ein französ. Bauer für seinen Sohn in der Krim an den Telegraphen Draht hing, und, als ein Landstreicher sie herunternahm und sein zerfetztes Schuhwerk an die Stelle hing, sagte: ‹„›Seht, unser Sohn hat schon die alten retour geschickt, daß man sie besohle!“ Ich meinerseits habe inzwischen schon meine Pläne auf Ihr Vermögen und Betriebskapital verhältnißmäßig erweitert und werde je nachdem gute Nachrichten einlaufen, sie noch mehr erweitern. Was Ihre in Aussicht stehende Frühlingseinsamkeit betrifft, so kann ich kein rechtes Mitleid mit Ihnen haben; Sie wollen auch gar Alles miteinander genießen: im Herbst Kavalkaden mit Cavalieren, und Scheibenschießen, Jagd und Spektakel, im Winter Schauspiel, Bälle im Opernhaus und allen möglichen Salonkrempel, im Sommer Reisen durch die Welt mit breitem Hut und intressantem Costüm und im Frühling, siehe da! ein aufgefrischtes Idyllchen mit dem guten Fränzchen hinter dem Haus im Gärtchen! Ei ei! Wenn es Ihnen ernsthaft zu Muth ist mit Ihrem hübschen Herzenswesen, so mag es hingehen, allein ich glaube nicht mehr an alle dieses und meine sämmtliche Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit im Punkte der Frauen ist auf den Kopf gestellt, und ich kann einzig nur noch ihre wirklich guten Qualitäten als Mütter zugeben, und daran sind sie auch nicht schuld, sondern die allgemeine Mutter Natur. Ich habe zuviel schlechten Hohn und abgeschmackte Hänselei bei den nobelsten Frauensleuten sehen müssen, als daß ich noch viel auf ihre Empfindungen gäbe. Wer einer tiefen und ernsten Empfindung fähig ist, der macht nur gute Späße und keine schlechten. Doch werden Sie mir nicht gram um dieser allgemeinen Bemerkungen willen, sie fallen mir soeben in die Feder, vermöge meiner schlechten menschlichen Natur, die nicht bei der Stange bleiben kann, sondern immer nach jener Seite hin ausreißt wo sie der eigene Schuh drückt. Ich lasse, um den Aerger gutzumachen, Ihre guten Kinderchen um so herzlicher grüßen; an Mitteln zur Beschreibung dessen, der sie grüßen läßt, fehlt es Ihnen ja nicht, da ich die Ehre habe, mich von Ihnen dargestellt zu sehen! Wenn ich übrigens je vernehme, daß Sie mich zu arg karikirt haben, so werde ich zur Rache eine eigene lächerliche Novelle schreiben mit dem Titel „die böse Line!“ und selbige in den Verlag Ihres eigenen Mannes einschmuggeln. Es soll dann eine Art Struwwelpeter für die großen Kinder in seidenen Kleidern sein. Uebrigens stand Ihre Fräulein Schwester nicht, sondern saß auf einem Stuhle, als ich jenen Knopf oder kleinen Compaß suchte, und als sie so huldvoll war, mir ihn zu geben, trotzte ich das Ding nicht ihr aus der Hand, sondern nahm es verblüfft und demüthig in Empfang. Eine besondere Rede daran zu knüpfen, war ich freilich nicht behende genug. Fräulein Betty soll aber nicht so lang in Italien bleiben. Jenes Land hat ja nicht nöthig, daß es noch viel schöner werde, das hat die Gegend um Berlin sammt den Leuten dort mehr nöthig. Hier in Zürich hat Sie mir auch einen schönen Handel angerichtet, als Sie vorigen Sommer die artige Laune hatte, meine Mutter aufsuchen zu wollen. Sie gerieth nämlich an ein par alte stupide mürrische Leute, die mit aller Welt im Zerfall leben und mit keinem Nachbaren ein Wort sprechen. Diese verläugneten aus Dummheit oder Verstocktheit meine arme Mutter; kaum war aber die „Erscheinung“ wieder verschwunden, so thauten sie auf, der alte Mann und die alte sonst finstere Frau, und erhoben einen solchen Lärm von der Schönheit und Pracht und Leutseligkeit des fremden Fräuleins, daß es unter allen meinen Bekannten wie ein Lauffeuer herumging, und ich schon damals in Briefen und bei meiner Heimkehr mündlich eine Neugierde und ein Klatschwesen auszustehen hatte, die über das Bohnenlied hinausgingen, so daß ich mit entschiedener Grobheit dazwischen fahren mußte, und ich kann mir aufrichtig das Lob geben, daß ich mich ritterlich für das Fräulein gewehrt habe, damit sie in keinen falschen Verdacht komme. Wie ich denn überhaupt im Punkte der Artigkeit gegen dasselbe ein vollkommen gutes Gewissen habe und selbst am besten weiß, daß ich von jeher höflich und respektvoll gegen Ihre Schwester gesinnt war. Dies genügt mir, um den Schein kümmere ich mich nichts. Wenn Sie Hochderselben etwa meinen demüthigsten Dank für ihr gestrenges Grüßen vermelden wollen, so fügen Sie dies hinzu, daß jene wiederholten Vorwürfe mich gar nicht treffen. Nebenbei gestehe ich allerdings ein, daß ich den Schein sehr gegen mich haben mochte; allein es trafen gleich von Anfang an, als Ihrer Schwester hohe Gestalt am Horizonte Berlins heraufschritt, so verrückte und verhexte und verdrehte Umstände zusammen, und zuweilen herrschte in Ihrem Hause selbst ein so schnurriger Ton, daß ich als ein argloser Mensch an dergleichen nicht gewöhnt, eben alle Unbefangenheit verlor und mich in den Mantel meiner Tugend hüllte.

Hier in Zürich schimpfe ich nicht über Berlin; ich spreche alle vier Wochen einmal davon und dann etwas Gutes, nach einer alten Taktik, nach welcher man denen, mit denen man gerade lebt, immer ein gutes Vorbild vorhalten muß. Auch würde ich mich selbst blamiren, da ich so lange Jahre leider Gottes dort gewesen bin, zum Schaden meiner Seele! Ich habe noch viel zu leiden gehabt diesen Winter von akademischen Vorlesungen, die jetzt in Zürich sehr grassiren. 5–600 Herren und Damen hockten zusammen in den großen Säälen, und da es mitunter sehr vortreffliche Vorträge gab, viel besser als in der Singakademie zu Berlin, so mußte man auch hingehen, um als kein Barbar zu erscheinen. Die deutschen Professoren liegen sich hier übrigens sehr in den Haaren, zu allgemeinem Aerger. Meine Mutter läßt sich Ihnen auch höflichst empfehlen. Sie allein hat mich gar nicht um die Bewandtniß mit jenem fremden durchreisenden Frauenwesen befragt, woran ich meine Pappenheimer erkenne. Ich lasse den Hrn. Dr Frese bestens grüßen, sowie den Herrn Spinnenfresser Fabrizius. Vehse rathe ich nicht, mir jemals wieder unter die Augen zu kommen; dies ist kein „Gebrumme“ sondern sehr deutlicher und sonorer Ernst! Es wäre ihm besser, er läge mit einem Mühlstein am Hals auf dem tiefsten Grunde der Spree, unterhalb Moabit, als daß er gerade mit mir hat anbinden müssen. Er ist da einmal an den unrechten gekommen.

Heinrich Simon hat für den Sommer schon das vierbeinige zweigeschlechtige Tintenthier: Stahr-Lewald angekündigt! Sie sehen, daß Sie auch kommen müssen, um den üblen Eindruck dieser Berliner zu verwischen und unsern Himmel wieder aufzuheitern. Sie dürfen sich so närrisch aufführen, als Sie wollen und Alles wird sich gut ausnehmen. Schon seit 10 Tagen ist hier nichts als blauer Himmel und warmer Sonnenschein. Ich laufe alle Abend auf die Höhen, recke den Hals nach allen Winden und suche Anemönchen; aber es hilft nichts, immer muß ich wieder hinunter und an meinem Buche schreiben. Uebrigens ist es wundervoll hier und ein ganz goldenes Land; in den Leuten dagegen, wie überall, die leidenschaftlichste Geld- und Gewinnsucht, alles drängt und hängt am Golde, Gott besser’s!

Nun leben Sie wohl und vergessen Sie mich nicht ganz, sonst vergeß’ ich Sie auf der Stelle auch

tausendmal grüßend
Ihr ergebenster
Gottfried Keller
Zürich den 6t. Martii 1856.

  
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