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Auerbach an Keller - 06.01.1861

Beschreibung:  Ein Brief von Gottfried Keller
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ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588 
 
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Berthold Auerbach an Gottfried Keller - 06.01.1861


Ich bekomme also wie es scheint, keine Bemerkungen von Ihnen, lieber Keller, zu der Erzählung Edelweiß. Wenn dieß der Fall ist, so können Sie sich jedenfalls damit trösten, daß auch andere zwei Freunde, die ich darum anging, mir nichts mittheilten. Es war mir ein besonders anmuthender Gedanke, einmal etwas gewissermaßen zuerst für wenige Freunde drucken lassen zu können, um es nach eingeholten Gutachten pp Manches annehmend Manches ablehnend, neu festzustellen, so daß der Blick fremden einsichtig wohlwollenden Auges darin eingeschlossen sei. – Es soll also nicht sein. – In unserer Zeit u. in unserm Vaterlande sitzt jeder Vogel auf seinem Stängelchen u. pfeift sein Lied so gut er eben kann. Und vielleicht ists gut so. Vielleicht ist das Sprüchwort blos auf die Dichter gemünzt: Jeder muß selber seine Haut zu Markt tragen. Denn Niemand anders trägt ja seine Haut zu Markt.

Und dieser Brief soll eigentlich hauptsächlich neue Mahnung zu etwas Derartigem an Sie sein.

Wir schreiben kaum 61 (beiläufig Pros’t Neujahr) so müssen wir schon den Kalender für 62 fertig machen. Die Mitarbeiter für 61 treten Alle wieder ein u. Sie vor Allem. Sie müssen viel Freude erlebt haben an Ihren Aufrechten u. im Stillen, denn im Stillen thun Sie’s am liebsten, haben Sie mir gewiß manchmal gedankt, daß ich Sie heraus trommelte.

Die Erzählung, die Sie nun für 62 geben, sollte recht bald Ende d. M. oder spätestens Mitte Februars in meiner Hand sein. Denn – passen Sie auf – wir wollen wo möglich auch Ihre Erzählung illustriren lassen. Erstens passen Sie dazu. Das wäre eigentlich schon genug. Mein Zweites ist aber auch noch da. Ich möchte mich nicht der Anschuldigung der Eitelkeit aussetzen, daß ich blos meine Geschichten illustriren lasse. Der Teufel soll’s holen, ich kenne unter meinen Berufsgenossen keinen der weniger eitel ist, aber weil ich mich nicht dazu bringen kann, den Schmeicheleien oder auch Lobspendereien gegenüber die erlogenen Bescheidenheitsphrasen entgegen zu setzen, kommt mir der alberne Kobold so oft zwischen die Beine u. die Menschen, die vor einer Minute ihre Hände segnend u. verhimmelnd ausstreckten, bekreuzen sich hinterrücks, weil man ihnen nicht sagt: Ich glaube, daß Ihr gelogen und nur schön gethan habt. Genug davon.

Schreiben Sie mir also sofort, bis wann Ihre Erzählung eintrifft u. deren ungefähren Umfang, den Sie jetzt nach Manuskript u. Druck schon werden beurtheilen können.

Schreiben Sie mir sofort u. wenn Sie doch noch Notizen zu Edelweiß haben sollten, legen Sie sie bei, vielleicht geben sie mir noch Winke bei der Revision im Buchdruck.

Herzlich grüßend Ihr
Berthold Auerbach

Potsdamer Strasse 134A
den 6. Jan. 1861.

  
Die Leute von Seldwyla: Vollständige Ausgabe der Novellensammlung (insel taschenbuch)
von Gottfried Keller
Siehe auch:
Der grüne Heinrich
Züricher Novellen
Bunte Steine: Erzählungen
Spiegel, das Kätzchen: Ein Märchen aus Seldwyla
Kleider machen Leute
Der Nachsommer
 
   
 
     

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