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Heyse an Keller - 07.08.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Paul Heyse an Gottfried Keller - 07.08.1882


Es ist eine Sünde und Schande, liebster Freund, wie durch meine Schuld auf der Poststraße zwischen uns das Gras im Stillen immer höher wächs‘t, daß sich nächstens ein Reiter zu Roß darin verbergen kann. Aber ich habe der Gewalt weichen und in den letzten nassen Wochen und Monaten allerlei Spuk aus meinem Gehirn austreiben müssen, der dort schon zu lange sein Unwesen trieb und mich nachgerade so sehr molestirte, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe hatte. Ich habe ihn jetzt vom Halse, er liegt ganz kleinlaut in einem alten ledernen Mäppchen, in welchem mein Vater seine Collectaneen aufbewahrte und das mir nun immer als eine Mahnung vor Augen bleibt, mich eines Deutsch zu befleißigen, das vor den verklärten Augen zweier Grammatiker-Generationen zu bestehen vermöchte. Diese erlauchte Abkunft und die Pflichten, zu denen mich meine noblesse obligirt, bewahren mich auch vor all den Nöthen, in deren Irrgarten ich Dich herumtaumeln sehe, – den orthographischen Fallen und Wolfsgruben, welche die heutige puristische Neuerungs- resp. Veraltungssucht einem Schriftsteller ohne solche ehrwürdigen Familientraditionen zu legen pflegt. Mit dem Gott meiner Väter bin ich ein wenig über den Fuß gespannt, aber die Heyse‘sche Grammatik gilt mir noch für das Buch der Bücher und in diesem Glauben werde ich leben und sterben, mich meiner überflüssigen h's und y's und der Fülle traulicher Inconsequenzen harmlos erfreuend, bis einmal, was höchst unwahrscheinlich ist, ein consensus sanctorum über ein alleinseligmachendes rechtgläubiges orthographisches Dogma erzielt wird und kein deutscher Setzer einem deutschen Toten sein behagliches d mehr mit in die Grube geben will.

Wenn ich mich aber in diesem Punkte Dir so überlegen fühlte wie ein Prinz von Geblüt dem ersten besten Roturier, so habe ich Dich desto herzlicher um Deine Rückkehr zu den lyrischen premières amours beneidet. Ich weiß kein vergnüglicheres Tagewerk, als an alten Liedern und vergilbten gereimten Tagebuchfetzen herumzustricheln und das Häuflein reinlicher Blätter im stillen Winkel seines Pultes anwachsen zu sehen. Dies habe ich ein einziges Mal genossen bei Gelegenheit meines Skizzenbuches und meine, es sei die schönste und wonnigste Zeit meines Lebens gewesen, wovon freilich hernach keine Menschenseele Notiz genommen hat. Mi nich to slimm, seggt de Swinegel. Hatt‘ ich doch meine Freude dran. Dir wird‘s auch in dieser Hinsicht besser ergehen, da die Gemeinde der klugen Leute, die sich zu orthodoxen Kelleranbetern ausgewachsen haben, sichtbar anschwillt und längst auf diese Deine guten Gaben „spannt“, wie wir Münchener sagen. Am ungeduldigsten aber Schreiber dieses. Und ich war schon drauf u. dran Dich zu bitten, daß Du mir doch das Ausgeschiedene anvertrauen solltest, weil ich – obwohl „bekanntermaßen“ kein Lyriker – eine feine lyrische Nase besitze und mir getraute noch Manches bei Dir zu Gnaden zu bringen, was Du selbst nicht mehr des Aufhebens werth gehalten. Nun wird aber am Ende der Druck schon begonnen haben, also möchte ich mich nur für die 2te vermehrte Ausgabe bestens recommandiren.

Seltsam traf es sich, daß gerade, da Du mir von alten Dramen schriebst, die Du zu Novellen umzuschaffen gedächtest, ich damit umging, ein altes Trauerspiel zu retten, das ich über 20 Jahre mit mir herumgetragen, bis es überreif und doch noch nicht genießbar geworden. Von fünf zu fünf Jahren habe ich dies Heft immer wieder hervorgeholt, eine Weile damit geliebäugelt, die „Spitz‘ und Schneide besehen“ und es „seufzend wieder eingesteckt“. Nun will ich‘s denn doch nicht meinen Testamentsvollstreckern überlassen, sich mit dem Unding abzufinden, da es zum Verbrennen zu gut u. zum Drucken zu mangelhaft wäre, sondern ein paar gute stille Winterwochen dran wenden, das überflüssige Jambenfleisch ihm abzukasteien und es zu einem schlankeren strafferen Wuchs in fester Prosa zu erziehen. Das hätte jetzt schon geschehen sein können, wäre mir nicht ein dreiaktiges modernes Schauspielchen, eine Meerfrucht, die ich am Strande vor Sylt aufgelesen, in die Quere gekommen. Mit diesem Product bin ich noch immer so wohl zufrieden, daß mir bangt, es möchte arg mißrathen sein. Die nächste Zeit wird‘s an den Tag bringen. Es heißt „Das Recht des Stärkeren“ und ist so zwischen Lust- u. Trauerspiel, was die Franzosen comédie nennen und wofür wir Dichter u. Denker-Volk noch immer keinen richtigen Namen gefunden haben. Ich würde es daher am liebsten „Novelle in drei Akten“ nennen, wenn ich nicht voraussähe, daß dann von der hohen u. niedern Kritik zuerst u. zuletzt über den Namen und nicht von fern über die Sache debattirt werden würde.

Wo diese Blätter Dich treffen werden, ist mir ungewiß. Ich selbst bin noch bis zum 20sten hier zu finden, gehe dann auf 2–3 Wochen in die fichtelgebirgischen Wälder, wo ich noch eine Hängematte deponirt habe, und um die Septembermitte noch nördlicher, da ich mit meinen drei Frauen – die Tochter ist auf dem schwesterlichen Gut als Tante und Laufmädchen angestellt – über Prag, Dresden, Berlin nach Leipzig rundreisen will. Am 7. October wollen sie mir in Weimar den Alkibiades aufführen, da muß ich auch dabei sein. Du aber darfst nicht früher hieherkommen, oder ich fahre spornstreichs wieder nach Hause und lasse alle griechischen Lorbeere im Stich, die am Strande der Ilm ohnehin nur kümmerlich wachsen werden.

Mein liebe Frau grüßt Dich allerschönstens, desgleichen die Schwiegermama. Und nun laß von Dir hören. Ich darf mir nach der scharfen Scharwerkerei dieses Sommers wohl eine Güte thun und dazu gehört, daß Morgens auf meinem Frühstückstisch ein Brief aus Zürich liegt.

Lebewohl!
Treulichst Dein ältester
PaulHeyse
München.7. Aug. 82

  
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