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Keller an Heyse - 08.04.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Paul Heyse - 08.04.1881


Zürich 8 April 1881.

Endlich komme ich herangeschlichen, lieber Paul, wie das schlechte Gewissen selbst, mich endlich wieder bei Dir einzustellen. Das Erbübel, das wirklich niederschreiben zu müssen, auf eine Anzahl periodischer Termine, was man sich peripatetisch zurechtgeträumt hat, plagte mich seit dem letzten Dezember, und wenn ich auch die Hauptsache immer in acht Tagen jeden Monats zuwege brachte, so ließ ich doch dabei alles Briefschreiben. Jetzt bin ich Gott sei Dank wieder aus der Rundschau heraus, drin ich mich habe herumdrehen müssen, wie der Hund im Kegelspiel, und kann wieder an Anderes denken.

Für Deinen guten Brief vom 4 Januar herzlich dankend, bezeuge ich nachträglich meine Theilnahme an Eueren Pariser Genüssen, die ich wol auch einmal goutiren möchte, wenn der Aberwitz der Leute dort mich nicht ein wenig abschreckte. Doch stört das außerhalb vielleicht mehr, als wenn man mitten drin ist, und wer weiß, wie froh die Welt gelegentlich wieder über das Nest wird, cum grano salis genommen.

Jetzt habe ich aber einen moralischen Abgrund schüchtern vor Dir zu entschleiern, theuerster Herr und Freund! der Dich kurios angähnen wird: Ich habe den Gegenstand des neuen Romanes, von dem Du mir letzten Herbst auf der Meise hier gesprochen, gleich am andern Tag vergessen, d. h. das Gespräch steigt mir erst mit deinem Briefe in der Erinnerung wieder auf und ich weiß nicht mehr, welches Problem es ist, von dem Du sprachst, ich weiß nur noch, daß es mich sogleich anmuthend frappirte. Durch irgend welche psycholog. Vorgänge ist das infame Symptom beginnender Alterszustände möglich geworden. Spring’ also über die schwarze Spalte hinweg und sag’ mir’s nochmals, was es ist. Ich hoffte immer, das Gedächtniß daran würde sich unerwartet einmal einstellen; allein es ist und bleibt verschwunden. Was es aber auch sein mag, so denke ich hinsichtlich der gesundheitl. Anstrengung, Du werdest doch ganz gemächlich damit anfangen können oder es schon gethan haben, und die Bogen ruhig auf einige Zeit weglegen, so wie es zu viel wird, so kann es unvermerkt doch fertig werden und plötzlich da sein.

Freilich scheint Dein rastloser Fleiß ein so halbwegs philisterliches Verfahren nicht zuzulassen. Mit Bewunderung sehe ich überall die Früchte desselben, lese die prächtigen Anfänge auf dem Museum und freue mich auf den häuslichen Genuß in meinem Sorgenstühlchen. Und dabei legst Du zwischenhinein immer neue Tragödien und andere Dramen in’s Pult. An meinem unliterarischen Wohnort habe ich nicht vernehmen können, ob der sterb. Alcibiades wirklich dort geblieben ist. Nämlich unliterarisch sind die Bürgersleute mit denen ich verkehre; sonst wächst hier ein wildes Literatenthum heran, schöner als irgendwo, nur geht man nicht mit um.

Verfeinde Dich doch nicht zu sehr wegen meiner cryptogamen Verdienste mit deinen Genossen, sie hauen sonst schließlich nur mich auf den Kopf. Die Schelle des Shakespere der Novelle, die Du mir an den Hals gehenkt, wird da und dort angezogen; ich werde nächstens einen Commentar liefern. Auf dem Münch. Kupferstichkabinet findest Du vielleicht die Blätter des längst verstorbenen Berner Malers Gottfried Mind, der ein halber Idiot war, aber drollige Katzengruppen zeichnete. Diesen nannte man auch den Katzenraphael. Die kindische Anwendung der philol. historischen Methode der jungen Germanisten (deren Feld schon abgewirthschaftet scheint) auf unsere allerneusten Hervorbringungen ist allerdings etwas ärgerlich. Die Lächerlichkeit wird den Spaß aber nicht alt werden lassen, besonders wenn man ihn gelegentlich etwa ad absurdum führt.

Petersens Reaktion gegen das malerisch beschreibende Element ist mir nicht auffallend; er will als Dilettant mitthätig sein und selbst malen, liebt daher nur andeutende „Drucker“ und leichte „Touchen“. Wäre er nicht ein so enthusiastisch freundlicher Kerl nach verschollenen Mustern, so müßte man ihm einmal Goethes Untersuchung über den Dilettantismus empfehlen, den der Alte so schalkhaft als ein gemüthliches Schema hinstellte. Etwas störender war mir in seinem letzten Briefe das Lob der Resignation des Grün. Hch. u der Judith am Schlusse meines Vierspänners, indem er mit elegischer Klage grundsätzlich das pathologische Concretum als das allgemein Richtige und Bessere anpries und den unschönen Gemeinplatz des „entzweigerissenen Wahns“ auftischte. Es paßt das nicht recht zu dem Vergnügen, das er sich immer mit seinen Kindern macht und besingt, wie billig. Von den Experimental-Aesthetikern ist so wenig Gutes zu erwarten, als von den philologischen germanist. Realkritikern, weil beide bereits die Seele des Geschäftes verloren oder nie gekannt haben. Die innige Verbindung von Inhalt und Form ist aber für die Untersuchung so unentbehrlich, wie für die Produktion, und zwar subjektiv wie objektiv. Die allerschönsten Grüße an die verehrte Frau Doctorin und das der Verehrungswürdigkeit immer länger entgegen wachsende lange Fräulein.

Dein G. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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