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Keller an L. Duncker - 08.09.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Lina Duncker - 08.09.1856


Liebe Frau Dunker.

Zuerst wünsche ich Ihnen und Ihrem Herrn Gemahel herzlichst Glück zu der kleinen Sünderin, womit Sie die Welt bereichert haben; obgleich ich deren Namen noch nicht kenne, macht sie mir doch vollkommen erklärlich, warum Sie diesen Sommer nicht in die Schweiz gekommen sind. Wenn ich geahnt hätte, wie fleißig Sie in Ihrem Berufe wären, so wäre ich selbst auch fleißiger gewesen und hätte das Buch fertig gemacht; aber ach! es hätte kaum was geholfen! Schon zwei mal sah ich dicht vor der Nase die Leute Heu machen, sah das Korn reif werden und abschneiden, alles wuchs und war fleißig und alle Menschen rührten sich, nur ich that seufzend gar nischt! Ich habe Wochen lang nicht nur kein Wort geschrieben sondern auch keines gesprochen, denn der Mensch denkt und Gott lenkt und man kann sein inneres Geschick oder Ungeschick nicht zum Voraus bestimmen wie einen Fakturzettel. Aber meine Mittel erlauben mir das! Ich habe jene 25 Thalerbestimmung in einer düstern Vorahnung selbst verfügt, wenn etwa nicht alles am Schnürchen gehen sollte, damit ich für mein Geld meine persönliche Freiheit behalte zum Allotriatreiben und Melancholischsein, ohne gerüffelt zu werden. Wenn ich dabei auch schlechte Geschäfte mache, so werden schließlich wenigstens gute Bücher daraus. Indessen habe ich doch nicht Lust, diesmal noch viel baares Geld zuzulegen und bis Weihnachten soll das Buch sicher herauskommen. Jüngst habe ich mich wieder gründlich gesund gemacht, indem ich mich unter fast viertausend bewaffnete Jüngelchens oder Kadetten stürzte, die wir in Zürich aus der halben Schweiz zusammen getrieben hatten, um ihnen ein 4 tägiges Fest zu geben. Ich habe noch nie eine solche Freude gesehen oder selbst gehabt und habe mir alle Grillen aus dem Kopf geschlagen. Es war ein eigentliches Kindermeer, worunter übrigens schon ziemlich große u kräftige Bursche, aber auch ganze Bataillons ganz kleiner Stöcke von 10–12 Jahren, die ihre 50 Patronen aber so gut und regelrecht verschossen, wie die Größeren. Diese kleine Armee mit ihren vielen Fahnen sah aus wie ein wandelnder Blumengarten, und eine unendliche Menge der Alten, Mann u Weib, Reich u Arm umwogte u umdrängte die Tage über dies wimmelnde, trommelnde, trompetende und singende Kleinod der Zukunft, und man sah bei dieser Gelegenheit, wie viel Liebe und rechtes Gefühl doch noch in der Welt ist. Denn viele Leute hatten öfter Thränen in den Augen, sogar ich selbst gegen das Ende, nachdem ich die Anderen ausgelacht. Als sie einmarschirten, wurden einige Hundert von Leuten gestohlen, die sich für die auf den Quartierbillets Bezeichneten ausgaben, so daß die eingeschriebenen Quartiergeber wie brüllende Löwen umherliefen, die ihre Jungen suchten. Item es war hübsch. Ich hatte 2 Lieder zum Singen machen müssen, ein ernsthaftes und ein lustiges. Letzteres nahmen die jungen Herren sehr gnädig auf, so daß sie es überall sangen. Beim Festessen nach dem Hauptmanöver, wo die ganze Klerisei in einer unabsehbaren Halle an 175 Tischen untergebracht war, wurde es von allen zusammen gesungen. Vier Taktschläger, an hochragenden Punkten vertheilt, und zwei Musikchöre hielten die Masse zusammen, so daß mein Opuskulum aus den Tausenden von Knabenkehlen und im größten Jubel erklang. Ich hatte auch einen Tisch unter mir und war eben beschäftigt aufzupassen, daß die kleinen Teufel genug Brod bekämen und nicht zu schnell tränken, als es anfing mit Gläsern um mich her zu drängen und zu rufen Herr Keller lebe hoch! denn man hatte ihnen gesagt, ich habe das Lied gemacht und sie sollten mit mir anstoßen gehen; so kam die ganze Nachbarschaft herbei und ich war von den Burschen umringt, die mir ihre Gläser empor hielten und schrieen wie besessen! Meine eigene Tischfamilie war sehr erstaunt zu sehen, welch’ einen Vorsteher sie hätte und that sich was darauf zu gut! Sie sehen also, daß Sie mit Ihrem einzelnen Säugling nich aufkommen können gegen meine nationalen Vaterfreuden von 3500 Säuglingen, die dazu noch alle Flintchen mit Bajonet’s tragen! Adolf Stahr u Fanny Lewald haben alles mitgemacht u schwimmen im Entzücken darüber, sowie sie überhaupt gut auf unser Land zu sprechen sind. Dies hat mich ganz versöhnt mit dem wunderlichen Paar, denn wer mein Land liebt und rühmt, dem kann ich nicht bös sein!

Die diversen Schicksale Ihrer verschiedenen Günstlinge intressiren mich so halb und halb, Sie haben aber den Herrn v. Viedert vergessen; des Freses sein Idealismus kommt mir spanisch vor, wenn er heirathen will, was ihm in den Wurf kommt, um dem Materialismus zu entgehen. Ihre Fräul. Erdmann oder Erdfrau habe ich nicht gesehen, aber davon gehört. Es sind so viel Deutsche hier, daß man nicht allen nachgehen kann. Uebrigens würde ich die Dame nicht erkennen, da ich sie nur 1 od 2 mal bei Licht gesehen in Ihrem Hause, u das ohne Brille. Frau Köchly hätte Sie gern besucht, wenn sie Zeit gefunden hätte. Sie brauchen sich aber unter uns gesagt nicht sehr imponiren zu lassen; es ist noch immer eine hübschliche Erscheinung, aber etwas ungekocht inwendig, wie mir scheint, denn ich habe noch nicht viel Gescheidtes von ihr gehört. Dies wird ihnen auch Fanny Lewald sagen, welcher sie ins Gesicht sagt, sie hätte noch nicht die Wandlungen gelesen, worauf Fanny: Das sei sehr unrecht von ihr, denn es sei ein sehr ernsthaftes Buch!

Es ist sehr human von Ihrer Fräulein Schwester, daß sie gelaunt ist, mir durch ihre geehrten Bemerkungen Gelegenheit zu einigen Complimenten zu geben. Ich kann mich auch wohl dazu herbeilassen, da ich so viele Unhöflichkeiten gut zu machen habe. Also erstens, wenn von ihrer ganzen Person gar nichts übrig bleiben würde, als allein die Stimme, wie bei der unglücklichen Echo, so wäre diese allein noch werth, daß man ihr ganze Bibliotheken widmete. Denn nicht nur ihre Singstimme, welche ich nie hörte, sondern auch die Sprechstimme hat mir ausnehmend wohl gefallen und das ist ein ganz aufrichtiges Kompliment, ich habe deshalb den Spinnenfresser immer gern in der Nähe gehabt, weil er Ihre Schwester am meisten sprechen machte. Uebrigens ist der Vergleich mit den Simson’schen Locken für mich kein schmeichelhafter. Simson verlor seine Macht mit seinen Locken gegenüber den Philistern, und zu dieser Nation gehöre ich nicht. Indessen, wenn die Locken fort sind, so kann man allerdings auch keine Papilloten brauchen. Sie könnte aus den Novellen daher ein Nachtmützchen machen, um sich einzuschläfern, wenn der Gram über den Lockenverlust ihr den Schlummer fern hält. Denn zu allen Zeiten haben schlechte Erzählungen den Schlaf befördert. Doch genug der Dummheiten, mehr soll mir für diesmal die heuchlerische Demuth der Fräulein ohne Locken nicht entlocken. Ich habe nachträglich von der Schreckensgeschichte in Ihrem Hause gehört und bedauerte Sie sehr. Ich muß jetzt abbrechen, da ich sehr aufgelegt bin zum Fleißigsein, d. h. erst will ich, wenn ‹ich› die Briefe zur Post trage, noch eine Tasse Kafe trinken inmitten meiner Brüder und eine Cigarre rauchen, da es jetzt viel Spaß gibt auf den Kafehäusern wegen des verunglückten Putsches in Neufchâtel. Dies ist jetzt besorgt und aufgehoben für immer, der Graf wird seine Diener nicht loben.

Ihr ganzes Haus ergebenst
grüßend
Ihr
Gottfried Keller

Zürich d. 8t. Sept. 1856

  
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