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Keller an Exner - 09.01.1876

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Adolf Exner - 09.01.1876


Zurich 9 Januar 76.

Lieber Freund!

Ich sitze da Sonntags Nachts um 10 Uhr in meinem Schreibstübchen u blicke zufällig auf neue Errungenschaften in Photographie: Ihre Frau Schwester mit dem Jesusknäblein, wie sie es nennt, die ungarische Gräfin, die Sie mir geschickt, Emil Kuh, den ich aus Meran erhalten u s w., u da befällt mich ein menschlich oesterreichisches Rühren. Ich mache mir ein Glas Wasser mit ganz wenig Rhum zurecht, stecke eine neue Zigarre an (à la Hackländer oder Gustav Freitag) u schreibe noch ein bischen.

Vor Allem aus wünsche ich alles Glück zu der Genesung des herrlichen Hänschens, während dessen gefährlicher Krankheit ich einen so miserablen Bummelbrief geschrieben habe. Der mag auf das bekümmerte Mütterchen einen schönen Effekt gemacht haben. Das Einfachste wird freilich sein, daß sie nicht Zeit hatte, ihn zu lesen in den kritischen Stunden. Gott sei Dank, daß dieses Erstlingsfabrikat so glimpflich davon gekommen ist. Hoffentlich hats seither nichts Rückfälliges gegeben.

Ihren Kronprinzen haben Sie also juristisch fertig gezogen mit großem Ruhme u sind, wie ich höre, noch sein philosophischer Gewissensrath geblieben. Bereiten sie ihn würdig stoisch auf jene Zeit vor, wo sich die Weissagung erfüllen wird, daß Steiermark schweizerisch sein werde, wenn auf einem gewissen Hause daselbst ein rothes Dach erblickt würde. Es ist eine Parallele zu der Uhland’schen Sage:

„Das sind wohl alte Sagen,
die lange, lange gehn,
Daß in dereinsten Tagen
Der Brocken mitten in der Schweiz wird steh’n!“

Dies zur Antwort auf Ihre Drohung mit dem militärischen Collegen bei der Erziehung des Prinzen. Ueberhaupt werde ich mich bestreben müssen, meine Briefe ad usum delphini ein zu richten, da meine Connexionen so an Bedeutung wachsen!

Was hat Herr Schwager Frisch für eine Partei genommen in den Billroth’schen Händeln? War sein Herz getheilt oder einseitig? Hat er mit geholzt oder saß er kluger Weise zuhause Josefstädter Straße 17 an der Krippe des bewußten Knäbleins,

wo das Oechslein brüllte, das Kindlein schrie,
die heilgen drei Könige sangen?

Von dieser Idealwelt fällt mir so eben eine Geschäftsabschweifung ein. Mein Verleger hat nämlich mit dem Vieweg wegen des „grünen Heinrich“ traktirt, welchen ich jetzt nachträglich präsentabel machen möchte. Viewegs wollten jenem weiß machen, daß sie ein dauerndes Verlagsrecht besäßen, welches man ihnen abkaufen müßte um 800 Mark. Dabei citirten sie einen § 4 eines fingirten Contrakts, der nicht existirt u wurden mit Blamage wegen dieser mesquinen Lüge heimgeschickt. Außerdem aber hatten sie noch 15 complete Exemplare des Buches. Wenn diese nun seither erwiesener Maßen verkauft sind, so bin ich ganz frei u brauche die Herren gar nicht mehr zu begrüßen. In Zürich u Solothurn haben schon vor Monaten Bekannte von mir das Buch bestellt, aber zur Antwort erhalten, es sei zur Zeit (von Braunschweig aus) nicht mehr zu haben. Wenn es Ihnen nun nicht zu unbequem ist, so möchte ich Sie bitten, den Versuch einer solchen Bestellung auch in einer Wiener Buchhandlung zu machen in der Art, daß Sie etwa einen schriftlichen Zeddel erhielten, wenn die betreffende Handlung das Buch wirklich nicht liefern kann, welchen Zeddel Sie mir dann abtreten würden. Sollten Sie wider Erwarten den Grünspecht erhalten u bezahlen müssen, so würde ich Ihnen denselben sofort abkaufen u der hiesigen Stadtbibliothek schenken zum Gebrauche für die Zürcherischen Ettmüller’s der Zukunft; denn das denkwürdige Werk wird bei der Wäsche um einen Band eingehen wie eine gestrickte Unterjacke.

Dilthey ist jetzt in Sicilien oder Neapel. Er hat in Athen für den Staat Zürich für 3000 Fr Terracotten Figürchen aus Tangara gekauft u eben so auch für die antiquarische Gesellschaft, zum Verdrusse Kinkels, der ganz wüthend eifersüchtig auf ihn ist. Uebrigens sind jetzt ganz merkwürdige Ausgrabungszeiten an allen Ecken. Das Heimweh nach der germanischen Vorzeit, das durch den glorreichen Krieg eine Art Genugthuung gefunden hat, wird wieder demjenigen nach der hellenischen Welt Platz machen u s. w. womit ich mich für einstweilen empfehle. Ich will sehen, daß ich von den neuen Correkturbogen doppelte Abzüge erhalte

Ihr G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

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