Title:

Keller an Heyse - 09.07.1880

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Paul Heyse - 09.07.1880


Zürich 9 VII 1880.

Lieber Freund! Tausendfältigen Dank für Brief und Weiber von Schondorf. Ich will nun trachten, meine „schonende Freude“ (ein ingeniöser Ausdruck!) mit deinem dramatischen Hypochondrismus möglichst zärtlich zu vermählen, ohne der Aufrichtigkeit Eintrag zu thun. Da muß ich denn zuvorderst bekennen, daß Du mit der gewählten Auffassung und Behandlung Recht hast. Der erste flüchtige Eindruck war bei mir, es dürfte ein bischen bunter und breitspuriger sein; allein am gleichen Tag noch, eh’ der Brief nachkam, fand ich, dadurch käme man sogleich in’s sogenannte Shakespearisiren hinein, im bekannten Stil der bekannten Uebersetzung, und dann würden alle feineren Leute sagen: connu! So aber hast Du ganz das Richtige getroffen, indem Du das Motiv aus sich selbst heraus sich hast entwickeln lassen und nichts dazu gethan, als die höhere ethische Frage. Eine gute Ausstattung und Inscenirung, welche ja auf jeder Seite mitdichtend vorgesehen ist, muß das deutlich herausstellen. Beim Lesen hat mir, beiläufig gesagt, in ein par Interjectionen und proverbialen Wendungen die Manier etwas zu tief gegriffen erscheinen wollen. Da ich aber auf der Bühne nicht zu Hause bin, so mag diese Bemerkung nichtig sein. Die Charaktere des Bürgermeister-Paares, der Tochter u Abels sind gewiß durchaus glücklich und das Uebrige entsprechend daran gewachsen. Nur die eigentlich militärische Aktion der Weiber ist mir, für jetzt noch, zu unvermittelt. Selbst der Commandant scheint mir zu wenig verwundert über das Phänomen. Die Wahrscheinlichkeit hätte gewonnen, wenn die Handlung in Einem Zuge, während die Rathsherren eingeschlossen blieben, vor sich gegangen wäre; aber dann hätte die Unterwerfung und Reue der Weiber, das beidseitige Rechthaben etc nicht herbeigeführt werden können, und so zeigt es sich wieder, daß der Herr und Dichter Recht hat.

Wegen des Erfolges solltest Du dich doch endlich nicht mehr grämen, sofern Du’s überhaupt je gethan hast. Ich habe neulich wieder deinen Hadrian und die Sabinerinnen gelesen und mich abermals gewundert, daß die Hamletspieler und die virtuosischen Heroinen sich nicht längst auf die Prachtsrollen, die in diesen Werken bereit liegen, geworfen haben. Es ist eben heutzutage alles dummes Viehzeugs, das nur durch einen Zufall mit der Nase auf das grüne Kraut gestossen wird. Doch statte ich meine Glückwünsche unverfroren jetzt schon ab! Mit aller Glut meiner schonenden Freude!

Betreffend einen Luftkurort, wie Ihr ihn wünscht, wüßte ich zur Stunde mit einiger Sicherheit nur den Ort „auf dem Stoß“ eine von gesunder und milder Luft umspielte Höhe bei Brunnen am 4 Waldstättersee zu nennen. Ich war noch nie dort; aber viele Zürcher und andere Schweizer gehen gerne hin und rühmen den Aufenthalt. Ein anderer beliebter Luftort ist Schwarzenberg in der Pilatusgegend. Da aber die Gäste dort zahlreich aus der Classe der Schullehrer und kleinen Geschäftsleute stammen, die gewöhnlich nicht wissen was gut ist, so fürchte ich, die Verpflegung könnte nicht ganz nach Wunsch sein. Aber fröhlich muß es dort zugehen; denn im Winter bilden sich in den Städten Vereine ehemaliger Schwarzenberg-Gäste, die kleine Erinnerungsfeste mit Tanzvergnügen für die Frauen abhalten und also nicht warten mögen, bis es wieder Sommer ist. Ueber die Nahrung habe ich indessen nie klagen gehört. Der „Stoß“ aber wird mehr gerühmt.

Wenn ich die Freude haben soll, das genesende Königspaar Ende dieses Monates zu sehen, so kann ich den Grünspecht unseligen Andenkens persönlich überreichen. Ich habe ein Schmerzensjahr darüber zugebracht. Die Geld- und Hungersachen z. B. waren mir so zuwider, daß ich sie monatelang liegen ließ, wie wenn sie mir in natura bevorständen. Unverdienter Weise bleibt der Kerl jetzt leben u. s. w. Deinen Fleiß in Novellen und andern Dingen beobachte ich sehr wohl, verspare aber das Lesen auf die Buchform, da ich auf dem Museum keine Novellen lese. Mit meinen neuen oder alten Novellchen will Rodenberg im Novemberheft anfangen. Es giebt wieder Lalenburgergeschichten, wie Storm meine göttl. Erfindungen nennt. Dein G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum