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Hegi an Keller - 09.10.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Johann Salomon Hegi an Gottfried Keller - 09.10.1881


Genf den 9 Octb. 1881.

Mein Lieber!

Du hast mir durch Deine werthen Zeilen u. beigelegtem Buch den 30 Septb. zu einem Freudentage gemacht, der von nun an in meinem Kalender roth angeschrieben steht. Gerne hätte ich Dir meinen herzlichen Danck sogleich kund gethan, allein gegen meinen Willen mußte ich es verschieben bis heute, da mein Freund, neben dem ich mein Arbeitszimmer habe, meine Hülfe dringend bedurfte. Selbst vergangenen Sonntag mußte ich meinen gewohnten Spatziergang unterlaßen, u. bis Dunkelwerden arbeiten, u. so die Woche durch bis gestern Abends. Morgen wird es wieder von Neuem losgehen.

Dein Glaube, ich habe nöthig aufgeweckt zu werden um etwas von mir hören zu laßen, setzte meine Lachmuskeln in kleine Bewegung. Du bist nämlich auf dieser Fährte in falscher Richtung, da mich ein anderer Beweggrund zum Stillsein bewog.

Wie sollte ich Grashupfer, dessen Tummelplatz der Erdboden ist, dessen Höhe, auf die er sich zuweilen zu schwingen vermag, die Spitze eines Grashalms ist, das Vögelein erreichen, das sich in den Höhen wiegt, um seine Freundschaft zu pflegen? Similis simile gaudet – heißt es so viel ich mich erinnere, u. dabei wollte ich bleiben. Ja – sowie ich wieder einmal nach Zürich gekommen wäre, dann hätte ich meinen lieben, alten Freund aufgesucht, u. mir keinen Vorwurf gemacht, ihm ein Stündchen od. so was zu rauben. Schriftliche Unterhaltung anzufangen, fand ich zu anmaßend, denn da muß auch Etwas gebothen werden können, das Zeit zum Lesen werth ist. Nun ist es freilich was Anderes. Vögelein kommt zum Grashüpferlein u. frägt freundlich „was machst guts“. Da schnurrt’s fröhlich mit den Flügeln u. antwortet. Ist es langweilig – je nun – seine Schuld ist es nicht. S’Vögelein hat ihn aufgefordert, u. er thut so gut er kann. Das gerade Gegentheil war meine Position. Wie der Astronom von seinem dunkeln Winkel aus, den Gang des hellstralenden Sternes verfolgt, konnte ich, unter einem dürren Blatt versteckt, den Wandel meines Freundes folgen, u. mich herzlich freuen, im Stillen mir sagen zu können „das ist mein alter Gottfried, und Tausende freuen u. genießen seiner, wie ich“. Als ich Deine Creirung zum Doctor las, kitzelte es mich gewaltiglich, Dir meine referenz zu machen. Aber – <„>still da, du Grashupfer“. hieß es. Nach Alle dem könntest Du mir nun zu der Meinung kommen, als hielte ich es für möglich, dß. Lob u. Ehre, die Dir geworden, Dich etwas angeraucht, u. Dein Herz für ein gewöhnliches Menschenkind entfremdet hätte. Allein auch darin, wärest Du ebenfalls auf falscher Fährte. Ich gedachte Deiner so oft, u. in ungeschwächter Freundschaft, aber mich aufdrängen, wollte ich nicht; das wäre es aber gewesen, hätte ich so ex abrupto Dir geschrieben. Was kann ich Dir sein od. biethen. „Da hättest Du mir doch mittheilen können, was Du treibst, wie es geht etc¿?“. Darüber schweige ich lieber, denn was läßt sich erzählen, wenn man unter fahlem, dürren Laub verborgen lebt!

Deine Zürich. Novlln habe ich schon bis fast zu Ende gelesen. Am Empfangstage selbst habe ich, wie H. Jacques gehörig geschwänzt, indem ich die Pausen dehnte, wie ein elastisches Band. Nachher gieng es leider nicht mehr, sonst wäre ich schon lange fertig. Dazu muß ich bemerken, dß. ich nicht verschlang, sondern aufmerksam las, u. buchstäblich mich so in das Gelesene vertiefte, dß. Alles mir in lebhaften Bildern vorschwebte, so dß. ich mit Jcq. bummelte, den Pathen hörte, mit C. v. Mure nach den Alpen u. in’s Limmatthal blickte, Hadlaub, wie er mit den Kühen nach Hause kommt, u. nachher von Fides das „du dummer Bub“ erntet, sogleich hätte hinzeichnen können. (Was auch geschehen wird, wenn ich Zeit dazu finde.) So gieng es fort bei’m Narr a. Manegg, Landolt, den 7 Aufrechten u. Ursula wo ich bis zur Räumung d. Kirchenschatzes v. Münster gekommen bin. Ich sprach davon einigen Bekannten, die Geschmack an solcher lecture haben, die speculiren jetzt darauf, wie Habicht auf ein Hühnlein.

Dß. Dr Baechtold noch meiner gedenkt, freut mich sehr. Auch seinen Gang konnte ich in großen Zügen verfolgen, durch Mittheilungen im „Bund“. Eine Broschüre v. ihm hatte sich einmal hieher verirrt. Als ich einige Zeit nachher zum Buchhändler gieng, um sie zu kaufen, war sie nicht mehr zu finden; Ich nannte den Autor, wußte aber die Verlagshndlg. nicht, mußte daher unverrichteter Sache abziehn.

Da hast Du wohl recht – wer hätte, als wir noch mit Ferdinand in München beisammen saßen geahnt, dß. der Gang von ihm u. s. Familie einen solchen Ausgang nähme.

Bist Du nun zufrieden, mein Lieber! Nimm einen tüchtigen Handschlag u. herzlichen Gruß von Deinem

J.S.Hegi.

rue des Chanoines, 7.

  
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