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Keller an Assing - 09.02.1859

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 09.02.1859


Verehrteste Fräulein Assing!

Erlauben Sie mir, mich wieder einmal bei Ihnen zu melden und mich herzlich zu erkundigen, wie es Ihnen nun gehe? Ich denke mir, Sie schaffen und bereiten in stiller Sammlung allerlei vor und führen den goldenen Faden weiter, der Ihnen in den Räumen, die sie bewohnen, in die Hand gegeben ist.

Bettina ist also nun auch hinunter zu den übrigen Schatten, und während die Weltlage wieder dahin zu gerathen scheint, wo sie vor mehr als einem halben Jahrhundert steckte, sind nun die Letzten hinweggegangen, welche dazumal jung waren und das „Geistige“ gerettet und uns überliefert haben.

Es ist wieder eine abscheulich barbarische und unheimliche Zeit, wo alles in Frage gestellt wird und die ganze Welt das Maul aufsperrt und an den tückischen Worten eines einzigen Mannes hängt, und dazu eines Abenteurers. Es scheint, die Herrschaften können sich immer noch nicht dazu entschließen, nobel und entschlossen zu sein zur rechten Stunde, um sich nachheriges Elend zu ersparen. Ich bin sehr ärgerlich über diese Geschichten und fange an zu fühlen, wie das Unsichere der öffentlichen Welt auch den Einzelnen und Verborgenen beunruhigt und hindert. Sonst bin ich jetzt in einen ziemlichen Fleiß eingewöhnt und hoffe nicht sobald wieder daraus hinauszugerathen, was mir nöthig zu werden beginnt. Außer den Dunker’schen Novellen wird auch ein 2 u 3 ter Band Leute v. Seldwyla bald fertig sein. Ein Gedicht „der Apotheker von Chamouny“ ist auch früher gemacht worden und wird eben verschachert.

Dann bin ich auch offiziell beauftragt worden, eine historisch-politische Volksschrift zu schreiben für den Kanton Zürich, so daß ich zu thun habe, wie ein Schuhmacher. Im Herbst hoffe ich nun ganz sicher endlich an das Theater zu gelangen, denn länger darf ich nicht mehr warten, da ich nächsten Sommer 40 Jahr alt werde.

Jüngst kam ich bei einem souper in die Nähe einer Madame Veit aus Berlin, welche mir sehr fein und gebildet zu sein schien. Sie soll in ein romantisches Abenteuer verwickelt sein und lebt in Zürich mit einer Frau v. Heidtfeld u deren Sohn. Kennen Sie diese Leute?

So eben lese ich, daß Palleske auch ein Leben Karl August’s schreiben will. Stahrs Lessing gefällt nicht ganz, überhaupt kommt in den Arbeiten dieser Art ein allzu warmer und allgemein enthusiastischer Ton auf, welcher der männlichen Solidität der Arbeit Eintrag thut. Den gediegensten Ton hat neuerdings Strauß getroffen in seinen musterhaften Biographien und es wäre zu wünschen, die Herren lernten von ihm, da sie die Kunst des feineren Lobes vom alten sel. Varnhagen einmal nicht gelernt, vielleicht nicht einmal bemerkt haben. Doch mir fällt plötzlich ein, daß ich um ein gefährliches Licht herumschnurre, da meine geehrte Correspondentin ja selbst die Biographie kultivirt! Ich habe nichts gesagt, sage nichts und werde nichts sagen, als was schuldige Ehrfurcht gebeut!

Man ist im Süden sehr begierig, ob Preußen nicht den Franzosen ein Halt zurufen und den Frieden erzwingen wird? Das ganze deutsche Volk würde ja hinter ihm stehen und auch noch andere Leute! Aber wahrscheinlich wird man das Pferd abermals beim Schwanz aufzäumen.

Wenn Sie die gemüthlichen Dienstleute noch bei sich haben, welche Sie vor 2 Jahren auf der Reise begleiteten, so grüßen Sie doch dieselben, sie fallen mir so eben ein. Denken Sie, ich bin seither nie mehr auf den Berg gekommen und werde überhaupt ein Stubenhocker, wenn nichts mich aufrüttelt.

Ich hoffe, daß Sie das gegenwärtige Jahr wohl und zufrieden angetreten haben und wünsche, daß dasselbe einen glücklichen und weniger tragischen Verlauf für Sie nehme, als das vergangene Jahr! Und indem ich hiermit nochmals Ihres hingeschiedenen Oheims und Freundes grüßend gedenke, empfehle ich mich auch Ihrem ferneren gütigen Wohlwollen u bleibe Ihr

alter achtungsvoll zugethaner

Gottfr. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

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