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Assing an Keller - 09.05.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 09.05.1856


Berlin, den 9. Mai 1856.

Ihr Brief ist mir ein liebes, willkommenes Geschenk, mit dem Sie mir eine große Freude bereitet haben; er ist so ganz wie Sie, also recht eigentlich das was ein Brief sein soll: ein getreues Abbild dessen der ihn schreibt. Ich danke Ihnen herzlich dafür! Es ist mir lieb, daß Sie mich in Ihrem Andenken behalten haben, und freut mich, daß Ihnen meine Anzeige der „Leute von Seldwyla,“ die ich Ihnen zuschickte als bescheidenen Dank für die Anregung und Befriedigung, die ich dabei empfunden, angenehm gewesen ist. So unvorsichtig kann ich aber das, was Sie die darin enthaltenen Lobsprüche nennen, durchaus nicht finden; hätte niemand sonst Ihnen so sehr verdientes Lob ertheilt, so wäre es ja erst recht meine Pflicht gewesen, das laut auszusprechen, was ich bis in’s innerste Herz fühlte und dachte. Aber es ist anders gekommen: auf meine Anzeige sind seitdem viele andere gefolgt, und alle sind voll Beifall und Anerkennung. Auf die verschiedensten Menschen haben Ihre schönen Erzählungen den größten und nachhaltigsten Eindruck gemacht; was Auerbach darüber in der „Allgemeinen,“ Kossak in der „Montagspost,“ und die sonst so zänkischen „Gränzboten“ darüber gesagt, werden Sie gelesen haben. Was mich betrifft, so bleibt alles was Sie schreiben immer in meinen Gedanken umher, es ist ein schöner Lebensinhalt, der mich fortwährend beschäftigt; bei tausend Anlässen werde ich daran erinnert. Zu meiner Herzensfreude sind diese Dichtungen geschaffen, und ich wäre sehr undankbar, wenn ich nicht so „unvorsichtig“ sein wollte, dies offen zu bekennen.

Seit Sie uns verlassen, haben wir einen recht traurigen Winter verlebt; unsre arme Kranke ist nicht besser geworden, sondern nach vielen Leiden Anfang Februar gestorben. Es war sehr betrübt, daß wir ihr so gar nicht helfen konnten, und außer ihr selbst that mir auch mein Onkel so leid, dessen weiches Gemüth sehr davon afficirt wurde; ich finde, wenn jemand schon so alt ist, wie er, so wünscht man ihm doppelt, daß das Leben ihm nur noch freundliche und wohlthuende Eindrücke biete. Glücklicherweise hat seine kräftige und jugendlich elastische Natur sich schnell wieder aufgerichtet, und nach manchem Unwohlsein ist er nun wieder frisch und geistesthätig in gewohnter Art. Er empfiehlt sich Ihnen auf das Herzlichste und trägt mir seinen Dank für die gütige Übersendung Ihres Buches auf, an dem er sich mit mir, so wie an Ihrem Briefe gefreut hat. – Nach langer Stille haben wir nun auch wieder unsere kleinen Gesellschaften angefangen, nach denen Sie sich so freundlich erkundigen, und in denen Sie leider nun fehlen! Der alte noch immer gleich lebhafte General von Pfuel war öfters bei uns, dann die geniale, liebenswürdige Frau von Bock, die ehemalige Schröder-Devrient, deren noch immer bezaubernder Vortrag Schubert’scher und Schumann’scher Lieder beweist, daß das Genie ewig jung bleibt. Auch zwei artige Töchter von Liszt sehen wir zuweilen, muntre, unbefangene Französinnen, die hier der Obhut der Frau von Bülow übergeben sind. Fräulein Ney kommt mitunter, doch waren alle meine Bemühungen vergeblich sie in Beziehung auf ihre Heidelberger Freundin gesprächig zu machen; nur das theilte sie mir mit, daß sie den ganzen Winter an einem nervösen Fieber krank gewesen und jetzt erst wieder besser sei. Weiter konnte ich nichts erfahren. – Doctor Ring war sehr in Anspruch genommen durch seine Verlobung, mit der er die meisten seiner Freunde am Neujahrstag überraschte; ich war nicht ganz überrascht, denn als er sich kurz vorher einen prächtigen Winterpelz angeschafft hatte, da dachte ich mir, nun würde er wohl auch bald heirathen! Wie recht hatten Sie, diesen Pelz als eine neue wichtige Phase in seinem Leben zu bezeichnen! Unser guter Freund ist so glücklich und vergnügt, daß man recht seine Freude daran haben muß. Er brachte uns seine Braut, Fräulein Elvira Heymann, Tochter des Verlagsbuchhändlers und Commerzienraths Heymann, die einfach, freundlich und verständig zu sein scheint, und ihm sehr zugethan. Am 5. Mai war die Hochzeit, bei der wir auch gegenwärtig waren, ein fröhliches Fest, zu dem man nahe an neunzig Personen eingeladen hatte. Ring denkt Ihrer mit großer Herzlichkeit, und hat Ihnen seit seiner Verlobung immer schreiben wollen, ist aber, wie dies ihm ganz ähnlich sieht, immer nicht dazu gekommen. Er ist jetzt in der Louisenstraße mit seiner jungen Frau sehr behaglich eingerichtet, elegant und geschmackvoll, und ich bin überzeugt, daß er trotz Elvira’s Nähe, bald in seinem Schreibefleiß fortfahren wird. – Dabei fällt mir ein, daß die in meiner Anzeige erwähnte Dame sehr thöricht sein müßte, Ihnen die Frau zu geben, die Sie von ihr verlangen. So klug wird sie doch hoffentlich sein, um zu wissen, daß Sie sich nach einer Frau, die eine andere Ihnen giebt, die Sie sich nicht selbst gewählt haben, gar nicht richten würden, daß eine solche also gar nicht dazu gebraucht werden könnte Ihnen die Ausdrücke zu streichen, die Sie, wie es Ihrem seltsamen Wesen ganz entspricht, nur wählen, um absichtlich zu verstimmen. Das Mittel wäre also verfehlt, da es so seinen Zweck nicht erreichte. Nur eine von Ihnen selbst Gewählte könnte solche Zensur ausüben! – Jene Dame ist aber darum schon nicht im Stande Ihnen eine Frau zu verschaffen, weil sie, wie Ihr scharfer Blick wahrscheinlich schon längst entdeckt hat, gar nicht existirt, und nur von mir erfunden worden ist, um meinen Einfall einzukleiden. Doch – wenn man sich die Sache recht überlegt, ist es am Ende besser noch Sie behalten die absonderlichen Ausdrücke, ehe Sie sich so schnell zum heirathen entschließen.

Ich nehme herzlichen Antheil daran, daß Sie Ihre Mutter so unverändert wiedergefunden haben. Möchte Ihnen noch lange das Glück gewährt sein, sie zu besitzen. Es ist gar zu schrecklich die zu verlieren, die einem die Liebsten sind. Ich denke Sie mir gern in der zauberischen Natur, die Sie so anmuthig beschreiben, und in diesem feste- und farbenreichen Schweizerleben, das einem hier so fremdartig erscheint. Doch fürchte ich daß Sie dadurch gar kein Verlangen mehr nach Berlin haben werden. – Richard Wagner’s „Nibelungen“ habe ich schon vor längerer Zeit gelesen, und stimme durchaus mit Ihrem Urtheil überein. Alle seine Operntexte sind schöne, eigenthümliche Dichtungen; vielleicht ist sein poetisches Talent noch größer als sein musikalisches. Über letzteres will ich mir übrigens kein Urtheil anmaßen, wie ich denn überhaupt nicht an den musikalischen Krimzuständen mich mitbetheiligt habe, die diesen Winter durch den Eifer der Vertreter der classischen und der Zukunftsmusik entstanden waren. – Das hübsche Buch von Hettner: „Geschichte der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts,“ von dem der erste, England behandelnde Band erschienen ist, gelangte wohl schon zu Ihnen? Es ist so frisch und vorurtheilslos geschrieben, gar nicht so trocken und pedantisch, wie dergleichen Werke so leicht werden. – Palleske hat nun auch seinen „Cromwell“ beendigt, der mir ganz vortrefflich vorkommt. Er hat sich sehr in jene denkwürdige Zeit England’s hineingelebt. Die Macht der vorwärtstreibenden Ereignisse, die verschiedenen Partheien sind mit Talent geschildert; der hochmüthige, treulose und verblendete König bildet einen scharfen Contrast mit der edeln, großartigen Gestalt Cromwells, und in diesem Einen Abschnitt der Englischen Revolution ist die Geschichte aller Revolutionen mahnend hingestellt. Palleske war vor einigen Wochen auf zwei Tage hier, und hat mir sein Stück vorgelesen. Ich freute mich ihn wiederzusehen, er war frisch, voll edeln Feuers und Strebens wie immer. Von Ihnen sprach er mit Liebe und Verehrung. – Eine „Geschichte der Architectur“ von Wilhelm Lübke, die sehr faßlich, klar und lebendig ist, hat mich lange angenehm beschäftigt. Dagegen macht mir Fanny Lewald’s „Kammerjungfer“ einen sehr widrigen Eindruck. Ich finde mit Schrecken daß diese Schriftstellerin immer gemeiner wird, ihre Gedanken kriechen immer tiefer auf der Erde hin; ohne dichterischen Schwung und ohne Leidenschaft, ist sie stolz auf ihre Prosa, und wo sie grade glaubt recht sittlich zu sein, da verletzt sie durch innere Rohheit. – Fräulein Elise Schmidt ist mit Fräulein von Schlichtkrull nach England gereist, wo die erstere Vorlesungen halten will. – Daß Sie auch Heine’s in Ihrem Briefe erwähnen, hat mich gefreut. Ich habe den Tod dieses außerordentlichen Dichters sehr beklagt, und finde es recht undankbar, daß man ihn in Deutschland so gleichgültig aufgenommen hat. Leute, die in ihrem Leben nicht tugendhaft gewesen sind, wollten daran plötzlich ihre Tugend beweisen, daß sie über einen so glänzenden Genius schonungslos aburtheilten, ohne Mitleid und Pietät! –

Zum Zeichnen bin ich gar nicht mehr gekommen, seit Sie fort sind. Die Tage verfliegen mir mit dem Onkel, mit meinen Vögeln, mit meinen Büchern, ich weiß nicht wie. In der That, Ein Leben ist zu kurz, für alles was man thun, lernen und genießen möchte!

Leben Sie wohl! Möchte es Ihnen immer so gut gehen als ich es Ihnen wünsche! Wenn Sie mich wollen von sich hören lassen, so können Sie überzeugt sein, daß ich alles mit herzlichem Antheil empfange und mich daran freue. Wenn ich Ihnen heute zu viel geschrieben habe, so tragen Sie selbst einen Theil der Schuld: ich habe nämlich immer so gern zu Ihnen gesprochen, weil ich das feste Vertrauen fühlte, daß Sie alles richtig aufnehmen und verstehen wie es gemeint ist; und so ist es auch heute gekommen, daß ich kein Ende finden konnte!

Mit herzlichen Grüßen

Ludmilla.

  
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