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Keller an Assing - 09.05.1861

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 09.05.1861


Verehrtes Fräulein!
Ich will mich nicht lange herausbeißen, daß Sie in Ihrer Güte veranlaßt sind, zweimal an mich zu schreiben, eh’ ich einmal an Sie. Ich bin eben diese Zeit her etwas korrespondenzmüde, da ich meine Gedanken für andere Dinge zusammengenommen habe, und da finde ich, man soll sich zu nichts zwingen und auch hierin sich gehen lassen können, ohne zu heucheln oder sich zu entschuldigen.

Indessen danke ich Ihnen doppelt für Ihre neue Zusendung und Vermehrung meiner Freundschaftsbibliothek. Die Briefe Rahel-Veit sind mir sehr intressant und kurzweilig, obgleich mich die übertriebene Haarspalterei im Wahrsein, Gegenseitig-Verstehen, im Denken, Wissen etc. chokirt. Ich glaube, diese Art Luxus in tugendhaftem Scharfsinn oder scharfsinniger Tugendhaftigkeit, so breit ausgehängt, ist jüdisch und hat die gleiche Quelle, wie bei den ordinären Juden der Luxus mit Schmuck und schreienden Farben. Wobei natürlich anerkannt werden muß, daß wie diese letztern das Geld, so die erstern den nöthigen Geist zu ihrem Luxus haben. Aber „bon ton“ ist’s nicht, um mit den jungen Leutchen zu sprechen. Ich habe indessen erst den 1 t. Band durchgangen.

Das Börne’sche Briefbuch, dessen Herausgabe ich der gleichen Hand zuschreiben muß, obgleich Sie sehr diplomatisch damit umgehen, habe ich verurtheilt, ehe ich es gelesen hatte. Wiedereinmal ein unfertiger Bengel, der eine ältere Person mit einer vermeintlichen Leidenschaft kompromitirt oder langweilt, und die sorgliche Einbalsamirung solcher Flegelei, dachte ich. Nun ich das Büchlein gelesen, bin ich doch froh, daß es herausgekommen, denn wie die Vorrede sagt, ist es Börne fast auf jeder Seite, und die Liebesgeschichte, welches jedenfalls eine krankhafte oder unreife Affaire ist, nimmt am Ende nicht soviel Raum im Text ein. Die Schilderung der Reil’schen Wirthschaft in Halle ist köstlich, und so noch Manches.

Ich lese für mein Leben gern Börnesche Briefe, und wenn sie von Nichts handeln.

Ich habe so eben zum Cafe den 2 t. Theil der andern Briefe aufgeschlagen und finde gleich den ersten der Rahel sehr bedeutend und Respekt einflößend. Was die äußere Form, den Jargon und die besagte Kümmelspalterei dieser Briefe betrifft, so muß man freilich die Zeit nicht vergessen, in welcher sie geschrieben wurden.

Ich lasse Stein feierlich grüßen, weil er von mir ausbreitet, ich sei fleißig. In München hat man ausgebreitet, ich sei ein Trunkenbold geworden und ganz heruntergekommen. Man sagte mir, ich müsse unbekannte gute Freunde in meiner Nähe haben, welche dergleichen Dinge nach Deutschland berichten.

Der Madame Herwegh habe ich Ihr Paket selbst überbracht und dafür eine Cigarre mit ihr rauchen dürfen.

Eines nimmt mich Wunder an der Rahel, daß sie so viel klagt und sich unglücklich nennt. Es schickt sich nicht zu der übrigen Ueberlegenheit und Philosophie. Freilich sind die Menschen so stupid, daß man endlich, in Augenblicken der Schwäche, selbst sagt, daß Einem was fehlt, und fast Alle sind so gedankenlos neidisch, daß sie jeden, der zu schweigen weiß, gleich für einen gemachten Mann halten und wohl gar glauben, man esse heimlich Kuchen.

Es ist Schade, daß die Rahel nicht mehr mit eigentlich produktiven Meistern in solche andauernde Briefübung gekommen ist; sie würde dadurch von dem formlosen (obgleich tiefsinnigen) Grübeln abgezogen und an ein lebendigeres Gestalten gewöhnt worden sein schon in ihrer Jugend; d. h. wenn sie wirklich was annehmen oder werden wollte, das sie andern dankte, was zu bezweifeln ist; denn zuletzt dreht sich bei ihr alles um ihr persönliches Denkgefühl. Nun, sie darf sich auch so sehen lassen!

Ich habe seit einigen Monaten angefangen, von meinen neuen, oder bald ungedruckt alt gewordenen Sachen vorzulesen, so daß ich bald ein wahrer Paleske sein werde. Nach einigen Gesichtern, so die Damen dazu geschnitten haben, dürfte Ihr Kriterium: Sonderbar! wieder in Anwendung kommen. Halten Sie mir das Wort daher ja recht hübsch parat, daß es gleich zur Hand ist, wenn der Schuß losgeht!

Ihr ergebenster G. Keller.

Dieser Brief wurde schon vor zwei Wochen geschrieben; ich wollte einen Anderen machen, da er mir nicht ganz gehobelt erscheint, komme aber nicht dazu; denn ich habe alle Hände voll zu thun. So schicke ich dennoch endlich ab, damit Sie mir nur nicht Urphede schwören

Himmelfahrtstag 1861

Ich sitze beim schönsten Wetter zu Hause und schreibe, schreibe, schreibe!

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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