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Keller an Assing - 09.11.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 09.11.1860


Verehrtes Fräulein!

Sie sind jetzt gewiß wieder eingeheims’t, so daß ich mich endlich für Sie an den Schreibtisch setzen kann. Ihre große Freundlichkeit ist eine Schraube ohne Ende (um wieder „sonderbar“ zu sein) und man muß sich nur sputen, mit dem Danke nicht zurückzubleiben. Das ausgeschnittene Sträußchen von Varnhagens Hand freut mich sehr und ich danke Ihnen herzlich für diese rasche Aufmerksamkeit; denn ich erinnere mich sehr wohl, daß ich beiläufig erzählt hatte, ich hätte seltsamer Weise nie eines von diesen Kunstwerken gesehen und selbst, als der Meister derselben dergleichen vor meinen Augen schuf, sie aus Kinderei nicht zu sehen verlangt. Möchte alles im Leben Versäumte so freundlich nachkommen.

Was soll ich erst zu dem reichen Geschenke der sämmtlichen Bände der Denkwürdigkeiten sagen? Sie sind vor etwa 10 Tagen angekommen und obgleich ich sie alle schon und zum Theil wiederholt gelesen, so liegen sie doch seit der Zeit auf meinem Tisch und halten mich mit ihrem reichen und schöngeformten Inhalt von der Arbeit ab, so daß ich sie nächstens werde weg stellen müssen.

Daß Ihnen die Kalendergeschichte nicht ganz mißfallen hat, beruhigt mich ein wenig, denn ich weiß wohl, daß sie nicht in Ihre zierlich gebohnte Damenstube paßt. Doch kommt es Ihnen gut, daß ich kein Student bin, bei welchen das Sonderbarfinden Tusch ist und mit einer Forderung beantwortet wird. Uebrigens ist sie mir von Auerbach etwas beschnitten worden, der jetzt wohl in Berlin sein wird. Wenn er sich in Ihre radikale Nähe wagt, so grüßen Sie ihn gütigst von mir. Die Erzählung hat mir auch die Gunst des Herrn v. Cotta zugewendet, welcher mir ganz wohlwollend darüber schrieb, nachdem er mich durch einen Dritten hatte fragen lassen, ob ich nicht an das kleine Schillerfest auf dem 4 Waldstättersee ginge und ihm eine Sache davon in sein Morgenblatt machen wolle? So werden Sie denn in einiger Zeit meine Abenteuer jenes schönen Tages (es war wirklich sehr hübsch) dort lesen können, lauter Novellenabhaltungen.

Ich habe letzthin auch politisirt, indem ich mich in eine Wahlbewegung hinein verführen ließ um einige schlaffe und kriegsscheue Gesellen aus dem Nationalrath hinauszuwählen. Die Zürcher offizielle Welt nahm unsern Scherz aber als einen Angriff auf sie selbst auf und entbot allen ihren Kräften, so daß wir ziemlich auf’s Haupt geschlagen wurden. Ich hatte den Manifestschreiber dabei gemacht und mir dadurch das „Bedauern“ der Hochmächtigen zugezogen. Das Bedauern ärgerte mich und ich verwandelte es durch eine Reihe von Zeitungsartikeln in etwas Solideres, nämlich in Haß und Zorn, der sich wohl wieder legen wird. Indessen habe ich bei dem kleinen Strauße einige gute Erfahrungen und Beobachtungen für mein Handwerk gemacht, sowie einige angenehme kleine Reisen an schönen Herbsttagen, um mit den Wühlern anderer Orte zusammenzutreffen. Ich verlebte auch einige angenehme Sonnentage in Luzern, wo ich mit alten Freunden, die ich lange nicht sah, im Freien unter den gelben Bäumen etliche Flaschen gelben Weines trank, doch ohne Gefährde. Es war sehr gemüthlich, da alle Touristen verschwunden sind, leider auch die Touristinnen (um mich noch rechtzeitig der Galanterie zu befleißen). Dagegen beobachtete ich in Luzern fast lauter hübsche Wirthsfrauen, wozu es aber der Lokalkunde meiner Bekannten bedurfte.

Der Frau Herwegh hatte ich Ihren Brief stracks gebracht; sie war sehr vergnügt darüber, beneidete Sie aber um die goldenen Schloßoblaten. Sie las mir einen rührenden und intressanten Brief von Ludwig Feuerbach vor, der ganz arm geworden ist und seine langjährige Wohnung, Schloß Bruckberg, das Erbe seiner Frau, verlassen mußte, ohne recht zu wissen wohin. Trotz der unverkennbaren Klage ist der Stil des himmelstürmenden Philosophen dennoch würdig und trotzig.

Nun weiß ich Nichts mehr und wünsche Ihnen einen vergnüglichen Winter, in dem ich Ihnen nochmals für alle Wohlthaten danke. Seien Sie fleißig im Nachlaßbergwerk und kommen Sie nächsten Sommer wieder mit der rothen Feder auf dem Hut.

Ihr ergebenster und unterthänigster
Gottfr. Keller

Zürich d. 9 t Nov. 1860.

Bald wiederum ein Jahr verschwunden!

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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