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Assing an Keller - 09.11.1866

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 09.11.1866


Florenz, den 9. November 1866.

Lieber, verehrter Herr Keller!

Güte ist meist unbequem für diejenigen die sie haben, und auch die Ihrige für mich, die Sie mir bewiesen haben, soll Ihnen nun wie es scheint, neue Ungelegenheit bereiten. Ich komme wirklich schon wieder mit einer Bitte! Sind Sie böse darüber? – Die Sache ist diese: Herr Fürsprech Goll wird Ihnen gesagt haben daß er es für gut findet daß das Manuscript des neunten und zehnten Theiles der „Tagebücher,“ bevor es dem Gericht vorgelegt, durchgesehen werde um die etwaigen Majestätsbeleidigungen herauszustreichen. Ich hatte gehofft, Herr Goll würde dies thun können; nun schreibt er mir aber heute: „Betreffend die Ausmerzung der ehrenrührigen Stellen, sehe ich mich, da ich zur selbsteigenen Vornahme dieser Arbeit keine Zeit habe, zu dem Rathe veranlaßt, Sie wollen den Herrn Staatsschreiber Gottfried Keller darum angehen. Eine flüchtige Erwähnung dieses Punktes ihm gegenüber läßt mich voraussetzen, daß Sie sich keinen Abschlag holen werden.“ – Wollen Sie nun wirklich einer so großen Mühe sich unterziehen? Ist es nicht zu viel, Sie darum zu bitten? Ich hoffe vor allem daß Sie Nein sagen im Falle Sie darum eigene Arbeiten versäumen müßten. Wollen Sie es aber wirklich thun, so finden Sie das Manuscript des neunten Bandes in den Händen des Herrn Fürsprech Goll, der ja auch gewiß genau angeben kann welche Art von Ausdrücken zu streichen wären, wo die Injurie anfängt und aufhört. Da ich höre, daß Herr Schwarzenberg auf seiner Durchreise in Zürich nicht das Manuskript des zehnten Bandes, wie ich ihn gebeten hatte, dort abgegeben, so werde ich ihm schreiben daß er es sogleich dorthin sende.

Wie mag es Ihnen ergehen? Ich habe oft an Sie gedacht, um so mehr da meine Tante die vorgestern nach Rom abgereist ist, sich von mir Romeo und Julia auf dem Dorfe vorlesen ließ. Die Geschichte, die mir so sehr im Gedächtniß geblieben, daß mir keine Einzelheit neu war, machte mir wieder den größten Eindruck, während ich das Vergnügen hatte zu sehen, daß meine Tante ganz davon ergriffen war, und mit theilnehmendem Eifer jedem Worte lauschte. Wie viel Tiefe, Beobachtungsgabe und geniale Herzenskenntniß leuchtet überall aus dieser einfachen Erzählung hervor! – Sie wollen dergleichen nicht hören, und doch muß ich es sagen als getreue Berichterstatterin, und weil es ganz undankbar wäre, es nicht zu thun.

Wir haben und hatten hier alle möglichen Fremden; unter ihnen verweilten auch vierzehn Tage Stahrs, die ich nach fünf Jahren wiedersah. Ich freute mich doch des Zusammenseins und der lebendigen Erinnerung an die vergangenen Zeiten. Fanny hat unterdessen ganz weiße Locken bekommen, die ihr aber recht gut stehen. Der arme Stahr ist sehr leidend; sie wollen den Winter in Rom zubringen. – Der junge Semper kommt auch öfters zu mir und ich suche ihn mit meinen Bekannten bestmöglichst bekannt zu machen. Er ist etwas schüchtern, scheint mir aber gescheut und brav, und gesetzter und geordneter als sein interessanter Vater. Frl. Fries gedenkt mit Anhänglichkeit der Familie Wesendonk. Sonst ist von Schweizern noch hier ein junger Architekt aus Luzern, Bühlmann, der mir erzählte daß der dortige Löwe im Winter in Stroh eingewickelt wird, und erst im Frühjahr, wenn die ersten Engländer kommen, entstroht man ihn. Das war mir ganz neu! – Der arme Pulszky ist nun zurückgekehrt, und packt seine Sachen um schon im Laufe dieses Monats mit allen ihm gebliebenen Kindern nach Ungarn zu gehen. Die Heimath sagt ihm übrigens nach so langer Abwesenheit nicht recht zu, und ich fürchte, die Amnestie ist ein unheilvolles Geschenk für ihn. Doch muß er jetzt dahin wegen seiner Kinder und wohl auch wegen seiner Güter.

Während meine gute Tante da war, habe ich immerfort in Gesellschaft leben müssen, und also wenig gelesen und wenig gethan. Sie sehen das gewiß diesem Briefe an.

Grüßen Sie freundlichst Mad. Wesendonk von mir, und bewahren Sie mir ein gutes Andenken.

In herzlicher Ergebenheit

Ludmilla.

Heute hat mir der einundachtzigjährige Pückler geschrieben; er hat diesen Sommer den ganzen Krieg mitgemacht, war immer im Hauptquartier, und bedauert nur daß er durch eine Disposition des Königs bei der Schlacht von Königsgrätz nicht gegenwärtig war. Dies ist sein Schmerz, sein Kummer! Er hat das Großkreuz mit der Kette des Hausordens der Hohenzollern erhalten, aber eine schwere Wunde bei Königsgrätz empfangen, wäre ihm lieber!

  
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