Title:

Keller an Heyse - 10.08.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Paul Heyse - 10.08.1882


Zürich 10 Aug. 1882.

Allerdings, du hochmütiger Grammaticide! stecke ich in diesem Augenblicke in der ersten orthographischen Schwulität, da ich bei der Revision einer im Druck befindlichen Auflage der Zürcher Geschichtchen wenigstens mit dem th am Schlusse der Silben abfahren wollte und nun eine heillose Verwirrung entstanden ist. Aber nur um so hartnäckiger werde ich auf meinem plebejisch biedermeierschen Tun beharren, und im Gedichtmanuskript schlage ich allen Todtenbeinen unbarmherzig das weichliche Knorpelfutter des d weg. Obwol mein fromme Mutter weint, da ich die Sach’ hätt g’fangen an – Ich hab’s gewagt! ruf’ ich dir zu, trotz deinem Wappenschilde! Aber freilich blutet mir das Herz dabei, wenn ich in dem verwüsteten Buchstabengärtlein meiner Kindheit so einsamlich dastehe. Wenn man mich aber reizt, so fang’ ich einfach wieder an, mittelhochdeutsch zu schreiben und dann ist die Purifikation von selbst am Platze!

Deine liebliche Geneigtheit, ein bischen in meine lyrische Hexenküche hineinzusehen, kommt einem schüchternen Wunsche entgegen, der mir mehr als ein Mal aufgetaucht ist. Ich habe allerdings hier Niemand, mit dem ich mich über vorkommende Zweifel und Schwierigkeiten beraten kann; die Schulmänner und Literarhistoriker können nicht helfen, weil sie immer nur die Schulbänke vor sich sehen und vom Werden und Schaffen in der Wirklichkeit nichts kennen. Daher auch die verfluchte Oberlehrer-Kritik, die jetzt grassirt neben dem unsterblichen Sekundanerstil à la Julian Schmidt. Selbst Dichter wie Kinkel oder C. Ferd. Meyer, die selbst Schönes gemacht haben, kann ich nicht brauchen, weil ich kein Vertrauen zu ihnen habe. Warum? Weil ich nie ein mündliches oder schriftliches Wort von ihnen gehört oder gesehen habe, das in kritischen Dingen von Verstand und Herz gezeugt hätte. Solche Leute stellen sich im Verkehre auch immer halb verrückt, um den Mangel einer lebendigen Seele zu verbergen, den sie wohl fühlen.

Dich aber, lieber Freund, kann ich nicht mit einem dicken Manuskript und auch nicht mit einer sukzessiven Correspondenz zu Grunde richten, so wenig, als ich selbst dergleichen aushalten würde. Um Rettung verworfener Kindlein wäre es mir auch weniger zu tun, als um guten Rat hinsichtlich der Verwerfung noch mehrerer. Gedruckt wird noch nicht, ich habe noch gar keinen Verleger angefragt, vielleicht aus richtigem Instinkt. Wenn nun der Spätherbst noch schöne trockene Tage brächte, so würde ich vielleicht mit dem bis dahin fertigen Ungeheuer von Handschrift nach München kommen und dich in einigen kurzen Sitzungen damit behelligen und deinen Finger auf die mir besonders schadhaft erscheinenden Stellen legen, d.h. mehr auf ganze Partie’n als auf Schuldetails, Alles, vorausgesetzt, daß Du alsdann noch munter und dazu aufgelegt wärest, und, wie gesagt, die kleine Reise Ende October u Anfang Novembers nicht zu naßkalt ausfällt.

Hoffnungen setze ich so dünne auf das Buch, als das Pflichtgefühl, mit dem ich es zusammenstopsle, dick ist. Und wie sollt’ ich anders, wenn ein Maestro, wie Signor Paolo, sich über die Lauheit der Aufnahme seiner metrischen Werke zu beklagen hat? Was übrigens zu hypochondrisch ist; denn Deine Bände werden eifrig gelesen und schön gefunden; allein es wird das als selbstverständlich betrachtet, wovon man nicht zu reden brauche! Und diejenigen, die reden könnten (oder konnten) halten dann weislich das Maul. Das große Publikum der Jugend und des gebildeten Alters gerät schon einmal hinter die Sache, wozu indessen eine kompakte handliche Ausgabe deiner Lyrika beitragen würde. Ich will aber mir die Finger nicht länger verbrennen mit solchen naseweisen Trostreden, wie neulich wegen des dramatischen Glückes, während Du bereits mit einem Heuwagen voll Lorbeeren einhergefahren bist. Zu dem Alkibiades in Weimar wünsche ich gerechtes Schicksal und fröhliches Genießen. Es wird hoffentlich doch für den letzten Akt eine eigene Decoration und Einrichtung gemacht, wenn nicht für das Ganze!

Du hast deine Aerzte und Freunde schön bemogelt, da du offenbar die ganze Zeit, wo du ruhen solltest, producirt hast, Dramen, Novellen und weiß Gott was! Nun kannst du wieder nach dem Wolfe rufen, es wird Niemand Mitleid fühlen, als ich, der ich die Größe der Arbeitsleidenschaft aus deren Gegensatz, der Majestät der Faulheit kenne und zu ermessen weiß, wie die Höhe eines Berges aus dem Abgrunde. Empfehle mich grüßend deinen edlen Damen und reise glückselig.

Dein ehrwürdig alter
Freund G. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum