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Keller an L. Duncker - 11.06.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Lina Duncker - 11.06.1856


Liebe Frau Dunker

Ich danke Ihnen für die gefällige Uebersendung jenes Briefes und für das freundl. Begleitschreiben. Der Brief war von dem rheinischen Oberdichter Wolfg. Müller, weiß Gott wo er erfahren, daß ich bei Ihnen zu erfragen sei! Wenn meine Novellen bei Ihnen erst heraus sind, so werden Sie mir manche Briefe zu schicken haben, hoffentlich geht es nicht wie bei Vieweg, durch welchen ich früher viele Briefe bekam, seit ein par Jahren aber keinen einzigen mehr, so daß ich glaube, er unterschlägt sie oder nimmt sie brutaler Weise nicht an. Gegen mich ist dieser Herr plötzlich wieder sehr freundlich geworden. Nun weiß ich gar nicht, was das für eine Mordgeschichte in Ihrem Hause gewesen ist, von der Sie schreiben. Wie es scheint, haben Sie irgend eine große Gefahr und Spektakel bestanden, thun Sie mich doch gelegentlich darüber aufklären. Wie Ihr Brief zeigt, sind Sie indessen mit dem Schrecken davon gekommen. Der Struwwelpeter in Ihnen ist aber gewiß auf einige Tage latent oder gebunden geworden; freilich wird er jetzt längst wieder „frei“ sein. Dr. Frese dauert mich, nicht gerade, weil er von Berlin fort muß, sonst müßte ich mich zuerst selbst bedauern (während ich mich selbst beneide) sondern weil er um seine schöne Stellung als Anwalt beim Biergericht gebracht ist. Auch Paleske muß ein rechter Damenfüsilier sein, da er so schrecklich gelobt wird. Ich habe auch in andern Damenbriefen die gleiche Litanei gehört. Er ist aber ein Fuchs und flattirt den Frauen nur, weil er Dramen macht, die er gelobt haben will. Aber tückisch ist seine Huld und urabgründlich sein Lächeln! Er ist aber doch ein guter Kerl. Was macht denn der große Scherenberg? In Zürich ist eine Berlinerin, eine Frau Professor Köchly aus Dresden, welche mit Ihnen in die Schule ging; ich suchte schon mehrmals zu erforschen, wie Sie als Backfisch gewesen seien und hoffte, eine rechte kleine Göhre als Resultat meiner Forschungen vor meinem inneren Auge auftauchen zu sehen; allein es wurde nichts verrathen, vermuthlich weil beide kleine Knirpsinnen die gleichen angehenden Strauchdiebe waren.

Meine Erzählungen habe ich Ihnen nicht geschickt, weil ich glaubte, Vieweg stelle der Volkszeitung ein Exemplar zu, was er mit dem Roman auch ohne meine Aufforderung gethan hat. Jetzt habe ich kein Exemplar mehr und Sie müssen das Buch halt ungelesen lassen, wenn Sie es nicht aus der Leihbibliothek bekommen. Jedoch sind alle Wunderwerke, die ich bis jetzt „geschaffen“, wahre Wischlappen im Vergleich zu den Novellen von vollendeter Klassizität, die jetzt mit noch ganz klein wenig Geduld zu erwarten ich Sie bitte. Nächstens werden sie erfolgen. Göttlich sind sie, von strengem Seelenadel, von endloser Grazie und getaucht in das ewige Hallunkenthum schnöder Verliebtheit, Vergißmeinnicht und rationelle Seidenzucht. Sie und Ihre hochgerathene nach Süden gaffende Schwester können dann darum würfeln, welcher ich das „Werk“ dediziren soll, und je nachdem der Würfel fällt, werde ich einen Widmann schreiben (d. h. eine Widmung) der sich gewaschen hat. Oder lieber will ich, in Ansehung der Franz Dunkerschen Verlagskasse, für Ihre gelockte Sorella eine eigene Novellsammlung machen zu Papilloten, für jede Locke eine Novelle und für den Zopf zwei, sie soll mir nur die Zahl schicken und nicht zu große Locken drehen, damit ich mehr Honorar herausschlage. Daß Elise Schmidt und Fräulein v. Schlichtkrull nach London sind, habe ich in der Zeitung gelesen. Wenn diese beiden Schrullen Gottes mit ihrem Bettschirm nur nicht den Prinzen Albert bethören oder den alten Lord Firebrand, daß die Welt aufs neue in Flammen geräth! Auch würde ich unter bewandten Umständen den Fränzchen um keinen Preis länger in London lassen, sonst kommt er nicht nur arm am Beutel sondern auch krank am Herzen nach Hause. Es streckt mir, indem ich schreibe, ein großer Moosrosenstrolch die grünen Hände dicht ans Fenster und der Buchs wird geschoren wie ein Mönch, von einem Burschen mit einer grünen Schürze.

Leben Sie wohlest und bleiben Sie gewogenst ihrem ergebensten

Gottfried Keller

Zürich den 11 oder 12 Juni 1856.

Meine Mutter läßt sich Ihnen auch empfehlen, d. h. sie ist gerade nicht zur Hand und ich sage das nur so aus unbestimmter Vermuthung.

  
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