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Gottfried Keller an Paul Heyse - 13.11.1880nach Martini 1880 Du hast mich nicht wenig beruhigt, liebster Freund; denn wenn ich von dem Tenor deines lieben Briefes auch abziehen muß, was billigermaßen nur deinem eigenen edeln Wesen innewohnt und gutzuschreiben ist, so bleibt mir noch genug übrig, um mich vor mir selbst bestehen zu lassen. Die beiden Grundübel des Grünlings: die unpoetische Form der Biographie und die untypische Specialität der Landschaftsmalerei, bleiben freilich als Kielwasser unverändert und lassen das Schiff nie fröhlich fahren. Auch danke ich Dir feierlichst, daß Du mich so freundschaftlich ein bischen mit unterstehen lässest unter den Poetensegen deiner Mutter. Deine Novelle ist im Novemberheft der Rundschau wieder nicht gekommen; dafür die hübsche Geschichte Wilbrandts, an der mich nur die kühle Verniade mit der Venus etwas chokirt. Indessen werde ich immer begieriger auf die neuen Provençalen deiner Muse. (Wilbrandts Haman aus dem Abendstern ist zum Theil von ungewöhnlicher Energie und tiefer Wahrheit in der Schilderung; nur scheint mir das Ende nicht ganz entsprechend: diese sanften Nazarener Gesichter sind in der Regel nicht so unglücklich, sondern werden öfter dick u fett.) Ein weiteres Vergnügen hatte ich neulich daran, daß dein Herr Verleger Wilhelm Herz mir im Voraus den Verlag der von der Rundschau angekündigten Novellen anbot, was mich Deiner guten Gesellschaft wegen eitel machen würde. Grüße und empfehle mich freundlich der verehrten Gemahlin und schätzbarsten Fräulein Tochter. Noch schäme ich mich, wie ich mich letzthin verleiten ließ, Euch im Gasthof um Abendessen und einen Schoppen Extrawein zu schinden. Einstweilen konnte ich sagen: Mit Euch, Frau Doctor, zu soupiren, Und das, nachdem Ihr so schmälich Hunger gelitten in meinem schönen Vaterlande. Nächstes Jahr wollen wirs besser machen. Dein dankbares Christengemüth, das Dich allen bekannten u unbekannten Göttern Athens anempfiehlt G Keller |
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