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Heyse an Keller - 12.10.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Paul Heyse an Gottfried Keller - 12.10.1881


Liebster Freund, ich habe mich gleich über das neue Finale hergemacht und große Freude dran gehabt. Zwar, wenn ich ehrlich sein soll, hat mir da gegen den Schluß eigentlich Nichts gefehlt, so sehr es angemessen scheint, daß gerade die Hauptperson, an der sich das Sprüchlein bewährt, uns recht intim bekannt gemacht wird, während Du diese lux früher ein wenig unter den Scheffel gestellt hattest. Aber der allerletzte Schluß hatte mich schon damals so bezaubert, daß ich gar Nichts mehr vermisste. Die Scene vor der Schusterstube, wie da mitten aus dem verrückten Singsang und der ganzen herrlichen Armseligkeit der Situation ihre lang herangeglommene Verliebtheit plötzlich in einer hellen Flamme aufschlägt und sie ohne viel Wesens zu machen sich küssen, das ist so einzig schön, so, wie nur Du es machen kannst, daß ich auch jetzt wieder, da ich es nun zum zweiten Male las, vor lauter Vergnügen die Augen übergehen fühlte. Hierbei traf mich Levi, der das Sinngedicht noch nicht kannte. Er nahm die losen Bogen, schlug sie aufs Gerathewohl auf u. gerieth an eine ganz ausbündige Stelle, die er laut zu lesen anfing. Dann sprachen wir noch Verschiedenes, was ich Deiner Bescheidenheit ersparen will. Auch ist es gut, daß Du nicht zugegen bist, wenn ich als Reiseprediger den Heiden das Evangelium verkündige, wobei ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht habe, daß ich Alles schon bekehrt finde und nicht einmal nöthig habe, die Schwachen im Glauben zu stärken. Daß mich dies doch noch verwundert, darfst Du mir nicht übel nehmen. Die Welt, in der Deine Gestalten athmen, ist so gar nicht ir aller werld, ein Märchenduft, wie er aus der schäbigen „Jetztzeit“ ganz und gar geschwunden ist, umgiebt Deine handfestesten Figuren, und jener Goldton schimmert durch ihr Fleisch, der den Giorgione so unwiderstehlich macht, daß ich mich frage, wie dieselben Biederleute, die sich an Gartenlauben-Histörchen erquicken, zu Deinen ewigen Gedichten einen Herzenszug spüren können. Und doch ist dem so, woraus wieder einmal erhellt, daß man die Menschennatur in Grund und Boden verbilden kann, und doch den himmlischen Funken nicht ganz ersticken, der nur wartet, bis er von dem rechten Munde angeblasen wird, um fröhlich wieder aufzuflackern.

Ich gerathe da aber auf ein uferloses Meer, und soll doch mit eingezogenen Segeln am Strande bleiben und meine Havarie ausflicken. Dieses schöne Gleichniß ist der einzige Gewinn, den ich von der Ost- u. Nordsee mitgebracht habe. Im Übrigen ist der Sommer rein verloren, ich liege mit den alten Schmerzen u. Chicanen auf dem alten Fleck u. bin so eingeschüchtert, daß ich meinem Arzt einen theuren Eid geschworen habe, in Jahr und Tag mein Handwerk, das diesen schnöden Zustand auf dem Gewissen hat, nicht wieder zu betreiben. Dies saure Nichtsthun, zu dem ich so gar kein Talent habe, versüße ich mir einigermaßen, indem ich mir jeden Morgen mein Dänenroß satteln lasse, will sagen einen dänischen Ollendorf zur Hand nehme, der mich bereits so sattelfest gemacht hat, daß ich nur noch hie und da über eine Vocabel stolpere. Ich kann auf keine bessere Art mir mein Deutsch vom Halse schaffen, und zudem haben diese unsere feindlichen Brüder so viel gute und schöne Sachen zu Stande gebracht, daß es der Mühe wohl verlohnt, sie einmal in Augenschein zu nehmen. Ich denke auf die Art über die härtesten Wintermonate hinüberzukommen u. Anfang März mit Frau u. Kind nach dem südlichen Frankreich zu wandern. Grüße ihn sehr, sagte meine Frau, und sage ihm, daß wir ihn auf der Heimreise besuchen wollen. – Wer weiß, wie lange wir dann hängen bleiben! Denn es eilt mir gar nicht, die Entdeckung zu machen, daß ich meinen Troubadouren einen weit farbigeren Hintergrund hätte geben sollen. Hoffentlich bist Du nicht dort gewesen und weißt davon nicht mehr als ich.

Was das getheilte Herz betrifft, das letzte was ich gemacht habe, ehe ich die Werkstatt für so lange zuschloß, so ist es mir tröstlich, daß Du ihm nichts von der Unzulänglichkeit meines armen Leibes anmerktest, die ich selbst mit Noth im Schreiben überwand. Was Du mit Deinem Bedenken gegen die Haltung der Frau meinst, wird gewiß seine Richtigkeit haben, ich darf mich aber im Vergessen der ganzen Geschichte, das schon ziemlich geglückt ist, nicht stören, um später einmal als ganz unbefangener geneigter Leser das Ding wieder anzusehen. Sehr bald schicke ich Dir den Alkibiades, unter den ich auch schreiben könnte, wie König Wilhelm unter seine in der Wassersucht gemalten Bilder: pinx. in tormentis. Doch ist mir das ganze Menschenbild hoffentlich nicht mißlungen, und die tragische Collision, daß Jemand untergeht, weil er gegen seine Gewohnheit sittlich gehandelt hat, behält immerhin ihren Reiz.

Stormen habe ich drei Tage erlebt, ganz den Alten in ihm gefunden, der alle kleinen Freuden seines 64jährigen Lebens beständig wie ein stehendes Heer um sich geschaart hat und sich damit gegen die Unbilden von Zeit u. Welt siegreich vertheidigt, ein wahrer Lebenskünstler. Auch daß er sich nie daran wagt, seine Grenzen zu erweitern, ist klug und sichert seinen Frieden. Er hat sich ein Haus, das sehr behaglich eingerichtet ist, in eine der lachendsten Gegenden seiner Heimath hingebaut und lässt sich von Frau und vier Töchtern in Baumwolle wickeln. Und bei allem Altjüngferlichen, Züs-Bünzlihaften, das ihm anhängt, fährt dann wieder ein so schneidiges Mannesschwert aus seinem Munde, daß man froh erschrickt. Dich liebt er nun über die Maßen, und Wenige wissen besser Bescheid in allem Deinigen. Auch bei Freund Petersen war ich sehr guter Dinge. Er hat zwei prächtige Kinder, die es mir ganz eigen angethan haben. Und wie schön ist es da oben in den Seestädten, und erst auf der einsamen Nordsee-Insel, wo ich nur leider sonnen- u heillos hingelebt habe!

Doch genug für heut. Grüße Dr Bächtold. Meine lange Tochter u. die Schwiegermama empfehlen sich Dir angelegentlichst.

In ältester Liebe u Treue
Dein

München. 12. Oct. 81. PaulH.

  
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