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Keller an Assing - 12.08.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 12.08.1856


Zürich, d. 12 Aug. 1856.

Hochverehrtes Fräulein!
 
Sie sind jetzt gewiß in Berlin angekommen, wenn Sie nur nicht schon wieder ausgeflogen sind, etwa nach Hamburg oder der Enden. Ich habe vor Allem aus eine doppelte Aufgabe für diesen Brief, erstens nochmals Ihnen und Ihrem verehrten Herren Oncle die Freude auszudrücken, welche ich empfand, Sie beide so unerwartet in Zürich zu sehen und mit Ihnen zu verkehren, und zweitens meine bitterliche Reue, Sie am letzten Abend von Moleschot’s nicht nach dem Gasthof begleitet zu haben. Ich dachte gar nicht daran, daß in jener Gegend keine Straßenbeleuchtung ist bis dato, und erschrack, als das Dienstmädchen heraufkam und Begleitung requirirte. Der jüngere Moleschot wollte sich dieselbe aber nicht entziehen lassen und so blieb ich gemüthlich unverschämt sitzen! Uebrigens haben Sie hoffentlich Ihre Reise noch zu allbezüglicher Zufriedenheit beendigt! In der Zeitung stand, Sie wären auch in Luzern gewesen, was darauf hinzudeuten schien, daß der gute Herr Geheimrath sein System der Ueberraschungen noch ein- oder mehrmals fortsetzte? Die Alpen haben wir seither in Zürich nicht mehr gesehen, als bis diese letzten 3 Tage; jetzt sind sie aber wie Kristall. Die Stahr’s sind nun auch schon seit geraumer Zeit in Zürich und scheinen sich wohl zu gefallen. Der Fanny zu Ehren werden von ihren Freunden ausdrückliche „Herrengesellschaften“ geladen, mit Vischer, Wislizenus, Moleschot und allem Möglichen, und wo sich die Hausfrau bescheiden zurückzieht. Gegen mich sind sie merkwürdiger Weise außerordentlich freundlich. Jüngst habe ich in der A. Augsb. Zeit. einen merkwürdigen Brief über die Ristori gelesen von einer Berliner Dame G. v. A., welches gewiß die Bettinische Gysela ist. Es war indessen sehr viel Ueberraschendes und Neues in dem Aufsatz, abgesehen von der etwelchen überschwenglichen Form, welches übrigens in dieser blasirten Zeit eher eine Liebenswürdigkeit ist. Soeben fällt mir jene Kossak’sche Rezension ein, welche Sie mir noch hervorsuchen und zusenden wollten. Wenn es noch möglich ist, so thun Sie es doch gütigst, denn diese Eine ungelesene Rezension quält mich so sehr wie jene Eine ungenossene Wurst in Prutzens Politischer Wochenstube. Meine Novellchen, die den Titel „Galathee“ führen, werden keine ungehobelten Ausdrücke mehr bringen, dafür aber sonst ziemlich unnütz sein. Auch werde ich nächstens sonst als ein großer Sünder vor Ihnen erscheinen. Ich hatte nämlich schon beim Erscheinen des Romanzero ein trochäisches Gedicht angefangen gegen die literarisch-poetische Willkühr Heines und seiner formellen Nachbeter, hatte die Sache aber liegen lassen. Da aber auch nach seinem Tode jene Weise fortgesetzt wird, welche durchaus nur Einer Persönlichkeit allein angemessen ist und nachgesehen werden kann, so habe ich das Ding wieder hervorgezogen und fertig gemacht, bedenkend, daß vielleicht durch die Poesie allein das rechte Wort gesagt werden könne, ohne Philisterei, und daß der dichterisch ausgesprochene Tadel seinen Gegenstand erhebt, wie ihn die Prosa herabdrückt. Sie werden mich also bald im Lager derjenigen sehen, welche Ihren Unwillen auf sich zu ziehen pflegen; doch wird es nicht so gefährlich ablaufen. Das Dings wird heißen: „Der Apotheker von Chamouny oder der kleine Romanzero“. Herrje das Papier ist zu Ende. Schnell noch alle möglichen Empfehlungen.

Ihr ergebenster G. Keller.

P. S. Nun muß ich doch noch ein zweites Bögelchen ansetzen. Professor Vischer läßt sich Herrn Varnhagen sehr empfehlen und bedauert unendlich, daß er abgehalten war durch unvorhergesehene Umstände, denselben im Hôtel aufzusuchen; dagegen nahm er die mir aufgetragene Entschuldigung des Herrn Geheimeraths v. Varnhagen nicht an, in dem Sinne nämlich, daß er nie würde zugeben können, daß der Herr Geheimerath ihn, den Prof. Vischer, aufsuchen; sondern das Gegentheil müsse und würde unzweifelhaft stattfinden, je und so bald die beiden benannten Mächte wieder zusammen stoßen sollten. Ich bevollmächtige Ew. Hochwohlgeboren, diese Note dem verehrten Herrn Geheimen Rath vorzulesen, sie aber nachher wieder einzupacken und an sich zu nehmen.

  
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