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Assing an Keller - 12.08.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 12.08.1857


Berlin, den 12. August 1857.

Wenn ich Ihnen nur nicht undankbar erscheine, daß ich heute erst einen Brief von Ihnen beantworte, der mir eine so große und außerordentliche Freude bereitet hat! Wenige Tage, nachdem ich ihn erhielt, machten wir einen vierwöchentlichen Ausflug nach Dresden, Prag und Teglitz, und da nahm ich ihn mit, beantwortete ihn oftmals in Gedanken, ohne doch jemals dazu zu gelangen, dies mit der Feder zu thun. Nun sind wir wieder zurückgekehrt, und ich beeile mich Sie zu begrüßen, und Ihnen zu sagen wie lieb, wie angenehm, wie meine schönsten Erwartungen übertreffend alles das für mich ist, was Sie mir über mein Buch schreiben. Sie sprechen darüber wie ein Dichter, der alle Tiefen des menschlichen Herzens kennt. Wie freut es mich daß Sie sich für meine theure Gräfin Elisa interessiren! Welch ein Vergnügen, welch eine Befriedigung ist es zu schreiben, wenn es einem gelingt, diejenigen die man lange im Stillen geliebt nun auch Andern lieb und werth zu machen! – Ihr Beifall ist mir in mehr als einer Beziehung besonders wichtig, und ich danke Ihnen nochmals für all das Gute und Schöne, was Sie darüber sagen. Wohl haben Sie Recht, daß es eine begeisterte und poetische Zeit war, die ich zu schildern hatte: ich fühlte mich auch davon auf das Lebhafteste angeregt. Erst jetzt habe ich erfahren daß der edle, liebenswürdige Friesen vor dem Kriege, schon 1807 mit Alexander von Humboldt befreundet war und dem letzteren bei mehreren Arbeiten half. Humboldt, der jetzt bereits achtundachzigjährige, der noch immer wunderbar geistesfrisch ist, schrieb dies in einem Briefe an meinen Onkel, in dem er sich sehr freundlich und fein eingehend über meine Biographie äußerte, und mir zugleich einen Brief von Friesen an ihn, den einzigen, den er besaß, zum Geschenk machte.

Unsere diesjährige Reise war, wenn auch freilich mit der vorjährigen nicht zu vergleichen, doch sehr hübsch und angenehm. In Dresden war die Zeit durch Menschenverkehr, Kunst und Natur rasch in Beschlag genommen. Sehr interessante Abende brachten wir bei Frau von Goethe zu, einer lebhaften, graziösen Weltdame mit schneeweißen Locken, die trotz ihrer leidenden Gesundheit beinahe täglich Leute bei sich sieht. Kühne, Gutzkow und Auerbach haben hübsche und zugleich liebenswürdige Frauen, und so wären dort ganz artige Elemente zu einer gemeinsamen Geselligkeit vorhanden, wenn nicht leider dort einer mit dem andern sich so wenig vertrüge, daß alles an Vereinzelung scheitert. Eine in manchen Kreisen dort noch immer herrschende, bis an die Karikatur streifende Bewunderung für Tieck und Tiedge, fällt einem seltsam auf wenn man von Berlin kommt; es giebt Dresdener welche sich die Freiheit nehmen über ihre nächsten Mitlebenden die schlimmsten Dinge zu sagen, aber außer sich gerathen wie sie bemerken daß man an einem dieser beiden auch nur das geringste zu tadeln findet. Auffallend ist es, wie wenig man sich in Dresden für das interessirt, was uns in Berlin beschäftigt; der Onkel sagt ganz richtig: die beiden Städte kehren sich den Rücken zu. Die Sachsen scheinen weit mehr nach Österreich als nach Preußen hingewandt zu sein. – Sternberg, den wir beinahe täglich sahen, sehnt sich, trotz der Anregung welche die Kunst dort gewährt, lebhaft nach Berlin zurück, und beneidete uns daß wir bald wieder die Gendarmenthürme erblicken würden. – Auf der Galerie brachten wir herrliche Stunden zu; die Bilder nehmen sich in ihrer neuen Wohnung im Zwinger vortrefflich aus; nur ließe sich darüber rechten daß man die sixtinische Madonna und die Madonna von Holbein jede in ein besonderes Gemach etwas wie Altarbilder aufgestellt hat. Soll diese Auszeichnung nur der Kunst, der Schönheit gelten, so bleibt die Auswahl immer willkürlich, da man dann für die Venus von Tizian oder für die Magdalene des Correggio ein gleiches Recht fordern könnte. Ich fürchte daß bei dieser Anordnung eine trübe Frömmigkeit mitgewirkt hat, die hier, und eigentlich nirgends am Platze ist. – Auch die Sammlung der Gipsabgüsse ist unter Hettner’s feinsinniger Leitung kürzlich im Zwinger aufgestellt worden. Man sieht den geschmackvoll einfachen, harmonischen Räumen an, daß sie nur um der Kunstwerke willen da sind, die sich in ihnen wohlfühlen, während dagegen die Statuen in unserem berliner neuen Museum aussehen, als wenn man sie dort wider ihren Willen eingesperrt hätte, um dem ohnehin schon zu bunten und überladenen Gebäude als nebensächliche Ausschmückung zu dienen. Hettner führte uns selbst umher, und verweilte mit Rührung bei einem Relief, welches Orpheus und Euridice darstellt, wobei er innig seiner verstorbenen Frau gedachte, die er so sehr geliebt hat.

Nach dem freundlichen Dresden besuchten wir das ernste, majestätische Prag, diese stolze Königin unter den Städten, die mir ihrer malerischen Lage, mit dem halb verfallenen Glanz ihres Katholizismus, mit ihren Kirchen, Klöstern und Brückenheiligen, mit ihren großen leeren Pallästen und ihren Bettlern, mit dem pikanten Gemisch der verschiedenen Nationalitäten, mit ihren geschichtlichen und sagenhaften Erinnerungen einen eigenthümlichen Reiz ausübt. Hier wird man beständig an Wallenstein erinnert, an Huß, an Ziska, an Libussa, hier fühlt man sich auf dem Boden, auf welchem die Dichtungen von Moritz Hartmann und Alfred Meißner entstanden. Auch meine Heilige sah ich in Prag, die heilige Ludmilla, deren Bildsäule in einer Kapelle der St. Veitskirche errichtet ist. – Von Teglitz aus machten wir viele Ausflüge in die schöne, fruchtbare Umgegend, und erfrischten uns in dem schattigen Schloßgarten, der bei der größten Hitze Kühlung bot. Ich hoffe die Reise hat dem Onkel recht gut gethan; er ist wohler und munterer als zuvor.

Berlin ist diesen Augenblick heiß und still und leer. In einigen Tagen verheirathet sich hier Fräulein Cosima Liszt mit dem Pianisten Hans von Bülow; sie wollen gleich nach der Hochzeit abreisen, und denken einige Zeit in Zürich zuzubringen. Sollte sie Ihnen dort irgendwo begegnen, so empfehle ich sie Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit; sie ist liebenswürdig, frisch, lebhaft und natürlich, und ich glaube daß sie Ihnen gefallen wird.

Auf Ihre Novellen bin ich recht ungeduldig; und nun soll ich gar die Schuld haben daß sie einen Tag später kommen! Etwas Ungerechtes muß doch in jedem Ihrer Briefe sein, auch in dem schönsten und besten! Das Lob der „drei gerechten Kammmacher“ haben Sie nur darum so heftig darin ausgesprochen, weil Sie wissen daß ich diese Herren am wenigsten liebe. Aber es hilft Ihnen nichts, ich werde Ihnen doch nie glauben daß Sie diese wunderliche Geschichte allen Ihren andern vorziehen!

Die Grüße der zweihundert Rosen haben mich sehr erfreut. Ich will hoffen daß wir Zürich nicht zum letztenmale gesehen haben; es steht unverändert schön in meinem Andenken! Darf man denn auch noch hoffen daß der Winter Sie nach Berlin führt?

Leben Sie wohl, und schreiben Sie mir recht bald wieder! Der Onkel grüßt Sie mit mir herzlich und freundschaftlich!

Ludmilla.

  
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