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Keller an L. Duncker - 13.01.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Lina Duncker - 13.01.1856


Liebe Frau Dunker

Da ich das Buch für Herrn Dunker noch nicht fertig habe, so will ich einstweilen noch an Sie schreiben und zu Handen Ihres werthen Hauses Ihnen anzeigen, daß ich mich schon seit 4 Wochen zu Hause befinde und meine lieb. Mutter und Schwester wohl und munter angetroffen habe. Erstere ist sehr dauerhaft und hat sich in den sieben Jahren fast gar nicht verändert, sie macht alles selbst und läßt niemand drein reden; auch klettert sie auf alle Komoden und Schränke hinauf, um Schachteln herunterzuholen und Ofenklappen zuzumachen. Ich mußte mir eine Serviette zum Essen förmlich erkämpfen, und da gab Sie mir endlich ein ungeheures Eßtuch aus den 90ger Jahren, von dem sie behauptete, daß es wenigstens 14 Tage ausreichen müsse! ich kann es wie einen Pudermantel um mich herumschlagen beim Essen. Meine Schwester ist eine vortreffliche Person und viel besser als ich; als ich eines Tages wieder melancholisch war und die Mutter in der Zerstreuung etwas anfuhr, ohne es zu wissen, rückte mir Regula auf das Zimmer und hielt mir eine so scharfe Predigt, daß ich ganz kleinlaut und verblüfft wurde. Beide hatten große Freude, als ich kam, aber ich habe ihnen auch nicht im mindesten imponirt! In Dresden bin ich acht Tage gewesen und es ist mir allda gut ergangen. Ich sah dort alle schrecklichen Leute, Auerbach war sehr zuthulich gegen mich u ich sah ihn alle Tage; Gutzkow aber verhielt sich gemessen und diplomatisch, weil er mit Auerbach gespannt ist, und ich zufällig zuerst zu diesem gegangen war; Gutzkows Frau, neben welche ich bei einem Essen zu sitzen kam, ist eine ganz nette und kecke Frankforterin, die den Teufel nicht fürchtet; Auerbachs die seinige hingegen sehr hübsch, aber mehr gemacht. Ich habe auch den Dawison gesehen als Othello, den er prächtig, sonor und eigenthümlich spielte. Als Mephisto stach er nicht sonderlich hervor, doch machte er etwas sehr hübsches. Während nämlich in der Hexenküche die Hexe ihren Hokuspokus macht und Faust in dem Kreise steht, warf sich Dawison als Meph. in einen Stuhl und pfiff eine kleine Meerkatze herbei, die er auf den Schoß nahm, auf dem Knie reiten ließ und gar anmuthig teuflisch mit ihr spielte, was sehr behaglich aussah. Devrient sah ich im Glas Wasser; auch dieser hat eine ganz andre Persönlichkeit und ein anderes Organ, als die Berliner Knäbchen, Liedtke natürlich nicht ausgenommen. Hier in Zürich geht es mir bis dato gut, ich habe die beste Gesellschaft und sehe vielerlei Leute, wie sie in Berlin nicht so hübsch beisammen sind. Auch eine rheinische Familie Wesendonk ist hier, ursprünglich aus Düsseldorf, die aber eine Zeit lang in Newyork waren. Sie ist eine sehr hübsche Frau Namens Mathilde Luckemeier, und machen diese Leute ein elegantes Haus, bauen auch eine prächtige Villa in der Nähe der Stadt, diese haben mich freundlich aufgenommen. Dann gibt es bei einem eleganten Regierungsrath feine Soupers, wo Richard Wagner, Semper, der das Dresdner Theater u Museum baute, der Tübinger Vischer, und einige Züricher zusammenkommen und wo man Morgens 2 Uhr nach genugsamem Schwelgen eine Tasse heißen Thee und eine Havannacigarre bekommt. Wagner selbst verabreicht zuweilen einen soliden Mittagstisch, wo tapfer pokulirt wird, so daß ich, der ich glaubte aus dem Berliner Materialismus heraus zu sein, vom Regen in die Traufe gekommen bin. An diversen zürcherischen Zweckessen bin ich auch schon gewesen man kocht sehr gut hier und an Raffinirtheiten ist durchaus kein Mangel, so daß es hohe Zeit war, daß ich heim kehrte, um meinen Landsleuten Moral und Mäßigung zu predigen, zu welchem Zweck ich aber erst alles aufmerksam durchkosten muß, um den Gegenstand recht kennen zu lernen, den ich befehden will. Heinrich Simon erinnerte mich in seiner Art und Weise ungeheuer an den Stahr-Lewaldischen Ton, ich glaubte mitten in Berlin zu sein.

Wir wohnen parterre in einem Garten, am Fuß eines Berges, der von Gärten und Gehölzen bedeckt ist, so daß der Frühling wieder einmal sehr schön für mich werden wird, es ist aber auch Zeit dazu. Nur soll es eine Menge Spinnen geben, die im Sommer aus dem Garten in die Stuben kommen. Berlin habe ich schon gänzlich vergessen, eigentlich in Dresden schon, was sich erwarten ließ. Dennoch sind nicht üble Leute dort, wenigstens zeitweise, und ich danke Ihnen auch besonders für alle mir erwiesene Freundlichkeit.

Fast hätte ich vergessen meine große Freude darüber auszudrücken, daß jener Vehse gefangen sitzt; hoffentlich wird er recht lang innebehalten und nachher aufgehenkt.

Darf ich Sie bitten, inliegendes Briefchen etwan auf die Stadtpost werfen zu lassen? Herrn Dunker werde ich bald schreiben und bitte mich bis dahin empfohlen sein zu lassen.

Ihr ergebenster
Gottfried Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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