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Melos an Keller - 14.07.1882

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 14.07.1882


Düsseldorf IV.
Herderstraße 31.
den 14. Juli 1882.

Wenn Sie so freundschaftlich sein wollten mich nicht mehr mit „Verehrte“ anzureden, so könnte ich auch gleich getrost mit: Lieber, theurer Freund, anfangen.

Also die „verehrte Frl. Marie“ (nebenbei gesagt bin ich „Maria“ getauft worden) befindet sich dies Jahr auf keiner Sommerfrische. Sie wandelt nicht in den heimathlichen, sehnsuchterweckenden Tannen- und Buchenwäldern umher, besteigt keine Wartburg, schreitet über kein holpriges Pflaster der vielberühmten Stadt Eisenach, läßt sich von keinem „postalischen Esel“ wüthende Blicke zuwerfen, sondern begnügt sich auf die weidenden Schafheerden unserer „Haide“ zu schauen u. dem Herrn Blasius zu lauschen, der in diesem Jahre nicht müde wird die Aeolsharfe zu spielen. Schon geht es seit Wochen wieder bergab – bald sind die Hundstage da – aber es will keine Wärme, kein anhaltender Sonnenschein kommen. Ist es einen Tag Sommerwarm gewesen, so ziehen schwere Gewitter heran, die zünden, u. mit Hagel u. Regengüssen hernieder rauschen. Da braucht man wirklich nicht zu verreisen, um sich noch besonders zu erfrischen, denn man hat genug der Abkühlung. Um die Temperatur zu erwärmen hatte unser Percy nichts Eiligeres zu thun, als sich mit der lieben Jutta zu verloben, die er seit dem Jahre 1880, wo er aus Californien heimkehrte u. seine Mama in Crefeld besuchte, die damals bei der Familie Buchner weilte, fest in’s Herz geschlossen hatte. Jutta hatte wunderbarer Weise dasselbe mit Percy gethan, u. so geschah es denn, daß am 28. Juni 1882 plötzlich von dem was das Herz erfüllte, der Mund überfloß u. eine glückselige Verlobung gefeiert wurde. Es kommt mir wunderbar genug vor, daß ich diesen Liebesfrühling noch erlebe, während ich doch schon den schönsten und unvergleichli<ch>sten von Ferdinand u. Ida mit durchleben durfte. Ja, wie die Zeit dahin jagt, u. wie sie schon längst die braunen Haare weiß gefärbt hat!

Sie sehen der erste Schritt ist nun gethan, um zu unserer Pathenwürde zu gelangen, auf die wir seit Jahren so geduldig gewartet haben. Vor der Hand müssen wir immer noch warten, aber das thut nichts, Sie gewinnen somit Zeit sich den Frack zu bestellen u. das Tauflied zu überlegen, während ich mich im Voraus freuen kann Sie nun endlich bei dieser Gelegenheit wiederzusehen. Es scheint wenigstens nicht, daß Sie uns die Freude Ihres Besuchs früher gönnen wollen. Dennoch wäre es gar hübsch, wenn Sie die Eltern des zukünftigen Pathchens kennen lernten. Ich wollte sie Ihnen wenigstens zum 19. Juli im Bilde schicken, aber dasselbe ist noch nicht so weit gediehen, um versandt werden zu können. Indessen verspreche ich Ihnen feierlich sobald wie möglich ein Exemplar zu senden.

Die besten, treusten Wünsche sende ich meinem lieben Altersgenossen voraus. Ich brauche dieselben gar nicht erst in Worte zu kleiden, denn ich denke Sie kennen die alte Freundin sattsam genug, um zu wissen, daß sie Ihnen nur das Höchste, Schönste wünscht, nach dem zu streben u. dafür zu leben es wohl der Mühe lohnt. Auch hege ich noch den ganz speciellen Wunsch, daß Sie den 19. Juli dies Jahr nicht vergessen u. nicht blos am Schluß des Tages daran denken, um dann noch einen Extra-Schoppen auf unser beiderseitiges Wohl zu leeren. Machen Sie lieber einen extra schönen Spaziergang zur Feier des Tages u. lassen Sie sich von Ihrer lieben Schwester Ihr Lieblingsgericht bereiten. Ich mache auch immer so eine kleine Extrabestellung zum 19. die gewöhnlich in Milchgries besteht. Sie sind freundlichst darauf eingeladen.

Weshalb wollen Sie mir denn einen „Buß-Brief“ schreiben? Wissen Sie wohl, daß mich das Wort tief getroffen hat, u. es an mir wäre Ihnen einen Bußbrief zu senden? Seitdem ich nämlich meine letzten Zeilen für Sie abgehen ließ, hat mir’s ordentlich schwer auf der Seele gelastet, daß ich Ihnen gar nicht warm genug für Ihr herrliches Sinngedicht gedankt habe. Ich kann aber brieflich immer nur schlecht danken, denn ich kann das Empfundne nie recht in Worte bringen u. leide überhaupt an mangelhafter Ausdrucksweise. Ich wünschte Ihnen mündlich sagen zu können, wie so Vieles mich in dem Buch entzückt hat, obwohl ich Ihnen auch nicht verhehlen würde, daß ich nicht mit Allem einverstanden bin. Namentlich können Schwester Ida u. ich uns nicht mit Reginen’s Tod aussöhnen. Es würde aber zu weit führen, wollte ich Ihnen das Alles schriftlich auseinander setzen. Am meisten hat uns die Novelle Salvador Correa’s in Bewunderung Ihres Erzählertalents versetzt. Mit welcher Freude u. Genugthuung habe ich vor Kurzem der lieben Schwester den längern Artikel über Gottfried Keller im Juniheft der Rundschau, von Otto Brahm, vorgelesen. Wir hätten Alles unterschreiben mögen, bis auf das was er über Reginens Tod sagt. Der Artikel war auch Veranlassung, daß ich Idan – in stillen Stunden – wieder manche Erzählung der Leute v. Seldwyla vorlas. Mit welcher Freude ich vom „unsterblichen Seldwyler“ vorlese, bedarf wohl kaum der Versicherung. Ich wünschte nur die „stillen Stunden“ wären häufiger. Indessen haben wir deren jetzt nicht viele, wo so oft lieber Besuch bei uns einkehrt. Kroekers waren auch zu Pfingsten einige Tage hier, und kommen, so Gott will, nächsten Sonntag Abend wieder, nachdem sie einige Wochen in Ostpreußen (Eduard’s Heimath) verlebt haben. Indessen wird ihr Aufenthalt nur sehr kurz sein. Später kommt Louischen mit ihren beiden ältesten Knaben, die seit einem Jahre die Schule in Elbing besuchen u. eine deutsche Erziehung erhalten sollen.

Und nun Gott befohlen, lieber, theurer Freund! Schwester Ida schreibt Ihnen selbst, um Ihnen zu sagen, welche Freude gestern Ihr Brief erregte.

Treten Sie das neue Jahr Ihres Lebens gesund u. heiter an, und lassen Sie es für uns Alle, ein genuß- und segensreiches sein!

Immer in alter treuer Freundschaft
Ihre
Maria Melos.

  
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