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Keller an Assing - 14.03.1865

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 14.03.1865


Zürich den 14 März 1865.

Verehrteste Fräulein Assing!
 
Das köstliche Geschenk, welches Sie mir abermals mit dem neusten Briefbuche aus Varnhagens Nachlaß zu machen die Güte hatten, treibt mich, Ihnen meine alten Briefschulden endlich abzuzahlen. Mein Dank ist um so aufrichtiger, als hier stofflich wieder einmal recht was für unsere Küche geliefert ist, menschlich Intressantes u Pikantes und manch seltenes Forellchen darunter.

Die Briefe der Bettina mit den Aufzeichnungen Varnhagens sind geradezu ein Neues und Selbstständiges in der Literatur. Ich mußte lachen, als ich jene Züge las, von denen Sie mir erzählten; Ihnen hab’ ich sie nicht recht geglaubt oder vielmehr für Aeußerungen der Opposition einer geistreichen Frau gegen die andere gehalten. Nun da ich sie so trocken u sachgemäß von einem Mann u Sachkenner auf<g>eschrieben finde, ist mir die Sache auf einmal klar u ganz natürlich. Dennoch kann ich mir diesen bedenklichen Grad eines renommistischen Schwindelwesens bei so viel positivem Ideengehalt nur dadurch erklären, daß dieser sich in keiner fertigen Form produziren konnte. Mit der Person hätte ich kuriose Sträuße bekommen, wenn ich in Berlin einer ihrer Bekannten geworden wäre. Sie werden übrigens zu schnupfen bekommen. Hermann Grimm, der Mann der Gisela, hat so eben einen Band neue Essai’s herausgegeben, worunter ein Aufsatz über die 2 ersten Bände der Varnhagenschen Tagebücher, nicht grob, aber bedenklich u schließlich die Moral der Veröffentlichung derselben anzweifelnd. Von dieser Seite werden Sie also sich auf Widerstand gefaßt zu machen haben.

Heine ist in den vorhandenen Briefen auch viel werthvoller u liebenswürdiger, als in denjenigen, welche die letzten Bände der Gesammtausgabe bilden von Hoffmann u Campe, u worin seine Geld- u Ehrenhändel so zu sagen seine Noth- u Skandaltechnik sich entwickeln. Schriebe ich nicht an Sie, so würde ich hier doch ausrufen, wenn nur der Teufel alle Nachlaßherausgeber holte!

Ihr freundlicher Brief vom 28 October vorigen Jahres liegt vor mir; seither hat Ihnen der gute Arno aber kein sanftes Lied vorgesungen; hoffentlich hat er Sie mit seinen Fluten nicht erreicht, wenigstens habe ich nicht gehört, daß Sie von der Ueberschwemmung berührt worden seien. Ist es doch der Fall gewesen, so sind Sie jetzt wieder trocken u käme mein Mitleid zu spät. So sehr ich den Unmuth der Italiäner begreife, so glaube ich doch, daß nicht alles nach der Schnur gehen kann, wie die Ungeduldigen sich denken. Die Regierung ist eben noch in den Klauen Frankreichs; die auswärtigen Freunde Italiens u zwar gewiß seine zuverlässigsten, fürchten aber einstweilen noch seinen Zusammenstoß mit Oestreich ohne Frankreich u wünschen doch dessen Mithülfe nicht. Man fürchtet, daß das Garibaldische Wesen nicht so leichtes Spiel hätte, wie mit dem verlorenen Neapel. Man fürchtet auch, daß der edle Garibaldi in seiner Kindlichkeit zu sehr den Einflüssen Solcher zugänglich sei, die eigentlich noch nirgends etwas anderes als mißlungenen Spektakel zu Stande gebracht haben u nun an ihm einen Stab für ihre eigene Haltlosigkeit suchen. Doch stehe ich diesen Dingen zu fern, um sie zu verstehen.

Ich finde mich sachte wieder in Muße u literarische Thätigkeit u bereite mich gemächlich aber ernstlich auf eine Zeit rüstigen Schaffens vor, da ich die letzte Abtheilung meiner besseren Jahre vor mir habe. Ich mache endlich die vorhandenen Sachen fertig, überdenke die verschiedenen Gattungen u Gegenstände, welche ich mit mehr Kritik als früher, noch vornehmen kann und bin, was die Hauptsache ist, nun Herr meiner Zeiteintheilung. Beten Sie für mich zu den Göttern von Florenz, daß mir irgend ein mäßiges Werklein noch wohl gelinge. Ein altes Projekt von mir ist auch ein Trauerspiel Savoranola. Eine Hauptdekoration wäre der Platz der loggia dei lanzi, auch die Kirche des Klosters, wenn sie noch steht, was ich nicht weiß, kurz vielleicht komme ich einmal hin, um mir die Sache an zu sehen. Der Prophet müßte natürlich verliebt sein, ohne es recht zu wissen, eine umgekehrte Johanna von Orlean. Nun finde ich nirgends Ihre Adresse, in Ihrem Briefe steht sie nicht. Ich muß also den Brief auf gut Glück abgehen lassen. Wenn Sie ihn nicht bekommen, so haben Sie doch die Güte, auf der Post darnach zu fragen.

Ihr Gottfried Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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