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Keller an Hettner - 15.10.1853

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 15.10.1853


Berlin d. 15t. Okt. 1853.

Lieber Freund!

Ihre freundlich besorgte Nachfrage, welche mich wohlthuend berührte, obschon ich als Unkraut in keinerlei Gefahr schwebe, veranlaßt mich, Ihnen endlich den schuldigen Brief zu entrichten.

Vor allem wünsche ich, daß sich die Gesundheitszustände in Ihrer lieb. Familie gebessert haben! Sie sind ja dies Jahr ein ordentlicher Märtyrer geworden! Daß es Ihnen am Meere gut erging und gut gefiel, freut mich; ich bin nur neugierig, ob ich auch noch den Tag erlebe, wo ich wieder in eine vernünftige Gegend komme und entweder Meer oder Gebirg sehe. Die Märkische Landschaft hat zwar etwas recht Elegisches, aber im ganzen ist sie doch schwächend für den Geist, und dann kann man nicht einmal hinkommen, da man jedesmal einen schrecklichen Anlauf nehmen muß, um in den Sand hinein zu waten. Ich bin fest überzeugt, daß es an der Landschaft liegt, daß die Leute hier unproduktiv werden. Ich sagte es schon hundertmal zu hiesigen Poeten, die sich domizilirt haben, und sie stimmen alle ein und schimpfen wo möglich noch mehr als ich; aber keiner weicht vom Fleck, lieber sterben sie elendiglich auf dem Platze, ehe sie von dem verfluchten Klatschnest weggehen. Wie sehr werde ich mich sputen, wenn ich einmal kann, denn ich fühle wohl, daß ich hier auch eintrocknen würde. Ein Hauptgrund zu der Impotenz ist auch die verfluchte Hohlheit und Charakterlosigkeit der hiesigen Menschen, die gar keinen ordentlichen fruchtbaren Gefühlswechsel und Ausdruck möglich macht. So kommen die Leute aus dem Rechten heraus, ohne zu wissen, wie es eigentlich zugegangen. Doch muß ich gestehen, daß für die eigentliche Gelehrtenwelt die Sache sich anders verhält und hier eine gute Luft zu sein scheint oder wenigstens einmal war.

Ein vorübergehender Aufenthalt hier hingegen ist jedenfalls auch für künstlerische und andere Seiltänzernaturen gut.

Den Roman der Lewald habe ich noch nicht gelesen und werde es schwerlich bald thun. Wie es scheint, will sie sich mit Gewalt zur Alleinherrscherin beider Geschlechter dies- u jenseits des Rheines erheben und wo möglich die einzige Romanschreiberin ihrer Zeit sein. Den Robinson will ich sobald möglich lesen. Können Sie mir eine gute Uebersetzung bezeichnen?

Ich habe nun mit großer Freude ihre Reiseskizzen gelesen und kann Sie versichern, daß ich lang kein so zweckmäßig geschriebenes und gelungenes Buch dieser Gattung gelesen habe. Bei Ihrer Construirung der alten Denkmäler mußte ich mich freilich als Lernender verhalten ganz und gar, aber auf wie angenehme, plastische und genußvolle Weise lernte ich! Bei den landschaftlichen Schilderungen haben Sie kein Wort zu viel und keines zu wenig gesagt, so daß gerade die rechte Vorstellung, Anregung und Sehnsucht nach dem Lande entsteht, und dieß Maß ist, wie ich glaube, etwas sehr Glückliches und Seltenes, was nicht Alle oder vielmehr nur wenige treffen. Es war bisher noch am Meisten bei den geistreichen eleganten Schriftstellern früherer Perioden zu finden, und dürfte ungefähr dem Sinne der Alten selbst angemessen sein. Ich habe zufällig zugleich den Sophokles gelesen und beide Lektüren haben sich auf’s Schönste verschmolzen. Ich kann nicht begreifen, wie die Ansicht hat aufkommen können, welche erst Humboldt widerlegt hat, daß die Alten keinen Sinn für das Landschaftliche gehabt hätten! Sie brauchten ja nur ihre Götter zu nennen, so sah man Meer, Himmel und Gebirge vor sich und wenn der Dichter den Helios über dies oder jenes Vorgebirge hervorkommen ließ, so war die Vorstellung aller Griechen, die die Lokalität kannten, gewiß keine bittere! Was braucht es da noch einen Feuerwerker wie Jean Paul oder einen Düftler wie Adalbert Stifter!

Ihre Schilderung des Menschlichen im jetzigen Griechenland ist ebenfalls trefflich; daß Sie wegen der Russischen Geschichten mißverstanden wurden, lag an der Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit unserer lesenden und schwatzenden Gesellschaft, welche blos ein vermeintliches Kenn[t]zeichen aufzuschnappen braucht, um in ihrer Faulheit dann die Sache einzuschachteln. So hat man Sie gleich zu Bruno Bauer gestellt, welcher auf absolute u positive Weise jetzt das Russenthum verkündet. Der Esel!

Ich schicke Morgen die letzten Korrekturen des 3t. Bandes des gr. Heinr. fort. Die 3 Bände werden nun sofort versandt. Es ist mir wünschbarer, daß der 4t. allein kommt, da er eigentlich das Buch der ursprünglichen Intention ist. Ich muß mich nun allerdings an Sie halten behufs der Besprechung, da ich hier niemand kenne, der gefällig genug wäre, etwas für mich zu thun. Wenn Sie daher eine Anzeige machen wollten, so würden Sie sehr viel dazu beitragen, daß ich bald aus der Patsche käme, indem meine Landsleute darauf lauern. Die Augsb. Zeitung ist dort der Barometer der Berühmtheit. Ich glaube gelesen zu haben, daß Sie über Tiek dort etwas geschrieben und nahm desnahen an, Sie hätten sich mit den Pascha’s in Augsburg ausgesöhnt. Wenn dem so ist, so würden Sie mir fast einen sicheren Erfolg im Geldpunkte verursachen, wenn Sie ewas hinpraktiziren könnten. Versteht sich von selbst, ganz sachgemäß und kritisch; denn dies hilft selbst in jenem Punkte mehr, als gewaltsames Lob, abgesehen von Anstand und Ehrlichkeit, an die wir uns halten wollen. Ich kann jetzt endlich sagen, daß ich in ein kontinuirliches und ergiebiges Arbeiten hineingekommen bin und denke mich binnen einem Vierteljahre herauszufressen. Das Romanzerogedicht werde ich auf Weihnachten nun doch allein herausgeben, da es in dem Gedichtbändchen nicht mehr Platz hatte „weil die vorräthigen gepreßten u vergoldeten Pappdeckel zu eng seien.“ Das kommt von unserer Buchbinderpoesie. Man wird nächstens leere Einbände kaufen mit schönen Titeln. Vieweg hat vor zwei Jahren die starke Zahl von 1500 gedruckt mit der Bedingung, daß er nach einiger Zeit den Rest, der nicht verkauft sei, als zweite Auflage mit Vermehrung, die ich unentgeldlich liefern muß, versende. Die Auflagen der Geibel etc. sind nur 500 stark; Vieweg hat mir also 3 Auflagen mit einer abgezwackt. Doch muß er mir nun den Romanzero erklecklich bezahlen.

Etwas possierliches ist mir mit meinem Jeremias Gotthelf passiert, den ich, wie Sie wissen, mir zum Dramatisiren aufgespart. Die Berliner sind jetzt plötzlich darüber hergefallen, Einer hat eine Oper gemacht und Ring will ein Lustspiel machen, das nach der Verhunzung, die er mir mittheilte, ganz wässerig wird. Ich war ganz verblüfft und verwundert über diese Trüffelhunde, die fortwährend das gute Material aufwühlen und es dann verhunzen. Ich theilte ihm absichtlich mein Vorhaben mit und werde nichts destoweniger meine Gedanken ausführen. Denn es reizt mich nun, geradezu darauf loszugehen und alle das Volk abzutakeln. Ich werde auch expreß eine Agnes Bernauerin machen, und damit Hebbel und Melchior Meyr zusammen attakiren.

Ein Bändchen Novellen ist ganz spielend entstanden und Vieweg wird es wahrscheinlich mit dem 4t. Band des Romans zusammen herausschicken. Nur fürchte ich, daß nun zuviel nacheinander kommt und ich den Anschein eines anmaßlichen Schmierers gewinne, da die Leute nicht wissen, wie langsam und jämmerlich es bei mir herging.

Ich werde Ihnen nächstens wegen des Romanes noch einmal schreiben u schließe daher für heute. Mit tausend Grüßen Ihr G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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