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Keller an Assing - 15.03.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Ludmilla Assing - 15.03.1860


Zürich, 15 t. 3 1860.

Verehrteste Fräulein Assing!

Es ist sehr hübsch von Ihnen, daß Sie mitten in dem Schlachtstaube, den Sie erregt haben, an mich armes unbedeutendes Schweizerlein denken und mich abermals mit einer Ihrer gewichtigen Aussendungen beschenken. Ihre Güte ist diesmal eine wirkliche Wohlthat für mich, weil das Buch in allen Buchläden vorweggenommen und vorausbestellt wird und unsereins, der überall zu spät kommt, noch lange hätte warten müssen. Ich war letzten Sonnabend in einer Gesellschaft, wo ein Sortimentsbuchhändler für eine Anzahl Herren ein Exemplar extra zurückbehalten wollte, als Gemeineigenthum, und sich von jedem einen Frank bezahlen ließ. Alle zogen wie besessen ihre Geldbeutel hervor, nur ich in meinem Phlegma und weil mir diese Spekulation nicht gefiel, hielt zurück und nun bin ich trotzdem der Erste, der das Buch gelesen hat. So giebt es Gott den Seinen im Schlaf, ach wäre es nur mit allen Dingen so. Das Buch habe ich hinter einander weggelesen und mich natürlich an der rücksichtslosen und freien Weise der beiden Alten vom Berge königlich gefreut; abgesehen vom Politischen, ist es sehr ergötzlich, wie da noch manch andere weltliche oder literar. Größe, die Wunder glaubt wie fest zu stehen, den sarkastischen Greisen als Spielball dient, immer mit sittlicher Berechtigung. Da ich bisher nur die öffentlichen Erlasse etc. und die ehrbar gehaltenen Werke Humboldts gelesen hatte, so war ich eben so überrascht als ergötzt von dem frischen kecken Muthwillen und dem liebenswürdigen u geistreichen Witze der Humboldtischen Briefe; aber eben so erkannte ich Varnhagen wieder, als er an einer Stelle, wo der grimmige Humboldt den armen Prinz Albert maltraitirt, den Alten maßvoll zurechtzuweisen scheint. Denn wirklich sollte gerade ein Freisinniger sich aus dem ungeschickten und patschigen Benehmen eines großen Prinzen eben so wenig machen, als aus demjenigen eines armen Krämerssohnes oder eines Schulmeisterleins, und es scheint mir das Würdigste, dergleichen auch bei den vornehmsten Personen zu ignoriren. Etwas anderes ist’s mit dem Großherzog von Weimar, der wird mit Recht vorgenommen und durchgehechelt, da er eine eben so lächerliche, als süffissante Figur spielt. Um so schlimmer für die, welche fortwährend um das alte Weimar herumbuhlen und unter den Auspizien eines solchen Hans Affen Klassiker spielen wollen.

Aber wie schändlich, daß die meisten Briefe Varnhagens verloren sind. Bei der prägnanten Vorstellung, welche Humboldt gerade von Varnhagen als Stilisten hatte, ist es nicht denkbar, daß diese Briefe schlechthin verlottert worden sind.

Was nun die Herausgabe als That betrifft, so haben Sie natürlich nicht anders handeln dürfen und das war gut für die Welt. Ich hielt übrigens die Sache für gefährlicher als sie ist, von den Ausdrücken der Kreuzzeitung irre geführt. Allein es ist kein Wort zu viel in dem Buche; es verkündet der Welt, ohne alle wirkliche „Impietät“, daß sie sich auf Erscheinungen, wie Humboldt, immer noch verlassen kann, und daß der Betrug und die Schmach noch immer nur beim geistigen Gesindel zu Hause sind. Als ich noch meinte, es ständen auch gar zu krasse Dinge in dem Buche, dachte ich, es hätte Humboldt eigentlich Niemand gezwungen, an diesem Hofe zu leben, und die ganze civilisirte Welt hätte ihn mit offenen Armen empfangen. Allein es verhält sich Alles gerade so recht; wobei freilich nicht zu läugnen ist, daß Sie, mein schönstes Fräulein, die Sache mit einem einzigen Zuge in ein erschreckendes Licht gestellt haben, indem sie die stärkste Stelle heraushoben und als Stempel an die Stirne des Buches setzten. Dadurch ist es unmöglich geworden, die Meinung der Briefe zu übersehen und zu ignoriren und es ist allerdings begreiflich daß ein solches Testament nicht wie Zuckerbrod mundet. Von einem Mann wie Humboldt, dem Ehrenbürger beider Hemisphären, sich aus dem Grabe zurufen lassen zu müssen, daß man seine Achtung nicht besessen habe, ist bitter. Und wenn auch H. seine Schwächen gehabt hat, so ist die Sache einmal formulirt und versieht den Dienst.

Ich wünsche übrigens nur, dass Sie, besonders wenn Sie noch mehr solche Dinge in petto haben, nicht darum verfolgt werden oder irgend welche Flegeleien erleiden müssen; denn es giebt deren aller Art.

Neulich habe ich Ihre Sophie noch einmal durchgelesen und mich wieder über deren Verheirathungsmethode amüsirt. Ich möchte annehmen, daß, weil sie selbst keinen ihrer Schätze bekommen hat und mit dem oktroiirten Mann doch gut gefahren ist, so wollte sie ihren Töchtern in guter Absicht das gleiche Loos bereiten, besonders da sie sah, daß Wieland mit einer gleichgültigen Frau ebenfalls herrlich zufrieden war. Nun lag aber das Uebel wohl darin, daß sie als Frau zwischen Männern, die „man nicht liebt“ durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte; sie glaubte, es sei nun weiter kein Unterschied, wenn einmal der Eine große Unterschied nicht beachtet wurde, wenn der Mann nur solid sei und ein Haus habe, so sei einer so gut wie der andere. Das war eben das Abscheuliche, wenn auch unbewußt, und sie dachte undankbar nicht, daß ihr Laroche noch ein vollkommener Gentleman war und sogar Wieland gegenüber äußerlich eine glänzende Erscheinung. Wenn sie einen rechten Heuochsen bekommen hätte, so würde sie die Differenz zwischen Ungeliebten u Ungeliebten schon gesehen u erfahren haben. Doch da ich nicht im Sinn habe, ein Heirathsbüreau zu etabliren, so wollen wir diese komische Materie endlich fahren lassen. Das Buch ist indessen eine ansehnliche Bereicherung unsere<r> Literatur- u Culturgeschichte und es fällt mir so eben Jemand ein, der es gewiß in diesem Augenblicke benutzt in dem dritten Bande eines Werkes, in dessen erstem die Unkenntniß des Gegenstandes fühlbar ist.

So hat auch Wolfgang Müller in einer Novelle über Immermann in der Köln. Zeit. Ihre Elise v. Ahlefeldt mehrfach benutzt u wörtlich zitirt. Es freut mich, daß Humboldt so viel Freude an diesem Werke hatte. Da Sie jetzt so formidabel mit der Erbschaft Ihres Onkels bethätigt sind, so fürchte ich, wir werden auf einen ferneren Frauenangriff gegen die Dichter noch einige Zeit harren müssen; bin aber begierig, welchen Sie sich zu ihrem nächsten Opfer auslesen! Der Hauptschacht, das Herz Göthes, für solche Streifzüge, ist Ihrem rächenden Schwerte wegen der Traditionen Ihres Hauses glücklicher Weise verschlossen, sonst würden Sie da eine schöne Verheerung anrichten!

Ich bin wieder einmal ziemlich fleißig und rücke mit starken Schritten dem Abschlusse eines Haupt-Arbeitsabschnittes und Lebensabschnitzels zu und modellire bereits an einer besonneneren Gestaltung des letzte Aufzuges, des Restes herum; denn nicht alle Leute werden so alte Spottvögel, wie Ihre beiden Briefhelden. Es würde mich freuen, wenn Sie mir wieder mal einen Nachrichten und Plauderbrief schenken wollten; ich erhalte jetzt fast keine Nachrichten mehr aus Berlin und bin freilich auch selber schreibfaul.

Ihr dankbar ergebenster u getreuer
Gottfr. Keller.

So eben las ich in Herrn v. Sternbergs Memoires die sonderbare Art, mit welcher er meine Wenigkeit in Ihrem Kafekränzchen aufführt. Ich kann mich nicht erinnern, ein Wort von Ihm sprechen gehört zu haben! Wo hält sich auch jetzt Vehse auf?

d. 22 April.

Beiliegender wurde schon vor vier Wochen im ersten Eifer der Dankbarkeit geschrieben. Ich glaubte ihn mit andern Briefen couvertirt und fortgeschickt zu haben – jetzt entdecke ich den Unseligen zu meinem Schrecken in meiner Schreibunterlage zwischen andern Papieren versteckt und ganz schlau mich anblinzelnd. Er wird aber hervorgezogen und entgeht seinem Schicksal nicht. – Seither habe ich mit Theilnahme die Kämpfe und Anfechtungen mit erlebt, denen Sie ausgesetzt waren. Sie brauchen wohl nicht versichert zu werden, daß man überall die größte Freude über Ihre That empfand.

Ich bin fortwährend herrlich fleißig und habe alle Finger voll Tintenklekse. Dabei fühle ich ein Vergnügen fast wie als ich zwanzig Jahr alt war und das Schreiben heimlich als Pflichtverletzung betrieb.

Verzeihen Sie die unabsichtliche Verzögerung und erfreuen Sie bald gnädigst mit einigen Zeilen

Ihren ergebensten
Gottfr Keller

  
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