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Assing an Keller - 15.08.1856

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 15.08.1856


Berlin, den 15. August 1856.

Wenn Sie mir nicht ausdrücklich verboten hätten, Ihnen eher zu schreiben als Sie mir, mit beinahe eben solcher Entschiedenheit als Professor Vischer den etwaigen ersten Besuch des Onkels ablehnt, so würde ich Ihnen schon längst die Kossack’sche Kritik übersandt haben, die ich gleich nach unsrer Ankunft für Sie hervorsuchte. Es wäre in der That undankbar von mir, wenn ich für die schönen Rosen aus Ihrem Garten Ihnen nicht die Rosen der Kritik einsammeln wollte. Diese hat freilich auch den kleinen Dorn, daß sie den „grünen Heinrich“ nicht nach seinem Werth anerkennt, aber daraus machen Sie sich vermuthlich weniger als ich. Wie freue ich mich auf Ihre „Galathee“, die mir nach dem, was Sie von ihr sagen, gewiß gefallen wird. Aber keine Freude soll vollkommen sein: denn gleich darauf verursachen Sie mir einen rechten Schreck mit Ihrem „Apotheker von Chamouny“! Gegen Heine! Und kein Zug in Ihrem Gesicht verrieth eine solche bösliche Absicht, als wir vom Uetliberg herunter stiegen, und auf Heine die Rede kam. Es tröstet mich nur einigermaßen, daß Sie Ihren Angriff hauptsächlich gegen die Nachahmer richten wollen; für die ist er nicht verantwortlich; was kann er dafür, daß wenn andre seine Kleider anziehen, sie ihnen nicht passen? Seine phantastische und oft bizarre Toilette war nur für ihn allein geeignet. Ich habe immer so unendlich viel Gutes von Ihnen erwartet, daß ich noch jetzt hoffe, Sie können nichts ganz Schlimmes thun, daß ich hoffe, Sie verfahren nicht grausam gegen den genialen Dichter, der wohl verdient, daß man sein Grab mit Lorbeern schmückt. Was mich betrifft, so habe ich mich nie um seine häßlichen Seiten bekümmert, und nur immer wieder gelesen, was ich liebte. Alfred Meißner’s Buch über Heine, an dem sich sonst manches aussetzen ließe, hat mich darum sehr erfreut, weil es der Ausdruck wahrer Liebe und Begeisterung ist.

Wie gern möchte ich die Alpen in ihrer jetzigen Pracht sehen! Zürich ist doch die Krone unserer Reise geblieben, ich sehe es noch immer vor mir, wie es wie Ein schönes Rosenbouquet an seinem zauberischen See liegt, ich sehe die grüne Limmat, und sogar die gelbgraue Sihl mit ihrem amüsant wüthenden Gesicht, die doch so gutmüthig den Leuten ihr Holz trägt, habe ich nicht vergessen. Was Rosen sein können, haben wir erst in Zürich kennen gelernt; die hiesigen kamen mir nach unserer Rückkehr alle so bleich und elend vor, als wenn sie vor Sehnsucht krank wären in Zürich zu wachsen! Daß wir in Luzern gewesen, war eine falsche Zeitungsnachricht, die, ich weiß nicht wieso, entstanden ist; den Onkel verlangte denn doch endlich nach seiner häuslichen Bequemlichkeit. Nachdem wir beinahe einen Tag in Aarau verweilt, wo wir des Onkels alten Freund Doctor Troxler sahen, gingen wir gradeswegs nach Basel und von dort nach Straßburg, das uns besonders lieb, da meine Großmutter eine Straßburgerin war, und meine Mutter und mein Onkel als Kinder mehrere Jahre dort zubrachten. Unter den Leuten, die wir dort sahen, war mir vorzüglich der alte Lamey interessant, der, eine seltene Vereinigung, zugleich Dichter und Millionär ist; bereits über achtzig Jahre, beschämt er an Rüstigkeit und Frische manchen Sechziger. In seiner Jugend hat er die erste französische Revolution besungen, und aus seinen Augen leuchtet noch immer jugendliches Feuer. – Von Straßburg gingen wir nach Speyer, wo wir den Dom betrachteten, den König Ludwig sehr prächtig herstellen läßt; dann ging es den Rhein hinunter bis Köln, wo wir einen Tag blieben, und den Kölner Dom auf’s Neue aufsuchten, der sehr fortschreitet, und darauf fuhren wir in Einem Zuge nach Berlin, wo wir schon den 12. Juli, Abends spät anlangten. Fünf Wochen waren wie ein schöner Traum verflossen. Berlin ist, Sie wissen es, nicht schön im Sommer, doch leben wir noch von der Nachfreude der reichen Reiseeindrücke. Der Onkel, der unterweges in der herrlichen Luft sich immer so wohl fühlte, ist hier bald wieder von einer seiner gewohnten Erkältungen heimgesucht worden, doch geht es ihm nun leidlich. Es ist hier einstweilen noch unendlich still, und da die hiesige Natur auch nicht locken kann, so findet sich manche Zeit zu angenehmer Thätigkeit, und die Tage vergehen uns nur gar zu schnell. Bettina kommt beinahe täglich, und wenn sie auch nicht mehr wie ehemals ist, so hat sie sich doch ziemlich wieder erholt. Neulich war von Altwerden die Rede, da hatte es etwas wahrhaft Mährchenhaftes, wie sie dasaß in ihren schneeweißen Haaren, und munter lachend ausrief: „Das weiß ich gewiß, ich werde jung sterben! Ich sterbe jung, ich weiß es!“ – Ist Bettina, das Kind, nur als alte Frau verkleidet, möchte man da fragen, und wird sie vielleicht plötzlich solche Vermummung abwerfen, und als junger Genius einhertanzen? – Der wunderliche Brief in der „Augsburger Allgemeinen“ war allerdings von Gisela von Arnim. Was sie über die Alfieri’sche „Mirra“ sagt, finde ich in sofern richtig, als auch ich das Stück so edel behandelt finde, daß es keinen verletzenden Eindruck machen kann; was aber ihr Urtheil über die Ristori betrifft, ganz abgesehen von der Bettinen nachahmenden Form, so erkennt man vor allem daran, daß sie die weit größere und genialere Rachel nie erblickt hat, und sich als echte Bettinentochter gar nicht einfallen läßt, daß es noch etwas anderes geben könne, als was sie grade gesehen. Diese Arnims haben alle eine Sucht nach dem Seltsamen, sie wünschen seltsam zu sein, und noch mehr so zu erscheinen. Herman Grimm ist auch etwas angesteckt davon. Als wir ihm von unserem Schweizer Ausflug erzählten, fragte er: „Finden Sie die Schweiz wirklich schön?“ und setzte dann hinzu: „Ich nicht, die Sonne geht hinter den Bergen zwei Stunden früher unter, und im Grunde ist die ganze Schweiz doch nichts anderes, als eine grandiose Kellerwohnung!“ – Die Kellerwohnung könnte nur insofern zugegeben werden, als Sie dort wohnen. – Ebenso hat es Grimm auch in Venedig nicht gefallen; er findet es unter den Linden bei Kranzler am Hübschsten. – Ring, der von seinem häuslichen Glück sehr in Beschlag genommen ist, haben wir erst einmal wiedergesehen; er freute sich sehr von Ihnen zu hören, und grüßt Sie herzlich.

In Straßburg haben wir einige Exemplare einer dort erschienen kleinen Novelle meiner Mutter mitgenommen; ich mache mir das Vergnügen Ihnen eines davon beizulegen; Sie werden es in seinem einfachen Volksgewande freundlich aufnehmen. Mir ist die kleine Geschichte lieb, und vielleicht gefällt sie Ihnen auch.

Der Onkel läßt Ihnen viele Grüße sagen, und bittet Sie unsre Empfehlungen zu bestellen an Professor Moleschott und Frau, so wie an Professor Vischer; es thue ihm leid den letzteren nicht mehr gesehen zu haben, es hätte sich kein Augenblick mehr dazu gefunden. Sehen Sie Stahrs, so bitte ich auch diese zu grüßen, wenn es sich grade so trifft. Ich lese eben den zweiten Band des „Torso“. Wie wohl wird es einem doch immer bei den Griechen, in dieser Welt der Schönheit! – Die „Herrengesellschaften“ sind ja sehr sonderbar, und haben mich und den Onkel lange beschäftigt!

Nun leben Sie wohl, und lassen Sie sich noch recht herzlich gedankt sein für die Güte und Freundschaft mit der Sie uns den Aufenthalt in dem schönen Zürich so angenehm gemacht haben.

 

Ludmilla.

  
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