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Keller an Auerbach - 15.09.1860

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Berthold Auerbach - 15.09.1860


Zürich d. 15 Sept. 60.

Ich danke Ihnen, lieber Brotherr[]<,> für die freundliche Sendung, Brief und Geld. Ich bedaure, Sie so in Kosten versetzt zu haben, ich glaubte, der Verleger habe das Honorar zu zahlen. Dennoch bin ich gestern mit Ihrem guten Gelde ins Wirthshaus gegangen, habe dort den lustigen Wohlhabenden gespielt, so daß ich beim Nachhausegehen beinahe gewackelt habe, ja ich glaube fast, es ist sogar geschehen.

Wegen der Ausrufungszeichen sind Sie, mit Erlaubniß zu sagen, auf dem Holzwege. Ich habe bei der Durchlesung der Geschichte gar nichts von den Gestrichenen bemerkt, weil ich überhaupt mit der Interpunktion auf einem sehr kühlen Fuß stehe. (kühler Fuß, auch eine schöne Redensart, die mir hier entwischt, ich glaube das kommt noch vom gestrigen Abend[]) Von Haus aus bin ich der Ansicht, daß man so schreiben soll, daß wenn alle Interpunktionszeichen verloren gingen, der Stil dennoch klar und ausdrucksvoll bliebe. Weil die Einrichtung aber einmal da ist, so so mache ich meiner Unschlüssigkeit und Gleichgültigkeit, die zeitweise eine große Unregelmäßigkeit bei mir hervorbringt, plötzlich einmal dadurch ein Ende, daß ich mich genau an die Schulerinnerungen halte und z. B. immer ein Ausrufungszeichen setze, wo ich es als kleiner Junge setzen mußte, bei allen Ausrufungen, Befehlen etc. etc. Ich bin auch immer in Verzweiflung wegen der Gänsefüßchen im Dialog, den neuen Absätzen etc etc. weil alles das mich nicht intressirt und man doch eine gewisse Ordnung beobachten muß.

Ich muß Sie nun doch rüffeln wegen einer kleinen Streichung, nämlich wo der Karl das Mädchen aus dem Schiffe zu sich herüber zieht und küßt. Sie hätten die Stelle ganz streichen oder das Küßchen (in Ehren) stehen lassen sollen, da der Zorn des Mädchens, das sich wegen der gefährlichen Situation nicht losreißen kann, gerade vom Geküßtwerden herrührt. Auch sieht es jetzt fast bedenklicher aus, da man ja dem Burschen noch schlimmeres zumuthen kann. Durch das offene Wort Küssen wird dem schlauen Annähern und Ueberlisten eben der lüsterne und verdächtige Charakter genommen.

Hier will ich auch gleich die Frechheit begehen und behaupten, daß ja die Bibel voll der derbsten Erotik steckt und doch allen Kindern offen steht, ja von den Quäkern und Muckern millionenweise verbreitet wird. Sie mißverstehen mich gewiß nicht, wenn ich das Bedenken aufwerfe, daß der Kalender leicht einen zu trockenen und absichtlich didaktischen Anstrich gewinnen könnte. Es scheint mir schon ein kleiner Anfang dazu gemacht zu sein und ich habe selbst am meisten hierin gesündigt. Wenn Sie wirklich übers Jahr wieder etwas von mir aufnehmen wollen, so muß ich bald daran denken etwas Geeignetes und Rundes mit mehr Muße auszuhecken, als es diesmal geschehen ist[]

Ihr feiner alter Müller mit der weißen Rose im Munde hat mich ganz traurig gemacht. Er erinnerte mich plötzlich an eine freundliche alte Frau, die ich einst als Kind sah, wie sie eines Sonntags mit einer Kornähre in der Hand, die sie sich zur Freude gepflückt hatte, in eine Dorfschenke kam, ein halbes Schöppchen trank und sehr fröhlich mit den Leuten redete. Dabei spielte sie fortwährend mit der Aehre. Darüber fiel mir mein eigenes Alter ein, das sich nun auf 41 Jahre beläuft nebst allem Entschwundenen u Verlorenen u. s. f kurz ich machte den Esel. Sie sehen aber daraus, daß ich ein schlechter Besprecher fremder Produkte bin, da ich ganz unkritischen persönlichen Eindrücken verfalle gleich einem Roman lesenden Dienstmädchen.

Der psychologische Prozeß während des Sturzes des Blitzschlossers scheint mir fast ein wenig zu gewagt, d. h. um ein Haar zu ausführlich und gut motivirt oder erklärt und dadurch wird das Problem gerade etwas zu auffallend.

Es freut mich sehr, eine längere Arbeit von Ihnen nächstens in Genuß und Angriff nehmen zu können, obschon mich die Lektüre des Feulletons der Köln. Zeitung täglich eine halbe Stunde länger auf dem Museum festhalten wird. Es wird aber dafür ein Hauptspaß sein einige Wochen lang täglich ein Stück Auerbach gesichert zu wissen und zu genießen nach Tisch.

Es giebt ja fast nichts mehr zu lesen von Hauptsachen Jahr aus und ein und wenn was kommt wie z. B. von Gutzkow, so ärgert man sich nur über die Roheit und den bösen Willen heutiger Talente.

Dieser Brief ist das erste was ich in einer neuen Wohnung schreibe, da ich umgezogen bin. Mein Arbeitsfenster ist zu ebner Erde und geht unmittelbar in eine Wiese hinaus, die mit schwer beladenen Aepfelbäumen bedeckt ist und eine sanfte Anhöhe hinan liegt, hinter welcher gleich der Osthimmel kommt. Da ich auch sonst anfange auf das konkrete Lebenswesen und seine Schattenjagd zu resigniren, so werde ich wohl endlich einem anhaltenden Fleiß anheimfallen an diesem gemüthlichen Fenster, und die Ruhe da suchen, wo sie längst wäre zu finden gewesen, nämlich im Tintenfaß.

Ihre Baderei in der Elbe wird bei dem schändlichen Wetter wohl ein Ende genommen haben

Ich wünsche Ihnen einen glückhaften Umzug nach Berlin und daß es Ihnen dort wohl ergehen möge. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich mich auch einmal wieder Ihrer Frau Gemahlin, im Fall sie meine Wenigkeit noch in der Erinnerung haben sollte.

Grüßend Ihr
Gottfr. Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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