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Assing an Keller - 15.12.1857

Description:  Letter by Gottfried Keller
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ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ludmilla Assing an Gottfried Keller - 15.12.1857


Berlin, den 15. Dezember 1857.

Nein, ich räche mich nicht für Ihr langes Stillschweigen, schon deßhalb nicht, weil ich dazu viel zu große Lust habe Ihnen recht herzlich zu danken für Ihren schönen, willkommenen Brief, der mir große Freude gemacht hat. Ich lese Ihre Briefe immer mehrmals, und sinne dabei vergnügt nach über Ihr eigenthümliches, seltsames Wesen, das einem so deutlich daraus entgegentritt. – Wie ich so lange nichts von Ihnen hörte, stellte ich mir zuweilen vor, Sie würden einmal plötzlich selbst bei uns erscheinen; das ist nun wohl leider kaum mehr zu hoffen, und so herzlich ich Ihnen die Professur in Ihrer schönen Heimath gönne – mir auch schon im Voraus vornehme Ihnen recht verehrungsvoll und feierlich zu begegnen, wenn Sie erst in Amt und Würden sind – so bedaure ich doch sehr daß dadurch die Aussicht in weite Ferne gerückt wird, Sie hier zu sehen. Übrigens ist es gewiß eine dankbare Wirksamkeit, indem man Andre unterrichtet, selbst auf der Bahn der Wissenschaft weiter zu streben. Ich möchte wohl einer der Studenten sein, die Ihnen zuhören werden!

Ihre Herbstfahrten und Gänge, das liebenswürdige Brautpaar, welches Sie begleitete, die Tauffestlichkeiten und die aus Gutmüthigkeit lachende Pathin haben mir viel Vergnügen gemacht. Wie schön muß es gewesen sein überall in der herrlichen Gegend umherzustreifen! Sogar bei uns war der Herbst schön wie nie zuvor, und das warme Wetter war für den Onkel so günstig, daß er sich wohler befand und noch befindet, als man es sonst in dieser Jahreszeit von ihm gewohnt ist. Da haben wir denn den Winter sehr angenehm begonnen; unsere kleinen Gesellschaften werden fortgesetzt, und unter die alten Bekannten mischen sich immer einige neue Gestalten. Zu diesen letzteren gehört Doctor Ferdinand Lassalle, der in Paris mit Heine befreundet war, und jetzt eben ein großes Werk: „Philosopie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos“ herausgegeben hat, welches allgemeines Aufsehen erregt hat, und von Humboldt, Böckh und allen andern gelehrten Größen um die Wette gepriesen wird. Lassalle ist lebhaft, von glänzendem Verstand, von ausgezeichnetem Geist. Sehr lieb ist es mir auch daß wir jetzt Herrn und Madame Franz Duncker zuweilen sehen; Madame Duncker gefällt mir sehr, sie ist munter und liebenswürdig. Der alte General Pfuel ist noch immer das bemooste Silberhaupt unserer Kaffee’s, so rüstig und aufgeweckt als jemals. Daß er und General von Willisen mit an dem Hornung’schen Unwesen Theil genommen, ist eine Thatsache, die sich leider nicht läugnen läßt. Bei unserem guten Pfuel war freilich für ihn die Hauptsache, das Ganze als einen pikanten Spaß lachend und dramatisch zu erzählen, während seine rege Phantasie ihn verleitete auf der Gränzlinie zwischen Glauben und Unglauben hin und her zu schwanken. Einen gröberen Betrug, eine geistlosere Erfindung, einen ärgeren Blödsinn kann es aber schwerlich geben als in diesen Hornung’schen Sitzungen vorkamen. Man sollte nicht glauben daß dergleichen in unserer Zeit noch möglich sei, und noch dazu in dem aufgeklärten Berlin, wo Alexander von Humboldt lebt. Und Heine’s heller Geist muß dazu so albern gemißbraucht werden! – Sogar der Geisterseher Justinus Kerner schrieb dem Onkel vor einiger Zeit mit Entrüstung über Herrn Hornung, den er persönlich kennt, und prophezeiht ihm ein Ende im Irrenhaus.

Das literarische Ereigniß des Tages sind hier jetzt die „dramatischen Werke“ von Gisela von Arnim, welche in zwei Bänden herausgekommen sind. Gewiß in vielen Jahren hat es kein Buch gegeben, das ein so einstimmiges Mißfallen, so viel Entrüstung und Verachtung hervorgerufen hätte. Die wenigsten Leser konnten, trotz der Neugierde, welche ihnen der Name der Verfasserin einflößte, die beiden Bände zu Ende bringen, alle sind darüber einig daß sie noch nirgends so viel Faselei, Geschmacklosigkeit, Unsinn und Gedankenarmuth beisammen gefunden, daß es eine so gänzliche Talentlosigkeit, einen so entschiedenen Mangel an gesundem Menschenverstand nicht zum Zweitenmale geben könne. Diese Urtheile sind um so niederschlagender, da Bettina und ihre Familie schon im Voraus aller Welt verkündet hatten „die Gisel besitze ein dramatisches Talent, welches Shakespear bei weitem überträfe!“ – Am schlimmsten ist bei diesem Ereigniß Herrmann Grimm daran, und einstweilen hat das Buch auf ihn die Wirkung hervorgebracht, ihn zu einem Einsiedler zu machen. Er ist nämlich durch diese Dramen in eine so tödtliche Verlegenheit versetzt, daß er behauptet, sie noch nicht gelesen zu haben – obgleich eines davon ihm und Joachim gemeinschaftlich zugeeignet ist – und seit ihrem Erscheinen sich keinen Abend mehr in Gesellschaft wagt, um den unausbleiblichen verwerfenden Urtheilen zu entfliehen. Die arme Gisela thut mir eigentlich leid, aber ihre Werke sind in der That nicht zu retten, und auch ich muß bekennen, daß mir noch nie etwas so Ungenießbares vorgekommen ist. Ich gehe nicht näher auf den Inhalt ein; ich denke, Sie werden sich diese Dramen selbst ansehen. – Um von dem Verfehltesten gleich auf das Beste zu kommen, muß ich doch auch die „Erzählungen eines Unstäten“ von Moritz Hartmann hier erwähnen. Welch anmuthige, tiefe, liebenswürdige Dichtungen sind das! Ich habe lange nichts gelesen, das mir solche Freude gemacht hätte. Es ist ein Zauber in diesen Erzählungen, der mich zuweilen an die Sand erinnert. Wenn nur auch erst Ihre Novellen endlich da wären! Ich glaube Sie wollen sie erst erleben, ehe Sie sie schreiben! – Was mich betrifft, so will ich nicht verschwören daß ich einmal wieder ein Buch schreibe, aber gewiß fange ich es nicht eher an, als bis ich Ihre Novellen gelesen habe, auf die ich nun schon so lange warte!

Sie bereiten mir das süße Vergnügen daß Sie meine Kritiker kritisiren: ich kann nicht anders als freudig beistimmen, auch in dem, was Sie über Gutzkow und sein „Männerschicksal“ sagen. Wahrscheinlich sind Ihnen seitdem die Angriffe der „Kreuzzeitung“ gegen mich, die von einem Herrn Tietz verfaßt sein sollen, zu Gesicht gekommen. Sie können sich denken daß ich mir daraus nichts gemacht habe, daß ich mir im Gegentheil die Angriffe eines Blattes zur Ehre anrechne, welches ich immer als einen Feind ansah, der alles dasjenige schmähte, was ich am meisten liebte und verehrte.

Über den traurigen Zustand, in dem der König sich befindet, werden Ihnen die Zeitungen berichtet haben. Eine Herstellung seiner geistigen Kräfte hält man allgemein für sehr unwahrscheinlich. Die Übergangszeit der Gegenwart ist seltsam genug. Es giebt Leute, die sich wundern daß die Regierung ohne eine eigentliche Spitze ihren gewohnten Gang weiter geht; es zeigt dies im Grunde nur wie wenig es zu regieren giebt! – Der Tod Rauch’s hat hier große Theilnahme erregt. Die hohe, edle Gestalt, der man so oftmals in den berliner Straßen begegnete, wird nun auf ewig fehlen! Rauch war das seltene und glänzende Beispiel wie schön auch noch das Alter sein kann. Wenn alle die Statuen, die er geschaffen, seinem Sarge hätten nachfolgen können, es wäre ein großartiges Leichenbegängniß geworden!

Haben Sie denn etwas Näheres erfahren von der Gewitterwolke, die über Ihres Freundes Hettner’s Haupte schwebte, indessen noch glücklich vorübergezogen ist? Fanny Stahr, die schon früher einmal einem trauernden Wittwer, dem Maler Gurlitt, eine ihrer Schwestern zur Frau aufcomplimentirte, hatte, wie es scheint, eine ähnliche Absicht mit ihrer Schwester Jettchen und Hettner im Sinne. Mir kommt vor, nach dem Gerede zu urtheilen, das über die Sache entstanden ist, als wenn Stahr’s bei ihrem langen Aufenthalt in Dresden diesen Herbst, sehr eifrig an dieser Heirath gearbeitet hätten. Sie flüsterten auch schon allen ihren Bekannten zu, Schwester Jettchen sei mit Hettner verlobt. Kaum waren sie wieder hier, so erklärten sie in den heftigsten, gegen Hettner gerichteten Ausdrücken, die Verlobung sei zurückgegangen, der Bräutigam habe sich unverantwortlich benommen. Hettner dagegen soll zu seinen Freunden in Dresden gesagt haben, es sei ihm gar nicht eingefallen weder sich zu verloben noch sich zu verheirathen! – Ich würde es bedauert haben, wenn er sich aus Schwäche eine Lewald hätte octroyiren lassen. Es ist oft schon schlimm genug, wenn die Leute sich selbst verheirathen, wenn sie aber gar Andre mit Gewalt verheirathen wollen, und das noch obendrein wie ein Geschäft betreiben wollen, das geht doch nicht!

Das Schweizerische Album ist uns nun auch zugekommen, und auch ich habe mich gefreut daß des Onkels Anzeige des „grünen Heinrich“ darin wieder abgedruckt ist. Der Onkel grüßt Sie vielmals, und freut sich Ihres freundlichen Andenkens. Duncker’s und Bülow’s erwiedern Ihre Grüße; es ist mir lieb daß Ihnen Cosima so gut gefallen hat! – Den Herren Professoren Vischer und Moleschott bitten wir unsere angelegentlichsten Empfehlungen zu bestellen!

Ich habe Ihnen heute viele wunderliche Geschichten erzählt; ich denke aber daß Sie noch immer etwas Antheil nehmen an dem was hier vorgeht. Auch möchte ich gern daß Sie nie hier fremd werden, wenn Sie auch noch so lange wegbleiben! Leben Sie wohl!

Mit aufrichtiger Freundschaft
Ludmilla.

Diesen Augenblick ist eine französische Schauspielergesellschaft hier, die vortrefflich spielt, und die ganze elegante Welt in die entlegene Blumenstraße in das Königstädter Theater lockt. Gestern mußten der Prinz von Preußen und Prinz Karl abgewiesen werden, weil alle Plätze schon vergeben waren. Der Onkel hat solches Vergnügen daran, daß wir schon dreimal dort waren, und heute wieder hinfahren. An gutem Zusammenspiel, Natürlichkeit, Lebendigkeit und Grazie könnten unsere Schauspieler viel von den Franzosen lernen. Das Stück, welches die Prinzen gestern so begierig waren zu sehen, war – „la dame aux camélias“! Es ist eines jener Stücke, die einem die ganze Welt verleiden könnten, man ist gerührt und empört zugleich. Es enthält eigentlich alles das, was die Kunst vermeiden muß, wenn sie Kunst bleiben soll. Nur der schöne Schmerz ist in ihr berechtigt, und diese Schranke ist gerade ihre Größe. Hier aber haben wir sogar Husten, Schwindsucht, ein Krankenbett mit Musikbegleitung! – Talent genug ist darin, und auch edle Züge, aber diese sind alle mit so viel Entsetzlichem verwebt. Ich möchte das Stück nie wiedersehen. Heute wird man „Fiammina“ geben.

Ring wird von Neujahr an, ein Witzblatt „Schalk“ herausgeben, welches dem „Kladderadatsch“ Concurrenz machen soll. Ich fürchte das Unternehmen wird nicht gedeihen, auch sähe ich Ring lieber auf andern Bahnen.

Ich sehe mit Schrecken, daß alle Versuche diesen Brief zu enden, mißlingen. Sie werden sagen, daß meine Briefe Sie bei dem Schreiben Ihrer Novellen stören! Leben Sie wohl!

Den 16.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
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