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Melos an Keller - 16.02.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Maria Melos an Gottfried Keller - 16.02.1881


Görlitz, Promenade 2,
den 16. Febr. 1881.

Sehr verehrter, theurer Freund!

Gestern ließ ich eine Schlesische Zeitung nach Zürich fliegen, die eine Besprechung Ihres „grünen Heinrich“ enthielt. Hatte ich Recht zu glauben, daß diese Hinterwäldler Blätter sich nicht bis zur freien Alpenluft Bahn brechen würden? Nun, wenn Ihnen eine freundliche, anerkennende Kritik doppelt unter die Augen tritt, so denke ich, ist das immer besser, als wenn es gar nicht geschieht. Vergangene Woche enthielt dieselbe Zeitung eine Besprechung der „deutschen Rundschau“ wobei Ihr „Sinngedicht“ wieder das größte Lob davon trug und es mir eine große Genugthuung war zu lesen, daß Ihre Novellen allein noch wahre Poesie und Romantik enthielten. Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie diesen Winter so fleißig begonnen u. so frisch darauf los „geschmiert“ haben. Ich zapple ordentlich darauf die neuen Novellen zu lesen – werde mich aber wohl gedulden müssen, bis dieselben als Buch erscheinen, da ich die deutsche Rundschau hier nicht zu lesen bekomme. Es ist aber wirklich eine wahre Geduldsprobe. Und eine noch viel größere finde ich die, daß der grüne Heinrich immer noch nicht in meinen Händen ist, dessen Bekanntschaft ich doch so gern erneuern möchte. Wenn Sie mir sagen, daß ich das Buch erst von der Mitte des III. Bandes wieder zu lesen brauchte, so finde ich, daß dies ein schlechter Rath ist, da ich Ihre Dichtungen immer so gern wieder lese. Hätte man nur noch mehr Zeit dazu. Ich bedaure stets all die Poesie u. Lebensweisheit, die in Ihren Werken enthalten ist, mir nur selten vor die Seele führen zu können. Der Tag ist immer so rasch dahin, ehe man etwas ordentliches gethan hat, u. wer weiß wie bald auch das ganze Leben dahin sein wird. Jetzt namentlich verfliegen die Tage rascher, weil ich den Winter bei meiner lieben Freundin verlebe, die mich schon seit Jahren gebeten hatte einmal den ganzen Winter bei ihr zuzubringen. Da mich Schwester Ida auch gut entbehren konnte, indem sie seit Anfang Dezember Besuch einer lieben jungen Freundin (Tochter des alten Eichmanns in Düsseldorf) hat, die ihr eine sehr angenehme Gesellschaft ist, so bin ich nach meinem Sommeraufenthalt in Sachsen gar nicht nach Canstatt zurückgekehrt, sondern überschritt dann gleich die Grenze nach Schlesien. Ich habe nur eins hier auszusetzen, daß es mir nämlich zu gut geht u. daß ich auf unverantwortliche Weise verwöhnt werde. Ich stemme mich freilich so viel wie möglich dagegen, aber es ist entsetzlich schwer sich in seinen alten Tagen nicht verwöhnen zu lassen. Meine Freundin ist seit einigen Jahren Wittwe u. hat keine Kinder. Sie ist eine sehr reiche, wohlthätige u. kunstliebende Frau. Ihr schönes Haus ist auf’s bequemste eingerichtet mit den herrlichsten Gemälden, Kupferstichen u. Kunstgegenständen geschmückt. Es ist von einem großen Garten umgeben – und in diesem Garten wieder befindet sich ein Gewächshaus, welches meine ganze Wonne ist. Da blüht u. duftet schon ein ganzer Frühling u. ich kann sogar „ungestraft“ hier unter Palmen wandeln. So traf mich denn Ihr lieber Brief v. 29. Dez. nicht in Canstatt in den alten gewohnten Räumen, sondern in Schlesien, wohin ihn mir Schwester Ida sandte. Wir schreiben uns fleißig u. freuen uns der guten, gegenseitigen Berichte. Nur in den letzten Wochen war ich etwas beunruhigt zu hören, daß Ida an einer leichten Rose am Fuß litt, die auch, wie es scheint, noch nicht ganz aufgehört hat zu blühen. Indessen soll es durchaus nichts Beunruhigendes sein – und Ida läßt sich dabei nicht in ihren täglichen Spaziergängen u. gelegentlichen Ausflügen stören. Wahrscheinlich hat sie Ihnen schon selbst geschrieben und Ihnen von Allem berichtet was Sie mehr interessiren wird, als was ich Ihnen melden kann. Im Frühling gedenke ich wieder gen Cannstatt zu segeln, kann aber freilich jetzt die Zeit meiner Ankunft dort noch nicht bestimmen, da ich – da ich nun einmal in Schlesien bin – noch einige Besuche bei Freunden abstatten muß.

Und nun vergessen Sie mir auch nicht die versprochene Photographie zu schicken, auf welche ich mich sehr freue. Welcher Künstler hat denn das Oelbild im Jahr 1873 geliefert? Sie werden mir doch nicht weiß machen wollen, daß Sie nur damals „schön“ waren? Wahre Dichter haben ein Privilegium auf Schönheit. Wer will überhaupt über Schönheit streiten? Sie läßt sich auch nicht definiren u. kunstgerecht auseinander legen. Ich habe oft Schönheiten beobachtet, die andern Menschen unverständlich waren und die mir den Eindruck einer himmlischen Seligkeit machten, von der man auch nur dann u. wann eine Ahnung hat. Uebrigens habe ich auch ein doppeltes Anrecht auf Ihr Bild, weil mir Schwester Ida damals gleich Ihre Kabinetphoto. wegnahm u. dieselbe für ihre Sammlung behielt.

Auch kann ich gar nicht mit Ihnen über die „Schändlichkeit“ übereinstimmen, Sie zu Gevatter zu bitten. Wissen Sie nicht, daß Sie mit jedem Pathenkinde eine Stufe höher in den Himmel rücken? Lassen Sie sich deshalb nur die Einkäufe von Pasteten, Torten, Confect, Schaumünzen etc. gefallen, da sie Ihnen gewiß hohe Zinsen einbringen werden. Es ist auch ganz gut, daß Sie sich einstweilen auf die Gevatterschaft vorbereiten, die Ihnen einmal mit mir bei Percy’s Erstgeborenem blüht. Vor der Hand hat der Betreffende aber noch keine Braut u. wir haben Zeit zur Sammlung für den feierlichen Moment. Einstweilen will ich dem lieben, zukünftigen Herrn Gevatter ein recht herzliches Lebewohl sagen, denn meine prosaische Unterhaltung taugt gar nicht für ein „Sinngedicht“. Gott behüte Sie theurer Freund! Ihrer Muse den lieblichsten Frühlingssonnenschein, der jetzt unsere Fluren erquickt u. den letzten Schnee schmelzen wird.

Ohne Wandel
Ihre
alte Freundin
Maria Melos.

  
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