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Keller an Hettner - 16.04.1851

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Hermann Hettner - 16.04.1851


Berlin d. 16t. April 1851.

Lieber Hettner!

Sie haben mir durch Uebersendung Ihres trefflichen Manuskriptes eine große Freude bereitet und ich danke Ihnen auf das Wärmste dafür. Fast bedaure ich, daß der Genuß ein so einseitig egoistischer war und ich Ihnen nicht wenigstens mit einigem gegründeten Tadel nützen und vergelten kann. Ich weiß nicht, liegt es an der durchgehenden Vortrefflichkeit Ihrer Schrift, oder meinerseits an einem Mangel an höherer Uebersicht u Belesenheit, daß ich wirklich mit dem besten Willen nichts zu sagen weiß. Der beste Ausweg wird der sein, daß unsere Ansichten und Erfahrungen zu gleich sind, als daß sich eine erhebliche Bemerkung entwickeln könnte. Beim Beginne der Lektüre glaubte ich mehr Eingehen in das eigentlich Poetische beanspruchen zu müssen, habe mich aber alsobald bekehrt durch die Klarheit und den festen Verlauf Ihrer Schrift selbst. Ich habe demzufolge dieser Privatliebhaberei für das sogenannt spezifisch Poetische den letzten Abschied gegeben, indem ich fühlte, daß sie rein als Sache des produzirenden Individuums vorausgesetzt werden muß und nicht zur prinzipiellen Verhandlung gehört. Diese kindliche Freude an der wunderlichen Situation und an der poetischen Ausführung hat die Stürmer u Dränger u nachher die Romantiker bestochen und ihren kritischen Blick verwirrt, so daß wir noch jetzt an den letzten Narrheiten zu dauen haben. Die wunderbare u gewaltige poetische Ausführung in den Historien des Shakesp. hat die Leute verführt, daß sie das Ganze für muster- und endgültig hielten, und die nachherigen Täuschungen verursacht, indem es sich erwies, daß gerade diese Ausführung sowenig wieder erreicht werden konnte, als der Schillersche Idealismus von den Jambenmachern eingeholt wurde.

Ihr Buch entwickelt sich sehr schön und lehrreich durch das Wesen der historischen Tragödie hindurch bis zum bürgerlichen Trauerspiele und findet sich zuletzt in diesem wieder auf der Höhe der wahren Geschichte. Schneidet schon der Abschnitt über die bürgerl. Trag. tief in unsere Gegenwart ein, so verspreche ich mir um so mehr von „der Oekonomie der tragisch. Kunst“ die beste Wirkung. Es ist hier kein Wort, das sich nicht geltend machen wird; freilich werden viele Herren sich wundern, daß alles so einfach u natürlich scheint und doch von keinem gemerkt worden ist in der allgemeinen Gedankenlosigkeit. Ungeheuer begierig bin ich, was Ihre köstliche Besprechung des Erbförster für Gesichter produziren wird. Hier ist doch Grund vorhanden, sich ein wenig zu schämen. Ich freue mich sehr auf den übrigen Theil Ihrer Arbeit; hoffentlich werden Sie das Ganze bald herausgeben.

Nur Einen unmaßgeblichen Wunsch habe ich auf dem Herzen, betreffend den historischen Cyklus oder auch die Trilogie. Ich möchte nämlich (d. h. nur in diesem bescheidenen Briefe) daß Sie die Zulässigkeit desselben nicht unbedingt und für alle Zeiten verwerfen. Wenn wir von den zu erwartenden großen Dichtern der Zukunft sprechen, so setzen wir natürlich auch größere Zustände und eine gewaltige Geschichte voraus, was uns zwingen wird, zugleich auch ein gebildetes u bewußtes Volk anzunehmen. Alsdann, glaube ich, könnte da oder dort der Fall eintreten, wo ein Volk oder ein Stamm ein solches mit seinem eigensten Sein durchwebtes Stück ruhmvoller Geschichte, getragen von großen Personen oder Ereignissen, durchlebt hätte und es zugleich mit seinem ganzen Gemüthe empfände, daß der dramatische Abschluß und die poetische Verklärung ihm ein Bedürfniß wäre. Dies Volk hätte dann gewiß so viel Bildung und geistige Ausdauer, daß es entweder einen solchen sein eigenes Schicksal kristallisirenden Cyklus entweder an hohen Festtagen nach einander aushalten, oder sich bei jedem einzeln gegebenen Theile orientiren könnte, indem ihm das Ganze immer geläufig wäre. Es kann natürlich nicht die Rede sein von einem grundsätzlichen u schulmeisterlichen Verfahren, sondern nur von der Berechtigung des einzelnen vorkommenden Bedürfnisses. Dieses Bedürfniß würde nur da ganz hervortreten, wo eine Nation durch die behandelte Geschichte große errungene Wahrheiten und einen schönen Triumph über sich selbst wie über ihre Feinde im konzentrirten Lichtbilde genösse. Wo nun eine Monotragödie nicht ausreichte, müßte eben der Cyklus herhalten; denn ich würde mit Liebe ausgeführte Abschnitte einem gewaltsam zusammengepreßten u allzu simbolischen~ Dichtwerke vorziehen, welches auch weniger im Sinne des Volkes liegt. Doch ist dies alles noch in blauer Ferne und ich möchte einzig ein theoretisches Schlupfloch nicht ganz verstopft wissen, welches übrigens durch ein glänzendes Faktum bald wieder eingestoßen ist.

Den Melchior Meyr, über den Sie sich mit Recht so moquiren, habe ich öfter in der Gesellschaft gesehen, er ist ein Intimikus von Rötscher und es wird nächstens ein Franz v. Sickingen von ihm hier aufgeführt, welcher nach der Aussage seiner eigenen Freunde ein pures Schulmeisterwerk sein soll. Er sieht auch gerade nicht aus wie ein Poet. Bachmayrs Stück ist endlich zu haben und ich werde es dieser Tage kaufen, und mit großem Intresse lesen.

Ich lese jetzt den Schiller Körnerschen Briefwechsel (nachträglich!) und ergehe mich daher in den Gegenden, die Ihnen zu Ihrem künftigen Wirkungskreise angewiesen sind. Mögen die freundlichen Geister Sie freundlich umschweben und segnend an der Gränze entgegenkommen, wenn Sie dieser Tage Ihren Einzug halten, wozu ich herzlich Glück wünsche.

Mit nochmaligem Danke empfehle ich mich feierlichst Ihrer ganzen verehrten Dreifaltigkeit.

Ihr Gottfr. Keller

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich Ihnen endlich jenes erste Trauerspiel senden werde. Ueberhaupt bitte ich Sie, an die Unvermeidlichkeit jedes meiner angekündigten Produkte zu glauben, wenn das Fatum den unglücklichen Leser auch noch so spät einholt!

  
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