Title:

Keller an Hettner - 16.07.1853

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Hermann Hettner - 16.07.1853


Berlin d. 16t. Juli 1853.

Lieber Hettner!

Ich kann es nun nicht länger anstehen lassen, so schwer es mir auch fällt, durch einen leeren Brief ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich habe vor 1½ Jahren eine Summe von Ihnen geliehen und diese unglückliche That droht unser Verhältniß gänzlich zu Grunde zu richten. Ihren letzten Brief, worin Sie mir mittheilten, daß Sie das Geld brauchten, habe ich ein Jahr lang unbeantwortet gelassen, weil ich mich schämte, einen leeren Brief zu schicken und lieber Alles drauf ankommen ließ, bis ich im Stande wäre, mich durch die That zu rechtfertigen. Leider ist mir dies auch jetzt noch nicht möglich, während es mich peinigt, fast die Gewißheit zu haben, daß sich indessen eine üble Meinung von meinem Charakter bei Ihnen ausgebildet hat. Und dennoch, obgleich hievon die Schuld ganz an mir läge, würden Sie mir Unrecht thun. Wenn ich Ihnen verschiedentlich versprach, meine Verpflichtung bald zu lösen, so glaubte ich selbst aufrichtig daran und nur ein dämonisches Ungeschick in wie außer mir hinderte mich. Ich bin leider keine Lorenz Kindleinsnatur, welche bei Wasser und Sorgen immer munter drauf los schreibt. Das verworrene Netz von Geldmangel, kleinen Sorgen, tausend Verlegenheiten, in welches ich mich unvorsichtiger Weise mit meinem Eintritte in Deutschland verwickelte, wirft mich immer wieder zur Unthätigkeit zurück; die Mühe, wenigstens der täglichen Umgebung anständig und ehrlich zu erscheinen, drängt die Sorge für die Entfernteren immer zurück, und die fortwährende Aufregung, die man verbergen muß, diese tausend Nadelstiche absorbiren alle äußere Produktivität, während freilich das Gefühl und die Kenntniß des Menschlichen an Tiefe und Intensität gewinnen. Ich würde mir diese drei letzten Jahre später nicht abkaufen lassen. So rückten meine Sachen mit fabelhafter Langsamkeit vorwärts, welche Sie, als rühriger u fleißiger Mann nur begreifen können, wenn Sie einst das Detail kennen. Alles dies wird nun bald ein Ende nehmen, denn es ist nun Zeit. Wenn der Roman heraus und etwas Dramatisches fertig ist, so werde ich aus der Schweiz eine radikale Verbesserung meiner Lage bewirken und überhaupt ein andrer Mensch werden. Vieweg wird nächstens drei Bände des Romans versenden und der vierte wird Ende August nachfolgen. Er ist auch des Teufels! Das Eine Mal schreibt er mir, das Buch sei seiner Meinung nach das Beste in seiner Art und es müsse Erfolg haben, das andere Mal macht er mir Grobheiten. Ein Lustspiel habe ich nun ganz voll und reich zusammengedacht und ich hätte es längst in acht Tagen geschrieben, wenn ich nicht das Wort gegeben hätte, nichts anderes zu machen, ehe der Roman fertig ist, und gerade dies schien ein Fluch zu sein, daß der unselige nicht fertig wurde. Die Heine-Romanzero Geschichte werde ich der 2t. Auflage meiner Gedichte einverleiben, welche Vieweg auf Michaelis veranstalten will. Zunächst werde ich zwei Bändchen Novellen machen, welche Vieweg drucken will; diese werden in 2 Monathen fertig sein und den Grund zu einer einstweiligen fortlaufenden Erwerbsquelle legen. Allen Constellationen nach und nach dem, was ich auf dem Theater floriren sehe, habe ich durchaus keinen Grund, in Bezug auf meine Dramen muthlos zu sein. Ihr griechisches Buch habe ich, obschon ich es bekommen konnte, nicht gelesen, weil es mir zu peinliche Vorstellungen erregte, sowie mir Ihr Name immer ein Vorwurf ist, wenn ich ihn irgendwo erwähnt finde. Monsieur Widmann war im letzten Frühjahr hier und hat 14 Thaler für Droschken ausgegeben, um in Berlin wieder eine Anstellung zu suchen, hat sie aber nicht gefunden. Er ist ein ganz miserabler Schwätzer und hat auch über Sie geschimpft, sowie über andere Ehrenleute, ganz blödsinnig und taktlos. Fangen Sie gerade keine Händel mit ihm an, aber nehmen Sie sich in Acht vor ihm. Seine Erzählungen am warmen Ofen sind ein interessantes Beispiel, wie man heut zu Tage ohne Beruf scheinbar gute und doch schlechte Bücher macht. Absichtlich gemachte Studien in Wald und Feld, Reminiszenzen, gute Notizen, den Bauern und Jägern abgefragt und aufgeschrieben, zierliche Sächelchen appetitlich zusammen geschmiedet und mit reinlichem Style vergoldet, aber inwendig nicht eine Spur von Nothwendigkeit, von durchgehender Tiefe, und nichts fertig; man muß gestehen, die Leutchen geben sich heutzutage doch einige Mühe. Wenn Stahr nicht ganz versimpelt wäre, so würde er etwas von den Kniffen gemerkt und das Ding nicht als „klassisch“ austrompetet haben.

Doch ich vergesse, daß ich nicht zu diesen Plaudereien berechtigt bin, ehe Sie mir mit einigen Zeilen schreiben, ob Sie bös sind oder nicht, und ob Sie mir zu meiner Verurtheilung noch eine Frist von einigen Monaten geben wollen? Ich glaube Sie ernstlich versichern zu können, daß Sie dies nicht bereuen werden.

Ihr Gottfr. Keller

Mohrenstraße 6.

Ich habe in letzter Zeit einige gute Bekanntschaften gemacht und andere in Aussicht und werde sobald thunlich einen Frack erwerben, um aus meinem Fegefeuer glorreich hervorzusteigen.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum