Title:

L. Duncker an Keller - 16.08.1876

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Lina Duncker an Gottfried Keller - 16.08.1876


Weissenstein bei Solothurn 16 / 8 76

Danke bestens, lieber Herr Keller, für die baldige Antwort; auf Ihren Besuch will ich lieber rasch und großmüthig verzichten wenn Sie nur einen Tag Zeit haben. Sie sind nicht in Zürich sondern eine Station jenseits, hätten vier Stunden Bahnfahrt bis Solothurn und fänden am Bahnhof keinen Omnibus. Auch keine regelmäßige sonstige Beförderung findet Statt. Der Wirth hält mit dem Wirt zur Krone in S. einige allerliebste leichte Planwagen die angespannt werden, wenn herauf oder herunter sich Passagiere finden. Ist man der einzige Passagier so kostet die 2½ stündige Auffahrt Einen 20 Francs. Es ist der Preis nicht zu hoch, für die Leute, die durch längeres Bleiben die Sache ausnutzen, aber für einen Tag ein Unsinn. Dazu die Hitze die im Unterland sein muß, nein es ist nichts, selbst wenn Freund Rodenberg mir zu Liebe Ihnen Dispens für 2-3 Tage gäbe mag ich Ihnen die Anstrengung nicht zumuthen. Die Freundschaft hält auch noch vor, wenn ich auf leichtere Bedingungen für eine Begrüßung warte. –

Dß Sie mir so wenig Humor zutrauen, Ihren Brief vom Winter übel zu nehmen thut mir leid; jedenfalls haben Sie nach meinem Weißensteiner Schreiben schon eine bessere Meinung von demselben, denn die Stelle von der Behandlung der Enkelkinder übertrifft diejenige von den „Hauskatern“ bei Weitem.

Ja, aber Sie haben Recht, das eigentlich Schlimme in der Welt, ist, dß man alt wird, Alles kann gebessert werden Das ist das Fatum wie es im Buch steht. – Zum Glück kommt es mir aber so komisch vor, dß ich „solches Gewürm“ habe wie ich Ihnen augenscheinlich als Großmutter eine lächerliche Person bin, und ich habe es den Leuten, die mich bei Gott Monatelang nur noch in dieser einzigen Eigenschaft anredeten, titulirten, zu sehen wünschten, längst abgewöhnt, auf die direkte Verwandlung meiner Unweisheit in Weisheit, meiner braunen Haare in graue, meiner Lebhaftigkeit in eine rechtmäßige Gesetztheit zu hoffen. – Ich fühle gar kein Talent in mir zu irgend einer offiziellen Stellung, aber einen Widerwillen sogar gegen jede Oktroyirung von Gefühlen. Lieber Himmel man thut seine Schuldigkeit. Das bischen persöhnliche Freiheit, einen Rest von persöhnlichem Geschmack für Menschen und Zustände und Lebensart muß man sich zu bewahren suchen, – gehe es auch manchmal drunter und drüber und arg über uns her.

Das Gedicht was Sie gemacht haben und schicken möchten ist ein Gelegentheitsgedicht für eine Zunft die einen Pokal einweihen wollte. Da Sie so leicht mit dem Besuch davon kommen, werden Sie gewis sich gern durch die Ubersendung erkenntlich beweisen. –

Der Freund ist der Professor Wilhelm Scherer aus Straßburg, ein großer Kenner und Freund Ihrer Schriftstellerei; ich hätte mir gern das Verdienst erworben, Sie bekannt mit einander zu machen, und weiß, Sie hätten Beide es mir gedankt und sich gut miteinander befunden. Aber Scherer ist jung, flott, frisch, kommt schon mal nach Zürich, da haben’s dann die Herren unter sich noch bequemer. Sie dürfen auch was Sie zuweilen gerne thun über mich schimpfen, denn er ist einer meiner ältesten Hauskater und läßt nichts auf mich kommen was ungerecht wäre.

Bayreuth!! Aus Ihren wenigen Worten sehe ich, dß es sehr schade ist wenn Leute wie Sie nicht hingehen. Ich fürchte, dß wenig Unbefangene und gar keine Leute mit kritischem Geschütz da sein werden. Die Wagner Clique ist groß, gut eingeseift, die am Platz erscheinende lithographirte Korrespondenz gut und von lange her thätig, die 100 Thaler Entrée Preise verschließen Manchen die Pforte zu den Mysterien u. s. w. Mein Gatte schwärmt bedenklich, bedenklich, denn er wird für die Volkszeitung schreiben. Interessirt es Sie so schicke ich Ihnen das Feuilleton gerne. Ich sah eine Probe von Rheingold sah den „Meister“ der über und unter dem Wasser, vor und hinter den Kulissen schwebte. Blieb kühl bis an’s Herz hinan. – Aber reizend liegt das Festspielhaus. Auf luftiger Anhöhe. Daneben zwei von Holz und Leinen gefertigte sehr heitere Restaurants-Lokale. Da, und auf dem Fußsteig zu der Höhe hinan schwärmt das lustige Künstlervölkchen einher. Trinkend singend, schwatzend raisonirend. – Eine Probe anzusehen war sehr nett, feierlich und ernst wie zu einem Feste oder einem zu erwartenden Kunstgenusse dazusitzen, das wäre mir rein unmöglich. Ganz gewiß würde ich auch, trotz Mann und Kindern die durch Dick und Dünn mit Wagner gehen, hinausgeworfen.

Vorläufig nun Adieu, ich freue mich auf die Rundschau Arbeit und bleibe überzeugt, dß Sie ein guter Freund sind

Ihrer
L. Duncker

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum