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Keller an Exner - 16.12.1881

Description:  Letter by Gottfried Keller
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deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Gottfried Keller an Adolf Exner - 16.12.1881


Zürich (Bürgli) 16. XII. 81.

Lieber Freund! Mit heutiger Post lasse ich unter Kreuzband mein letztes Geschreibsel an Sie abreisen, damit Sie sehen, daß ich noch an Sie denke. Die ersten 70 Seiten sind im Jahr 1855 in Berlin geschrieben. Genau an der abgebrochenen Stelle fuhr ich hier auf dem Bürgli im December 1880 fort, als ob inzwischen nichts geschehen wäre. Vorher hab’ ich aber den Franz Dunker, den ursprünglich bestimmten Verleger, der inzwischen um Vermögen und Verlagsgeschäft gekommen, mit ziemlichen Zinsen entschädigt, was er mit warmen Danksagungen aufnahm und behauptete, ich sei der einzige Freund, der ihn im Unglück nicht verlasse. So habe ich von meiner Faulheit und Liederlichkeit unerwartete Ehre aufgelesen und bewunderte meinen edlen Charakter, den ich gar nicht gekannt hatte.

Neulich war Johannes Brahms in Zürich und führte uns seine schöne Meistermusik auf. Ich war mehrmals mit ihm zusammen und er erzählte mir von Ihnen, z. B. daß Sie alle Ferien nach Italien gingen u. s. w. Ich schwindelte auf sein Anrathen ihm vor, daß ich einmal zu geeigneter Zeit nach Wien kommen und mit Ihnen über den Brenner gehen wolle. Gescheidter wird es aber sein, wenn ich meinerseits über den Gotthard gehe und Sie irgendwo jenseits treffe, wenn es so weit kommt.

Ich sollte freilich nicht von solchen Dingen schreiben, ohne zu wissen, ob Sie nicht etwa in irgendeiner Weise von dem Feuerelend berührt oder wenigstens davon in trüber Laune sind. Sie erinnern sich vielleicht der kleinen Wirthin Stucki auf dem Café Safran dahier? Diese häßliche aber lebenslustige 50jährige Person ging als Wittwe, um sich des erworbenen Geldes zu freuen, vor einigen Jahren nach Wien und liegt jetzt auch in dem Schutte des Ringtheaters; denn sie ist unter den Vermißten verzeichnet. Als die Bourbaky’s in Zürich waren, hatte sie immer eine Corona französ. Officiere um ihr Büffet herumstehen und machte tausend Späße.

Wie raucht sich denn Ihr Herr Stammhalter? Gedeiht er? Versteht er schon was vom Pfandrecht oder steckt er noch im barbarischen Naturrecht der Windelvölker? Empfehlen Sie mich der schlanken Mama recht schön, so weit es mit einem sölchen Shokinger möglich ist, wie ich bin.

Leben Sie wohl und essen Sie demnach nicht zuviel Zucker über den Jahreswechsel, zu welchem ich Ihnen im Voraus alles Gute wünsche sammt Ihrem ganzen Civilstandswesen.

Ihr alter
Gottfr Keller

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
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