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Gottfried Keller an Lina Duncker - 17.11.1855Geehrteste Frau Dunker! Da wie ich höre Herr Dunker verreist ist, so will ich mich mit diesen Zeilen an Sie wenden in der Hoffnung, daß Sie dieselben aufnehmen möchten, wie sie gemeint sind. Ich bin in den letzten Monathen etwas verbittert und verbohrt gewesen, da allerhand tolles Zeug über mich ergangen ist und ich gezwungen war so lange in Berlin zu bleiben. Da ich aber nun in acht Tagen endlich abreise, so bin ich so zufrieden und vergnügt, daß Alles mir in einem vernünftigeren Lichte erscheint und muß vornehmlich Ihnen ein großes Unrecht abbitten, das ich gegen Sie begangen habe. Als ich nämlich jüngst bei Wagner war, verleitete mich der Dr. Frese durch sein ewiges Fragen zu großem Zorne, daß ich mich gänzlich vergaß und ohne Rücksicht auf den Ort und die Gesellschaft über Sie raisonnirte. Auf seine Frage nämlich, die er mir an allen öffentlichen Orten immer zuruft, ob die Novellen fertig wären, sagte ich nein, ich hätte sie bei Seite gelegt; auf die Frage warum? weil ich die Lust verloren hätte, für Sie zu arbeiten! und auf die Frage: warum dies? weil Sie mich ungezogen behandeln, da Sie mich nicht ein einziges Mal mehr rufen ließen und ich gar nicht wüßte, woher diese Ausschließung käme, nachdem Hr. Dunker einen Contrakt mit mir abgeschlossen, und ich ließe mich nicht wie eine Strohpuppe behandeln, die man nach Laune in ein Haus ziehen und wieder hinauswerfen könne. Hierauf hielt mir Frese eine grobe Predigt, daß ich Sie besuchen müsse etc vom Standpunkte eines höflichen Gesellschaftsmenschen aus und mit dem Verständniß eines solchen, worauf ich anfing ihm auseinanderzusetzen, daß ich ohnehin nicht mehr zu Ihnen kommen könne, weil ich Ihnen mehrmals meine Meinung vom Dr. Vehse gesagt, Sie aber seither diesen fortwährend bei sich sähen, während ich seit Monathen gänzlich ignorirt werde; ich verbreitete mich über diesen Gegenstand mit einiger Heftigkeit. In der Sache selbst bin ich noch der Meinung und wenn ich länger in Berlin bleiben würde, so würde ich überhaupt in kein Haus mehr gehen, in welchem der Dr Vehse Zutritt hat; denn dieser ist ein abscheulicher Mensch. Aber es war Unrecht von mir, mich so zu vergessen und diese Dinge in einer Bierkneipe zur Sprache zu bringen; ich habe das nächste Mal, wo ich hinkam, erklärt, daß ich es bereue und daß ich Unrecht gethan hätte, und bitte hiemit nun auch Sie herzlichst um Verzeihung, indem ich Alles als ungesprochen zu betrachten bitte, was ich in dieser Materie dort gesagt. Da ich von den hiesigen sozialen Uebelständen nun befreit bin, so wünschte ich wenigstens da, wo ich eine Zeit lang gern hingegangen bin, mit äußerlichem Frieden und Anstand abzuziehen, zumal mich nun diese sämmtlichen Dinge nichts mehr angehen. Obgleich ich weiß, daß Sie, Frau Dunker, ein Taugenichts sind, so kann ich Ihnen doch nicht ernstlich böse sein und muß Sie schließlich immer wieder gern haben, und hiemit können Sie auch ein wenig zufrieden sein; denn diejenigen, welche ich gründlich hasse und verachte, sind nicht zu beneiden. Ich bitte Sie, Herrn Dunker zu sagen, daß ich sein Buch in Zürich so rasch als möglich fertig machen werde; in Berlin habe ich seit vielen Wochen keine ruhige Stunde mehr; es soll aber nicht sein Schade sein; denn ich glaube, es wird ein ganz gutes Buch werden. Sollte er aber wünschen, aus der Sache heraus zu sein, so würde ich augenblicklich für einen Verleger sorgen, der sie übernähme. Und hiemit leben Sie wohl, wenn Sie diesen Abschied wohl aufnehmen mögen, und bessern Sie sich auch ein Bischen nach meinem Beispiel. Ihr ergebenster Gottfr. Keller. |
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