Title:

Keller an Hettner - Jan. 1855

Description:  Letter by Gottfried Keller
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
  Wir empfehlen:       
 

Gottfried Keller an Hermann Hettner - Januar 1855


Lieber Hettner!

Ihre Anzeige hat mich angenehm und auch sehr unangenehm überrascht. Ersteres in der Hoffnung, Sie werden sich in Dresden wohl befinden und weil die Schweizer für ihr läppisches Benehmen bestraft werden. Ich hatte um Nachricht gebeten und keine erhalten, obgleich ich erfuhr, daß man auf Sie spekulire und überhaupt für Aesthetik etwas Ordentliches thun wolle; so hat man auch eine Gypssammlung beschlossen, obschon eine ganz artige kleine Sammlung da ist mit den Hauptfiguren (außer den großen Gruppen). Gegen mich benimmt man sich ebenfalls so sonderbar. Seit ich die Literatur Geschichte abgesagt, hat mir kein Mensch ein Wort geschrieben, und doch erwartet man immer noch, daß ich mich stelle. Kürzlich reis’te ein Major durch nach England mit einem großen Schnauz, der mir mündlich zu sagen beauftragt war, aber ganz lakonisch, ich sollte unverzüglich nach Hause kommen, da nunmehr die Dinge sich entscheiden. Ich werde mich aber wohl hüten zu gehen, obschon meine Mutter mich ebenfalls flehentlich antrieb, da der Professor und der fixe Gehalt ihr sehr in die Nase stechen und sie von meinen dortigen Freunden aufgestachelt wurde. Aber gerade, die Art wie ich mich erst zeigen soll und der Umstand, daß man mich nicht schlechthin, ohne Anmeldung und Verhör berufen kann, beweist mir, daß ich es nicht thun kann. Es würde jetzt unter allen Umständen ein bloßes gezwungenes Unterkommen sein. Wenn dergleichen wünschbar ist, so hoffe ich binnen 2 Jahren soweit zu sein, daß ich mich an der Anstalt als Privatdozent habilitiren kann, und alsdann einen so selbständigen und brauchbaren Kram vorzubringen, daß man mich honoris causa anstellt oder anstellen muß, und nicht aus Barmherzigkeit.

Nächste Woche wird wohl endlich der vierte Band meines Buches erscheinen Bei Scheube, der nun in Gotha residirt, wird auf Ostern ein Band Charackteristiken von mir erscheinen, novellistischer Natur, mit dem Titel, die Leute von Seldwyla. Die eigentlichen Novellen habe ich noch aufbehalten und will nun sehen, wie sich Hr. Vieweg schließlich stellen wird.

Dieser Tage war Bogumil Golz bei mir. Es ist ein alter Herr von 54 Jahren, und persönlich angesehen, ist sein Mystizismus zu begreifen und zu verzeihen, da er ein leidenschaftliches Original ist, der es im Grunde ganz menschlich und freisinnig meint. Es geht ihm schlimm, indem die Konservativen sagen, er sei kein Christ, die Demokraten, er sei reaktionär. Er ist so ehrlich, daß er den Pfaffen, die ihm Glaubensbekenntnisse abzwingen wollen, heraussagt, er glaube gar nicht an ihren Gott u. s. f. Jedenfalls etwas durcheinander, wie mir scheint. Indessen ist es schändlich, daß die Kritik ihn so oberflächlich behandelt; es ist, als ob alles, was man heutzutage mit guten Gründen und mit Fleiß schreibt, nur so Kohl wäre, von dem man selbst nicht wisse, wie man dazu komme; die Herren urtheilen immer nach sich selbst. Golz hat auch immer Quängeleien mit der Unterbringung seiner Bücher und mußte bis jetzt jedesmal eine theure Reise machen, um sein Manuskript an Ort und Stelle zu verhandeln. Damit er ein wenig in die Konkurrenz hinein kommt, so könnten Sie einmal (da sie gewiß besser im Credit stehen, als ich) bei Vieweg anfragen, ob er G’s Schriften unter guten Bedingungen zu verlegen geneigt wäre? Ich glaube, Sie könnten ihn wohl darauf aufmerksam machen, wie Golz gewiß noch ein sehr gelesener Autor werden wird. Der Grenzbotenschmidt ist doch zuweilen nicht übel; seine letzte Nummer, wo er die Waldau u Gutzkow durchhechelt, ist sehr ergötzlich.

Da Sie nunmehr strikte auf den geheimen Rath zu gehen, so empfehle ich mich mit aller Ehrfurcht, besonders auch der Frau Gemahlin, welcher zu Ihrem jüngsten Kinde in meinem letzten Briefe schlechter Weise zu gratuliren vergessen.

Ich hoffe, Sie seien alle recht gesund und wohl. Hr. Widmann hat hier ein Drama Nausikaa eingereicht; der probirt auch alles, ob es helfen möchte, wird aber nichts helfen.

Wenn Sie Zeit haben, so machen Sie doch sofort nach Empfang des 4t. Bandes die Schlußrezension. Für die künftigen Sachen werde ich Sie nichtmehr plagen, da ich von mir aus alle künftigen Bücher sich selbst überlassen werde. Diesmal aber ist es noch nöthig wegen des Buchhandels, denn der Vertrieb muß durch den 4t. Band gerettet werden.

Obschon ich sehr betrübt bin, daß Sie nicht nach der Schweiz kommen (besonders auch weil man nicht weiß was für ein Esel jetzt hinkommt [(]Kinkel ist ganz unmöglich des deutschen Bundes wegen) so hat die Sache doch die gute Seite, daß ich mich auf der Heimreise unter Ihrer Aegide unter der Dresdener Bande umsehen kann. Vor Mai werde ich nun nicht mehr fortkommen, indem ich doch hier noch das Lustspiel und das Trauerspiel machen will. Ich stehe jetzt täglich um 5 od. 6 Uhr auf, und gehe um 12 zu Bette und verbrenne wöchentlich für 22 sgr. Oehl.

Ihr alter G. Keller.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic site:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Abend auf Golgatha
Abendlied an die Natur
Abendlied
Abendregen
Alles oder nichts
Am Brunnen
Am Himmelfahrtstage 1846
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum